Explosionen - Polizei will Serienkiller jetzt zermürben

Der Nervenkrieg verschärft sich: Seit mehr als 24 Stunden belagern Hunderte von Polizisten das Haus des mutmaßliche Serienkillers. Explosionen sollen ihn einschüchtern.
| dpa
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Der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse ist nach Angaben von Präsident Nicolas Sarkozy identifiziert. Der schwer bewaffnete Verdächtige hat sich in einem Mehrfamilienhaus verschanzt, dessen Bewohner gegen Mittag evakuiert wurden.
AP Der mutmaßliche Serienmörder von Toulouse ist nach Angaben von Präsident Nicolas Sarkozy identifiziert. Der schwer bewaffnete Verdächtige hat sich in einem Mehrfamilienhaus verschanzt, dessen Bewohner gegen Mittag evakuiert wurden.

Der Nervenkrieg verschärft sich: Seit mehr als 24 Stunden belagern Hunderte von Polizisten das Haus, in dem sich der mutmaßliche Serienkiller von Toulouse verschanzt hält. Explosionen in der Nähe des Wohnhauses sollen ihn einschüchtern.

Paris – Die französische Polizei will den mutmaßlichen Serienkiller mit einer Zermürbungstaktik zum Aufgeben zwingen. Seit mehr als 24 Stunden belagern Hunderte schwer bewaffnete Polizisten das Haus, in dem sich der vermutliche Attentäter von Toulouse verschanzt hält. Sie haben Gas und Strom gekappt und mehrere Explosionen in der Nähe des Wohnhauses ausgelöst, um ihn einzuschüchtern. Die nach den ersten drei Detonationen am späten Mittwochabend verbreiteten Spekulationen, dass die Erstürmung des Hauses begonnen habe, wurden vom französischen Innenministerium dementiert.

Die Explosionen seien Einschüchterungsmanöver, um den Druck zu erhöhen. Offensichtlich setzen die Elitepolizisten darauf, dass der Mann irgendwann erschöpft aufgibt oder mit wenig Risiko überwältigt werden kann. „Er sagte, er wolle sich stellen, er hat seine Meinung geändert, wir erhöhen den Druck auf ihn“, erklärte ein Spezialist der Nachrichtenagentur AFP. Insgesamt wurden in der Nacht zum Donnerstag zwischen 5 und 6 Detonationen ausgelöst. Bei den Explosionen sollen Tür und Fenster der Wohnung aufgesprengt worden sein, wie der französische Fernsehsender BMF-TV berichtete.

Zu dem 23-Jährigen bestehe kein Kontakt mehr, hieß es in der Nacht. Zu Beginn des Einsatzes hatte der Mann mit automatischen Waffen auf Polizisten gefeuert, die sich der Wohnung näherten, und mindestens zwei von ihnen verletzt. Im Austausch gegen ein Telefon übergab er der Polizei später einen Colt – die mögliche Tatwaffe bei den Morden an insgesamt sieben Menschen in Südfrankreich in den vergangenen Tagen. Bei dem Verdächtigen, den die Polizei über Spuren im Internet ausfindig gemacht hatte, soll es sich um einen dem Terrornetz Al-Kaida nahe stehenden Extremisten namens Mohamed Merah handeln.

Im Telefonkontakt mit der Polizei habe er zugegeben, dass er schon für Mittwoch einen weiteren Anschlag gegen einen Soldaten geplant hatte. Zudem habe er zwei Polizisten töten wollen. Der Franzose algerischer Herkunft soll in Toulouse und Umgebung drei Soldaten sowie bei seinem Anschlag auf eine jüdische Schule am Montag drei jüdische Kinder und einen Rabbiner kaltblütig erschossen haben. Mehrere Personen aus seinem Umfeld wurden festgenommen, darunter waren die beiden Schwestern und Brüder sowie die Mutter des Mannes. Ein Bruder sympathisiere mit den extremistischen Salafisten, die Mutter habe seit längerem wegen ihrer Nähe zu radikalen Salafisten unter Beobachtung gestanden, sagte Innenminister Claude Guéant.

Er betonte jedoch, dass der Verdächtige bei seinen Taten allein gehandelt habe. Die Geheimdienste hätten ihn schon seit längerem beobachtet. Im Gespräch mit Polizisten bedauerte der Mann am Mittwoch, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben, wie der zuständige leitende Staatsanwalt François Molins in Toulouse sagte. Er habe sich gerühmt, Frankreich in die Knie gezwungen zu haben. Den Ermittlern zufolge fand die Polizei einen Motorroller, mit dem der Verdächtige wohl zu den Orten seiner Verbrechen fuhr, sowie eine Kamera, mit der er seine Taten möglicherweise filmte. Noch gesucht wurde ein Auto, in dem Waffen und Sprengstoff vermutet wurden. Die Elitepolizisten versuchten am Mittwoch mehrere Male vergeblich, in Merahs Wohnung in einem Mehrfamilienhaus einzudringen.

Jedes Mal drängte er sie mit Schüssen aus schweren Waffen zurück. Ein Beamter erlitt einen Knieschuss, einen zweiten getroffenen Polizisten bewahrte seine schusssichere Weste vor schweren Verletzungen. Im Tagesverlauf brachte die Polizei alle anderen Hausbewohner in Sicherheit, nachdem sie zuvor auf eine Evakuierung zunächst verzichtet hatte. Das umstellte Gebäude befindet sich in einem ruhigen Wohnviertel der südfranzösischen Stadt. Der Mann, den Nachbarn als höflich und hilfsbereit schilderten, war nach Angaben der Ermittler zweimal in Afghanistan, zuletzt Ende 2011. Nach Angaben afghanischer Behörden wurde er dort 2007 verhaftet und floh später – möglicherweise bei einem Massenausbruch 2008 – aus einem Gefängnis in der Taliban-Hochburg Kandahar.

Merah erklärte im Gespräch mit Polizisten, er habe stets allein gehandelt. „Er bedauert nichts“, sagte Staatsanwalt Molins. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Innenminister Guéant forderten, den Mann lebend zu fassen, damit er sich vor Gericht verantworte. Sarkozy warnte vor Rachegedanken und einer Vermengung von Religion und brutalem Extremismus. Bevor die Kommunikation mit der Polizei gegen Mittag zwischenzeitlich abbrach, betonte der Mann nach Angaben von Minister Guéant, er stehe dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe.

Er sei in Afghanistan und Pakistan gewesen und habe den gewaltsamen Tod palästinensischer Kindern rächen wollen. Er habe auch ein Zeichen gegen die französische Militär-Präsenz in Afghanistan setzen wollen. Guéant bestätigte, dass die Ermittler ihm kurz nach dem Anschlag auf eine jüdische Schule am Montag über das Internet auf die Spur kamen. Das erste Opfer – einen Soldaten – kontaktierte er über eine Internet-Verkaufs-Plattform, wo dieser sein Motorrad verkaufen wollte. Per Mail wurde ein Treffpunkt vereinbart. Die von Polizisten identifizierte IP-Adresse konnte den Angaben einem Computer zugeordnet werden, der der Mutter des Verdächtigen gehört.

„Das hat bei den Ermittlungen die Wende eingeleitet“, erläuterte der Minister. In Jerusalem wurden die vier Opfer des Mordanschlags auf die jüdische Schule bestattet – ein Lehrer und Rabbiner mit seinen zwei kleinen Söhnen sowie eine weitere Schülerin. Hunderte Trauergäste versammelten sich auf dem Friedhof, darunter der französische Außenminister Alain Juppé. Die Leichen waren in der Nacht per Flugzeug nach Israel gebracht worden. An einer ebenso bewegenden Trauerfeier für die drei Soldaten im südfranzösischen Montauban nahm Sarkozy teil. Er sprach von „terroristischen Exekutionen“.

 

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