Experte über Amok-Fahrer von Trier: "Er hat im Tatrausch gehandelt"

Am Dienstag hat ein Mann in Trier mehrere Menschen überfahren. So schätzt ein Experte die Tat ein.
| Leonie Meltzer
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Ein Absperrband der Polizei nahe der Fußgängerzone, in der ein Auto mehrere Menschen erfasst und nach ersten Erkenntnissen zwei von ihnen tödlich verletzt hat.
Harald Tittel/dpa Ein Absperrband der Polizei nahe der Fußgängerzone, in der ein Auto mehrere Menschen erfasst und nach ersten Erkenntnissen zwei von ihnen tödlich verletzt hat.

Trier - AZ-Interview mit Dr. Christian Lüdke: Der 60-Jährige aus Essen ist Psychotherapeut, Trauma-Experte und Autor ("Profile des Bösen und wie man sie erkennt - eine Anleitung").

AZ: Herr Dr. Lüdke, was bewegt einen Menschen zu solch einer Tat wie jetzt in Trier?
CHRISTIAN LÜDKE: Das klingt nach einem Menschen, der sehr aggressiv ist, mit einer hohen kriminellen Energie. Diese entspringt in aller Regel aus Ohnmachtsgefühlen und Bindungsstörungen. Das könnte ein Mensch sein, der absolut gescheitert ist. Der sich möglicherweise als Versager gefühlt hat - beruflich, persönlich, familiär - in vielerlei Hinsicht gescheitert. Er hat einen unglaublichen Frust und Aggressionen aufgebaut, die sich dann in der Amokfahrt entladen haben. Es ist denkbar, dass er die Gesellschaft für sein eigenes Scheitern in der Welt verantwortlich macht und sich durch die Tat an ihr rächt.

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Glauben Sie, er hatte dieses Blutbad geplant?
Er will durch die Tat mit einem geringen Aufwand einen größtmöglichen Schaden anrichten, so wie er es gemacht hat. Das ist in den meisten Fällen geplant. Das wird er möglicherweise vorher in seiner Fantasie mehrfach durchgespielt haben. Kein normal gesunder Mensch würde so handeln, auch nicht im Affekt, egal wie wütend oder aggressiv er in einer bestimmten Situation ist. Ich halte es für wahrscheinlich, dass er die Tat geplant und nicht im Affekt gehandelt hat. Ein Affekt ist eine starke emotionale Reaktion wie Wut oder Aggression, die durch unterschiedliche Reize ausgelöst werden kann.

Welchen Auslöser könnte es gegeben haben?
Alkohol kann die Hemmschwelle erniedrigen und eine Tat verstärken. Alkohol macht von sich aus nicht aggressiv, Alkohol holt aus einem Menschen nur das heraus, was vorher schon drin gewesen ist. Bei einer Amokhandlung wird normalerweise der eigene Selbstmord inszeniert. Hierzu ist es nicht gekommen, weil der Täter zuvor gefasst wurde. Es kann zusätzlich einen depressiven Anteil geben in Verbindung mit dieser enorm hohen kriminellen Energie und Aggression. Was noch dazu kommt, ist eine Impulskontrollstörung.

Amok-Fahrt von Trier: Das Auto war die einfachste Waffe

Können Sie das genauer erklären?
Es ist keine Beziehungstat, er kannte die Menschen, die er getötet hat nicht. Es waren unschuldige Menschen, die da sterben mussten, und das zeigt, dass er seine Impulse in keiner Weise kontrollieren konnte. Er hat in einem regelrechten Tatrausch gehandelt. Sicherlich enthemmt durch den Alkohol, aber das spricht dafür, dass die Tat über längeren Zeitraum geplant gewesen sein könnte.

Es wird von psychischen Erkrankungen des Täters ausgegangen. Können Sie einschätzen, um welche es sich handelt?
Aus der Ferne nicht. Was ich sagen kann, ist, dass psychische Erkrankungen immer Beziehungsstörungen sind. Das können aktuelle sein innerhalb der Familie oder der Partnerschaft. Oder im Umfeld, zum Arbeitgeber zum Beispiel. Oft gehen diese Beziehungsstörungen bis in die Ursprungsfamilie hinein. Aber welche Störung genau, kann ich nicht sagen. Das geht von depressiven und paranoiden Störungen bis hinzu schwersten Psychosen.

Die Waffe war sein SUV. Ein paar Tage vor der Tat hat er sogar in seinem Auto übernachtet. Welche Bedeutung könnte der Wagen für ihn haben?
Das Auto war für ihn das einfachste Mittel, um sein grauenhaftes Vorhaben umzusetzen. Generell gilt: Das Auto wird bei vielen Menschen beim Fahren zu einem integrierten Raumbewusstsein. Es kann Teil der Identität werden. Das Auto war für den mutmaßlichen Täter offensichtlich eine leicht verfügbare Waffe.

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