"Etwas gerät aus dem Gleichgewicht": Zoff um 12.000 Gästebetten in Südtirol
Südtirol ist ein touristischer Hotspot, keine Frage. Im vergangenen Jahr zählte die Alpenregion insgesamt 38,1 Millionen Übernachtungen, ein Plus von fast drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Bei den deutschen Urlaubern scheint zwar ein gewisser Sättigungseffekt eingetreten zu sein – deren Zahl ist um etwa 100.000 zurückgegangen. Der Massentourismus an sich steht aber außer Frage – und treibt immer mehr Dörfer in die Notwehr gegen aufdringliche Besucher wie etwa in St. Magdalena, einer als schönstes Dorf Südtirols geltenden Ortschaft im Villnößtal.
Doch jetzt gibt es auch noch Zoff, der von der Politik ausgelöst wurde: Ein Vorschlag des Landesrats für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tourismus Luis Walcher von der Südtiroler Volkspartei (SVP) sorgt für heftige Kritik.
Laut dem italienischen Rundfunksender Rai soll eine ganz bestimmte Frist verlängert werden – die für den Bau von 12.000 neuen Gästebetten. Werden sie bis September nicht verbaut, so Rai, verfallen die entsprechenden Rechte – eigentlich. Walcher möchte nämlich, dass die entsprechende Frist auf fünf Jahre verlängert wird – vier Jahre hatten die Betriebe bereits Zeit, den Bettenbau zu bewerkstelligen.
"Die Unsicherheit nach Corona war groß"
Rai zitiert Walcher mit der Begründung: "Zum einen haben viele die Baumöglichkeit aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nicht genutzt. Zum anderen war die Unsicherheit nach Corona groß – niemand wusste, wie der Tourismus wieder starten würde.“ Der Tourismus müsse nun langsam wachsen.

Der Dachverband- für Natur- und Umweltschutz in Südtirol ist empört. "Schon jetzt sind unsere Straßen nicht mehr imstande, den touristischen Autoverkehr abzuwickeln", heißt es in einer Stellungnahme. "Auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind häufig überlastet, sodass die hier lebenden Menschen in ihrem Alltag eingeschränkt sind."
Das düstere Fazit des Verbands: "12.000 Betten bedeuten umgerechnet über 100 neue Hotelbauten, die wiederum viele Hektar Landschaft zerstören, gesunde Böden versiegeln und große Trinkwassermengen benötigen."
Dann kommen auch neue Seilbahnen
Zudem seien nicht nur die Betten allein das Problem. Ein Ausbau der Übernachtungsmöglichkeiten in dieser Dimension bringe auch andere Folgen mit sich wie etwa neue Seilbahnen, breitere Skipisten, "mehr Speicherbecken, mehr Schneekanonen, mehr Parkplätze, mehr Straßen und mehr Energie".

Der Dachverband zeigt sich enttäuscht. "Die Landesregierung ist daher gut beraten, diesen Vorschlag der SVP-Leitung klar und deutlich abzulehnen“, fordert die Vorsitzende des Dachverbandes Elisabeth Ladinser.
Auch die Grünen in Südtirol, die Partei Verdi Grüne Vërc, ist in Rage. Sie wirft der Regierung "Salamitaktik" vor und beklagt "Ausnahmen für weitere 7000 Betten, die über die Gemeinden vergeben werden, und weitere 1000 Betten aus dem Kontingent des Landes", sodass am Ende " bald 300.000 Gästebetten in Südtirol" zustande kämen.
Etwas gerät aus dem Gleichgewicht in unserem Land
"Das bedeutet noch mehr Menschen, die hier Urlaub machen. Noch mehr Verkehr. Noch mehr Belastung für die Infrastrukturen. Noch mehr Belastung für die Menschen, die hier leben." Der Tourismus in Südtirol belaste "wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig die Menschen, die dauerhaft hier leben". Und weiter: "Etwas gerät aus dem Gleichgewicht in unserem Land."

"Albtraum droht wahr zu werden"
In dieselbe Kerbe haut auch der Heimatpflegeverband: "Die von der Bevölkerung erwartete Bettenobergrenze würde damit auf die lange Bank geschoben und mindestens weitere 12.000 Betten würden zum heutigen Übermaß an Beherbergungskapazität dazu gebaut", empört sich der Verband. Ein "Albtraum droht wahr zu werden".
Der Verband, der sich unter anderem für Naturschutz und Denkmalpflege einsetzt, sagt zwar: "Den heutigen Wohlstand verdanken wir vor allem dem Tourismus, der mittlerweile bis in die hintersten Regionen unseres Landes vorgedrungen ist und unserem Land zu dem verholfen hat, was es heute ist."

Aber: "Gefährlich wird es, wenn begonnen wird, mit Werten hemmungslos umzugehen, für die wir uns tagtäglich einsetzen, und wir mit ansehen müssen, wie unsere eigene Kultur mit Füßen getreten wird. Die Wirtschaft darf nicht das Maß aller Dinge sein. Eine gesunde Umwelt und eine unversehrte Naturlandschaft wird Südtirol langfristig gesehen eine reichere Dividende bringen."
Luis Walcher, der die Tourismus-Debatte mit seinem Vorschlag angeheizt hatte, sei "erst einmal auf Tauchstation gegangen", schreibt die Südtiroler Wirtschaftszeitung, widmet nun zunächst einem weiteren Reizthema: dem Wildcampen.
Mit einer neuen Verordnung, teilte die Landesregierung mit, solle "das Parken von Fahrzeugen so geregelt werden, dass öffentliche Stellplätze und Parkflächen nicht dauerhaft von Campern besetzt werden. Zudem soll damit dem Entstehen von hygienisch-sanitären Missständen und der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch die unrechtmäßige Nutzung des öffentlichen Grundes für Campieren und/oder Biwakieren vorgebeugt werden". Der Tourismus in der schönen Region wird noch für weitere heftige Debatten sorgen.
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