Erdbeben in Lombok: Der Münchner Holger Weimann im AZ-Interview

In Indonesien halten sich viele Touristen auf. Ein Münchner schildert im AZ-Interview, wie er das Beben auf einer Nachbarinsel erlebt hat.
| Interview: Nina Job
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Der Münchner Holger Weimann hat das Beben auf einer Nachbarinsel von Lombok erlebt.
Holger Weimann 5 Der Münchner Holger Weimann hat das Beben auf einer Nachbarinsel von Lombok erlebt.
Der Münchner Holger Weimann hat das Beben auf einer Nachbarinsel von Lombok erlebt.
Holger Weimann 5 Der Münchner Holger Weimann hat das Beben auf einer Nachbarinsel von Lombok erlebt.
TV-Bildschirm, Einrichtungsgegenstände: Das Haus ist verwüstet.
privat 5 TV-Bildschirm, Einrichtungsgegenstände: Das Haus ist verwüstet.
Auch das Geschirr ist zu Bruch gegangen.
privat 5 Auch das Geschirr ist zu Bruch gegangen.
Die Evakuierungen per Schiff sind in vollem Gange.
privat 5 Die Evakuierungen per Schiff sind in vollem Gange.

Rechtsanwalt Holger Weimann (47) aus München ist auf Gili Trawangan.

AZ: Herr Weimann, Sie sind auf der Insel Gili Trawangan, einer kleinen Nachbarinsel von Lombok. Wie haben Sie das Erdbeben erlebt?
HOLGER WEIMANN: Es war gegen 19.45 Uhr und schon stockfinster. Es war ein Riesenschreck, wir wurden hin und her geworfen, Gegenstände flogen durchs Zimmer. Wir haben versucht, uns unter die Betten zu rollen, aber dort war zu wenig Platz. Dann haben wir unter dem Esstisch Schutz gesucht.

Ist das Haus eingestürzt? Unseres zum Glück nicht, andere ja. Unser Haus ist erdbebensicher gebaut, ein Holzhaus auf Stelzen – wie die Häuser auf Java. Wir haben Glück gehabt! Ich bin sehr froh, dass wir in so einer guten Unterkunft sind.

Wie ging es weiter?
Die Stromversorgung und das Handynetz sind zusammengebrochen. Wir waren erst einmal völlig abgeschnitten und ohne Informationen. Die Menschen haben aus Angst vor einem Tsunami alle ihre Häuser verlassen und sind in einer riesigen Karawane auf einen Hügel gezogen. Den Weg haben sie sich mit ihren Handys und Lampen geleuchtet. Es war eine beklemmende Stimmung. Wir hörten immer wieder Schreie, dann rannten Menschen los. Es entstand auch Panik. Wir haben uns hinter einen Busch gekauert. Einheimische setzten sich im Kreis zusammen, sangen und beteten. Und jedes Mal, wenn die Erde zitterte, riefen sie zu Allah. Es war gespenstisch. Oben auf dem Berg waren Katastrophenhelfer, die Schwimmwesten trugen. Erst nach und nach hat es sich wieder etwas beruhigt.

Wie haben Sie den Rest der Nacht verbracht?
Wir haben draußen auf dem Sofa in unserem Haus gelegen. Unser Wohnzimmer ist im Freien. Aber wir haben kaum geschlafen. Alle zehn bis 20 Minuten gab es neue Erdstöße. Diese Nachbeben kann man sich etwa so vorstellen, wie wenn man mit dem Fahrrad über einen Feldweg fährt. Oder wie die leichte Erschütterung, die eine einfahrende U-Bahn verursacht. Die Nachbeben sind nicht gefährlich. Das Problem ist die Psyche. Wir sind mental wahnsinnig erschöpft. Weil man nie weiß, ob es wieder losgeht.

Haben Sie Kontakt zur deutschen Botschaft in Jakarta?
Nur per Mail. Sie ist telefonisch nicht erreichbar. Man muss ein elektronisches Formular ausfüllen. Daraufhin habe ich zwei Links geschickt bekommen, zum örtlichen Katastrophenschutz und zu einem Twitter-Account. Die Informationen, die man vor Ort bekommt, sind fast ausschließlich in Indonesisch.

Haben die Insel inzwischen schon viele verlassen?
Die Evakuierungen per Schiff sind im Gange. Seit in der Früh um 5 Uhr warten im Hafen Hunderte Menschen. Aber es hieß, die Schiffe würden sie nach Lombok bringen, von wo sie verteilt werden sollen – das hieße ins Epizentrum. Ich halte das für gefährlicher, als erst einmal hierzubleiben. Auch die britische Konsulatsvertretung warnte davor. Es gibt auch Touristen, die für 1300 Euro einen Hubschrauber gechartert haben. Momentan fühle ich mich hier sicher. Man kann immer nur in kleinen Schritten denken.

Update: Holger Weimann hat Dienstagfrüh (7. August) den letzten Platz auf einem Boot nach Bali bekommen. Noch konnten nicht alle Menschen die Insel verlassen. Er berichtete der AZ, viele seien verzweifelt. Es gebe Berichte über Plünderungen und eine Vergewaltigung. 


Hilfe aus Bayern: Humedica schickt ein Team

Die Menschen in Lombok brauchen jetzt Hilfe. Schnell und unbürokratisch. Der Verein Humedica mit Sitz in Kaufbeuren hat ein Hilfsteam losgeschickt, wie Sprecherin Lisa Wolff der AZ sagt.

Insgesamt werden vorerst sechs Personen zur medizinischen Versorgung im Einsatz sein: Sonja Diekmann aus Peißenberg, Markus Hohlweck und Benjamin Latzel aus Bonn, Matthias Gerloff aus Tübingen, Alexander Jouwena aus dem belgischen Heusden und Klaus Ruhrmann aus Rheda-Wiedenbrück.

Die lokale indonesische Organisation Alpha Omega hatte Humedica um Hilfe gebeten. "Wir haben bereits in vergangenen Notsituationen mit Alpha Omega zusammengearbeitet, sodass wir schnell eine Einsatzentscheidung getroffen haben", sagt Humedica-Geschäftsführer Wolfgang Groß.

Erst einmal wird das Team nach Bali fliegen – auch dort war das Beben zu spüren. Von dort wird Alpha Omega den Weitertransport nach Lombok organisieren.

Die Helfer werden zunächst bis zu zwei Wochen bleiben, so Wolff. Dann werde man sehen, wie es weitergeht. Allein bei dem ersten, schwächeren Erdbeben Ende Juli hatte es 350 Verletzte gegeben.

Bei Facebook schrieb der Verein am Montag: "Bitte steht uns zur Seite: Wir brauchen Euch jetzt!"

Humedica schickt nicht nur Helfer, sondern sammelt auch Spenden für das betroffene Gebiet. Hier kann man im Internet spenden.

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