Ein junger Mann im Rollstuhl, der Fahrstühle sammelt

Hendrik Sandmann (16) sitzt im Rollstuhl und hat Asperger. Dadurch hat er ein spezielles Interesse entwickelt: Aufzüge. Auf seinem Blog sammelt er Tausende Fotos – und wünscht sich mehr Toleranz.
| Rosemarie Vielreicher
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Weit über 50.000 Fotos von Aufzügen hat Sandmann in seiner Sammlung.
ho Weit über 50.000 Fotos von Aufzügen hat Sandmann in seiner Sammlung.

Osnabrück - Aufzüge lösen gemeinhin gemischte Gefühle aus. Die einen sind froh drum, weil sie keine Treppen mögen. Bei anderen steigt der Blutdruck – nur beim Gedanken daran. Stichwort: Platzangst. Wieder andere wünschen sich sehnlichst einen, weil sie im fünften Stock wohnen und es müßig ist, die Einkäufe hochzuschleppen. Und es gibt auch solche, die Aufzüge ganz bewusst links liegen lassen, um wenigstens ein bisserl Bewegung in den Alltag zu integrieren.

So fasziniert von Aufzügen wie Hendrik Sandmann (16) aus Westerkappeln bei Osnabrück sind aber wohl nur die wenigsten – und das obwohl er sogar schon mal in einem stecken geblieben ist. Der Jugendliche sammelt leidenschaftlich gern Bilder von Fahrstühlen und veröffentlicht diese auf seinem eigenen Blog im Internet.

Darum sammelt Hendrik Aufzüge

Viele mögen sich nun fragen: warum ausgerechnet Aufzüge? Der junge Mann sitzt seit klein auf im Rollstuhl, er ist auf die technischen Helfer angewiesen. Tag für Tag. Rauf und runter. Deswegen nehme er sie auch bewusster wahr als andere Menschen, sagt er zur AZ. Sie sind für ihn ein Mittel zu mehr Freiheit: "Durch Fahrstühle ist es mir möglich, mich wie andere Menschen frei zu bewegen." Dazu kommt eine Diagnose, die man dem Jugendlichen nicht ansieht: Der 16-Jährige hat das Asperger-Syndrom wie etwa auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg. Diese Unterform des Autismus kennzeichnet sich dadurch, dass Betroffene "in Teilgebieten besonders hohe Intelligenz" aufweisen, heißt es auf der Seite des Bundesverbandes Autismus Deutschland.

Nicht nur Spezialgebiet, sondern auch Spezial-Durchhaltevermögen

Zum ersten Mal beschrieb der österreichische Arzt Hans Asperger 1938 die Symptome – später bekam das Syndrom seinen Namen. Die Interessen und Gewohnheiten solcher Menschen können besonders und speziell sein – wie auch in Hendrik Sandmanns Fall.

Aber er hat nicht nur ein Spezialgebiet, sondern auch ein Spezial-Durchhaltevermögen: "Ich habe schon 52.990 Fotos von Aufzügen", sagt er. Darunter sind nostalgische aus Holz und mit Gitter, die aussehen, als könnte man mit ihnen eine Zeitreise unternehmen, modern-metallige oder auch einfach praktisch-pragmatische.

Weit über 50.000 Fotos von Aufzügen hat Sandmann in seiner Sammlung.
Weit über 50.000 Fotos von Aufzügen hat Sandmann in seiner Sammlung. © ho

Auf seinem Blog ruft er dazu auf, ihm Aufnahmen von Aufzügen zuzusenden. Im Detail wünscht er sich ein Bild vom geschlossenen Aufzug, eines vom geöffneten und eines von den Daten des Lifts. Auch in Corona-Zeiten bekommt er weiterhin Bilder, denn er schreibt für seine Passion mutig und ohne Scheu Unternehmen an. Und zum Beispiel auch die Abendzeitung. Freunde helfen ihm ebenso bei seiner Sammlung via WhatsApp.

"Ich möchte genauso wahrgenommen werden wie andere auch"

Nun ist bei solch einem ausgefallenen Hobby klar, dass es Menschen geben wird, die es seltsam finden. Aber auch hier hat der Jugendliche, der selbst offen und vorurteilsfrei in die Kamera lächelt, ein Spezial-Selbstbewusstsein: "Mir ist es egal, wenn jemand mein Hobby komisch findet. Es ist nun mal mein Hobby, genauso wie andere Briefmarken sammeln oder Bücher lesen", sagt er der AZ.

Er spricht auch offen über das Asperger-Syndrom und drückt aus, was dadurch für ihn anders ist: "Ich nehme zum Beispiel Gefühle anders wahr als andere, und bin bei vielen Geräuschen schreckhafter als andere. Mir fällt es zum Beispiel auch schwer, bestimmte Dinge richtig zu interpretieren und Freundschaften zu knüpfen."

Sandmann will keine Spezial-Behandlung

Was er nicht will, ist eine Spezial-Behandlung: "Ich möchte trotz meiner Behinderung genauso wahrgenommen werden wie andere Menschen auch, und möchte auch fair behandelt werden." So berichtete eine lokale Zeitung schon im Jahr 2013 über ihn, weil er eine normale Schule besuchte und dort zeigte, dass Inklusion möglich ist. Damals als Drittklässler mochte er am liebsten Mathe an der Tafel und Nudeln auf dem Teller. Und er hatte einen ausgefallenen Berufswunsch, der im Rückblick nicht überrascht: "Ich möchte Aufzug-Mechaniker werden."


Die Aufzug-Seite von Hendrik Sandmann ist unter https://fahrstuhlbilder.blogspot.com/ zu finden. Fotos von Fahrstühlen kann man ihm per E-Mail an folgende Adresse schicken: aufzugfotos@gmail.com

Lesen Sie auch: Verena Bentele - "Mich berührt die große Energie der Menschen"

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