Interview

Echter Tatortreiniger erzählt: "Wer den Leichengeruch nicht abkann, kann den Job nicht machen"

Thomas Kundt ist ein echter Tatortreiniger. Welche skurrilen Entdeckungen er in Wohnungen schon gemacht hat, was er bei einsamen Menschen oft findet und ob er Angst vor dem Lebensende hat.
| Rosemarie Vielreicher
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Vom Finanzberater zum Tatortreiniger: Thomas Kundt in seiner Arbeitskleidung.
Vom Finanzberater zum Tatortreiniger: Thomas Kundt in seiner Arbeitskleidung. © Lenny Rothenberg

AZ: Herr Kundt, die Serie "Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel ist Kult - aber warum wird man freiwillig im echten Leben Tatortreiniger? Noch dazu, wenn man vorher wie Sie einen Job als Finanzberater hatte?
THOMAS KUNDT: Ich bin mehr oder weniger hineingerutscht. Ich interessiere mich für Antiquitäten und habe immer mal wieder als Hobby Haushaltsauflösungen gemacht. Irgendwann hat mich ein Kripo-Beamter angesprochen, ob ich nicht Tatortreiniger werden wolle. So ging es los. Ich habe mir das anfangs auch so wie beim "Tatortreiniger" vorgestellt: überall frisches Blut. Das stimmt nicht so ganz.

Wie ist es wirklich?
Die meisten stellen sich dabei wohl gruselige Krimi-Geschichten vor, aber geschätzt zu 60 Prozent sind es Verstorbene, die Opfer unserer Gesellschaft geworden sind.

Inwiefern?
Sie sind einsam gestorben, lagen länger in ihrer Wohnung. Manchmal Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre - selbst das gibt es.

Wie kann das sein?
Wenn ein gewisses Guthaben auf dem Konto ist, mit dem die normalen monatlichen Kosten gedeckt werden können, dann fällt das erstmal nicht auf.

"Man kann als Tatortreiniger definitiv nicht behaupten, man hat schon alles gesehen"

Und es keine Angehörigen oder Nachbarn gibt, die sich kümmern ...
Ja. Was ich bei meiner Arbeit schon häufiger erlebt habe: Sehr einsame Menschen haben oftmals den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stehen. Das ganze Jahr über! Sie waren nicht zu faul, ihn wegzuräumen, sondern das gab ihnen ein Gefühl von Geborgenheit. Deswegen sage ich immer: Mit jemandem in einem Mehrfamilienhaus ein kurzes Gespräch zu führen, das dauert vielleicht 30 Sekunden, aber man war damit vielleicht der einzige Kontakt für einen einsamen Menschen an diesem Tag und hat ihn damit bewegt.

Was Sie mit dem TV-Tatortreiniger definitiv gemeinsam haben: Sie erleben unfassbar viel Skurriles. Sie haben schon einen abgefallenen Zeh in einem Schuh gefunden, ein abgetrenntes Ohr oder auch tote Frettchen im Gefrierfach. Was war das Absurdeste, was Ihnen bisher als Tatortreiniger passiert ist?
Man kann als Tatortreiniger definitiv nicht behaupten, man hat schon alles gesehen, denn am nächsten Tag öffnet sich eine Tür und man denkt: unglaublich! Ich habe in einer Wohnung einmal unzählige Gläser mit Kot im Schrank gefunden - beschriftet mit Namen von Frauen. Oder eine Gummipuppe, die im Schrank saß.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über Einsätze in völlig vermüllten Messie-Wohnungen. Was hätten Sie niemals gedacht, was manche horten?
Wenn bei Aldi gerade Kräuterbutter im Angebot ist, und man fünf Kartons davon kauft - zum Beispiel. Oder aber auch alles, was mit Erotik zu tun hat: Wir hatten mal eine Wohnung, in der lagen über 1.000 Pornofilme. In einer anderen Wohnung haben wir ein paar Hundert Akkuschrauber entdeckt.

Wofür waren denn die?
Der Bewohner hatte auf die Akkus Leuchtdioden gesteckt - als Lichtquellen, überall im Haus. Nachts war das richtig gruselig in der Wohnung, man fühlte sich permanent beobachtet - ich dachte dann ja tatsächlich, es sitzt jemand im Schrank, aber das war nur diese Gummipuppe, die mich angeguckt hat.

Serien-Vergleich: "Diese Stories passieren wirklich!"

Die fiktiven Geschichten beim "Tatortreiniger" treffen die Realität also ganz gut?
Ich bin Fan! Ich habe alle Folgen in wenigen Tagen durchgeschaut, noch bevor ich meine Karriere angefangen habe. Dass immer frisches Blut zu finden ist, stimmt mit der Realität zwar nicht überein - aber diese Stories, die da erzählt werden, sowas passiert wirklich! Ich war auch schon mal im Keller eingeschlossen und habe einmal in einem der Häuser eine Prostituierte kennengelernt.

Ihre Mutter war damals bei Ihrem allerersten Einsatz sogar dabei und hat mitgeputzt. Sie hat das also unterstützt. Wie aber reagieren andere Menschen darauf, wenn Sie erzählen, dass Sie Tatortreiniger sind?
Wenn ich früher bei Hochzeiten war und mich richtig gut unterhalten habe, kam nach etwa einer halben Stunde die Frage: Was machst du eigentlich beruflich? Wenn ich geantwortet habe: "Ich bin Finanzberater" - zack, weg! Jetzt sage ich: Sonderreinigungskraft mit Desinfektionshintergrund. Oft bekomme ich zu hören: "Da erlebst du bestimmt verrückte Sachen!" Der Job wirkt anziehend wie ein Magnet.

Komisch: Eigentlich will man selbst mit dem Tod so wenig wie möglich zu tun haben, aber die Tatortreinigung fasziniert viele. Warum?
Wir lechzen doch alle nach spannenden Geschichten - ich denke, es hängt damit zusammen.

Wie wird man eigentlich Tatortreiniger? In Deutschland ist das keine geschützte Berufsbezeichnung.
Ich bin damals völlig blind gestartet und dachte, eine Gewerbeanmeldung reicht und dann wird das schon. Das stimmt so nicht. Mittlerweile bin ich staatlich geprüfter Desinfektor, habe Lehrgänge zur Tatortreinigung besucht - und unsere Firma bietet solche mittlerweile selbst an.

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Es ist nicht nur normales Saubermachen, wie Sie in Ihrem Buch schildern - ein Stichwort als Beispiel: Wasserstoffperoxid. Was genau hat es damit bei der Tatortreinigung auf sich?
Das ist zum einen ein Desinfektionsmittel - das Gute: Es löst sich in Wasser und Sauerstoff auf, ist also sehr umweltneutral und ohne schädliche Rückstände. In der Tatortreinigung verwenden wir es auch deswegen, weil Wasserstoffperoxid auf Blut reagiert. Das heißt: Es fängt zu schäumen an - und dadurch weiß man, ob noch Blutrückstände zu finden sind.

Vom Reinigungsmittel zum Mentalen: Wie hält man es als Tatortreiniger aus, wenn man auf Blut, Leichensaft oder etwa den Geruch eines Toten trifft?
Beim Geruch fängt es schon an: Wir haben häufig nicht nur den der Leiche, sondern sind auch in Wohnungen am sozialen Rand im Einsatz. Dort finden wir oft verwahrloste Zustände vor, Messie-Wohnungen, verfallene Lebensmittel, offene Verpackungen, offene Lebensmittel, Urin und so weiter - diese Gerüche finde ich fast schlimmer. Da bekomme auch ich manchmal noch einen Würgereflex. Aber ganz klar ist: Wer den Leichengeruch nicht abkann, der kann den Job nicht machen. Und auch die Psyche spielt eine Rolle.

"Man sollte ein lebensbejahender Mensch sein"

Das heißt?
Wenn jemand sehr negativ denkt, würde ich diesen Job nicht empfehlen. Man sollte schon ein lebensbejahender, fröhlicher Mensch sein.

Lebensbejahend, obwohl man jeden Tag mit dem Tod in Berührung kommt?
Gerade deswegen! Ansonsten holen einen diese Schicksale der Verstorbenen ein und ziehen das eigene Gemüt runter.

Welche Schicksale haben Sie denn besonders berührt?
Ich habe eine Frau bei einem Auftrag kennengelernt, die in der Wohnung, die ich gereinigt habe, fast mit einem Hammer von ihrem Partner erschlagen worden wäre. Sie war so ein beeindruckender Mensch mit einer starken Persönlichkeit.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch, wie Sie mit dieser Frau nach der Tat zusammen Briefe des Täters aus der JVA geöffnet haben. Er versuchte, sie wieder für sich zu gewinnen.
Ja, wir saßen dabei im Auto. Bei dem Gedanken bekomme ich heute noch Gänsehaut. Ich bin kein Psychologe, aber in solchen Momenten zählt manchmal einfach nur, da zu sein und zuzuhören. Auch bei Angehörigen ist es oftmals so, dass sie mit einem darüber sprechen, sich das Leid von der Seele reden wollen.

Wie packen Sie das emotional?
Ich habe ein Buch geschrieben - "Nach dem Tod komm ich" (lacht).

"Es gibt so viele Dinge, die wir als unsere kleinen Geheimnisse hüten"

Damit haben Sie das Erlebte also verarbeitet?
Ja, ich denke schon. Auch das Bühnenprogramm ist eine gewisse Verarbeitung. Ich halte es für wichtig, soweit es möglich ist, offen darüber zu kommunizieren. Aber natürlich nicht über alles - das wäre taktlos.

Aber Sie stoßen schon auf sehr intime Details der Toten.
Man kann sich ja selbst mal die Frage stellen: Wenn ich sterbe, was wird dann in meiner Wohnung gefunden, was ich nach außen hin nicht erzählt habe? Sexuelle Neigungen, finanzielle Situation, eine verheimlichte Liebe. Es gibt so viele Dinge, die wir als unsere kleinen Geheimnisse hüten. Die erfahre nach dem Tod dann ich, weil ich an vorderster Front bin.

Fühlen Sie sich da manchmal wie eine Art Voyeur, wenn man so sehr in die Privat- und Intimsphäre eindringt?
Ich bin sehr neugierig, das liegt einem einfach im Blut, wenn man sich für Antiquitäten interessiert. Aber als Voyeur fühle ich mich nicht. Manchmal erzählen mir auch die Angehörigen etwas über die Verstorbenen. Je mehr ich über die jeweiligen Personen erfahre, desto besser.

Thomas Kundt mit Tarkan Bagci: Nach dem Tod komm ich; dtv, 16,95 Euro.
Thomas Kundt mit Tarkan Bagci: Nach dem Tod komm ich; dtv, 16,95 Euro. © dtv

Warum?
Dann stelle ich mir im Nachhinein nicht so viele Fragen und kann den Fall besser abhaken.

Auch in Ihrer Familie mussten Sie sich schon mit Krankheit und Tod auseinandersetzen: Ihre Mutter hatte Krebs, die Oma Demenz. Wie geht man richtig mit dem Tod um?
Der Tod gehört zum Leben dazu und ist ein wichtiger Bestandteil. Und wirklich tot ist man erst dann, wenn sich niemand mehr erinnert. Wir haben für sie ein schönes Grab gemacht, die Erinnerung bleibt also. Schade ist es nur, dass die beiden das alles jetzt nicht mehr erleben. Sie wären stolz.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Angst habe ich nicht mehr. Ich habe nur Angst davor, zu früh zu gehen. Das wäre schade, ich möchte noch viel Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen.


Thomas Kundt mit Tarkan Bagci: Nach dem Tod komm ich; dtv, 16,95 Euro.

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