Dorf in Südtirol wehrt sich gegen dreiste Besucher

Touristen fotografieren ungefragt Privatleute und werfen ihren Müll auf Weiden - St. Magdalena in Südtirol wird förmlich überrannt. Wie sich das kleine Dorf nun wehren will - und wer bereits aufgibt.
von  Martina Scheffler
Das Dorf St. Magdalena im Villnößtal in Südtirol vor der Geislergruppe – mit Besuchern auf der Suche nach dem besten Standort fürs Foto.
Das Dorf St. Magdalena im Villnößtal in Südtirol vor der Geislergruppe – mit Besuchern auf der Suche nach dem besten Standort fürs Foto. © IMAGO/Volker Preusser

Es gilt als schönstes Dorf Südtirols und bietet das Fotomotiv in der Region schlechthin: Das Kircherl St. Johann in Ranui im Dorf St. Magdalena vor der Geislergruppe sei das "Sinnbild der Dolomiten“, heißt es auf der Webseite des Dorfes. "Einer Sage nach soll der Fopalbach ein Gnadenbild der Heiligen Magdalena angeschwemmt haben.“
In der Nähe befindet sich ein Wanderweg zur Zamser Alm und dort ein Wanderparkplatz, von dem Routen etwa zur Gampen Alm, zur Geisler Alm oder zum Peitlerkofel führen.

Das Areal rund um das höchst instagramtaugliche Motiv in St. Magdalena zieht die Besuchermassen magisch an – und das geht den gerade mal etwa 370 Einheimischen zunehmend auf den Zeiger. Seit der Corona-Pandemie und vor allem seit dem Herbst 2025 sei der Ansturm für die Bewohner "untragbar" geworden, berichtet das Portal stol.it – über 1000 seien es täglich, heißt es bei vienna.at. Daher hat sich laut stol.it im Herbst eine Bürgerinitiative gegründet, da den Einheimischen die von der Gemeinde ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichten. Die aufgebrachten Bürger erarbeiteten einen Maßnahmenkatalog.

St.Ranui im Villnößtal, für viele Touristen das Top-Fotomotiv.
St.Ranui im Villnößtal, für viele Touristen das Top-Fotomotiv. © IMAGO/imageBROKER/Thomas Schäffer

Geplant ist eine digitale Anzeigetafel für Parkplätze

Ende Dezember, so berichtet stol.it, hätten vier Gemeinderäte einen Antrag eingebracht, in dem sie "zeitnahe Maßnahmen zur Besucherlenkung sowie zur Entschärfung der Parkplatzsituation in St. Magdalena“ fordern. Bis Ende Mai sollten diese umgesetzt werden. Darunter ist etwa eine digitale Anzeigetafel, die über die aktuelle Auslastung der Parkplätze informiert. "So sehen Autofahrer bereits vor der Einfahrt ins Tal, wo Parkplätze verfügbar sind und wo nicht – und können gegebenenfalls auf den Linienbus umsteigen“, zitiert das Portal Bürgermeister Peter Pernthaler.

Der Naturpark im Villnößtal mit Wegweisern zu Rundwegen um St. Magdalena.
Der Naturpark im Villnößtal mit Wegweisern zu Rundwegen um St. Magdalena. © Olaf Schuelke via www.imago-images.de

Dabei hat St. Magdalena bereits einiges getan, um der Besuchermassen Herr zu werden, wie stol.it schreibt: "So wurden unter anderem Fotopoints mit eingezäunten Fußwegen eingerichtet. In der Schmiedmüller-Gasse wurde eine Schranke installiert, die ausschließlich Anrainern mittels Code die Durchfahrt ermöglicht." Auch sei die Nutzung der öffentlichen Busse in den vergangenen Jahren gestiegen, von 234.000 Entwertungen im Jahr 2015 auf 350.000 zehn Jahre später. Und weiter: "Langfristig arbeitet die Gemeinde an einem umfassenden Besucherlenkungssystem. Dieses sieht unter anderem eine Begrenzung der täglichen Besucherzahlen für das Tal sowie den Bau eines Mobility-Hubs vor."

"Das haben wir dann im Futter für die Tiere"

Die Regulierung der Besuchermassen scheint dringend erforderlich. Im Sommer vergangenen Jahres zitierte der ORF einen Landwirt, der sich über zurückgelassenen Müll auf Wiesen beklagte, die trotz Verbotsschildern betreten worden seien. "Das haben wir dann im Futter für die Tiere." Eine Anwohnerin bekannte, "sie komme sich teilweise wie in einem Zoo vor". Die Touristen würden alles fotografieren, was ihnen vor die Linse kommt, und die Privatsphäre der Einheimischen verletzen.

Und draufhalten! Dass Besucher nicht nur Kirchen, sondern auch Privatleute fotografieren, stößt den Einheimischen sauer auf.
Und draufhalten! Dass Besucher nicht nur Kirchen, sondern auch Privatleute fotografieren, stößt den Einheimischen sauer auf. © IMAGO/imageBROKER/Unai Huizi

In der TV-Sendung "Zeit im Bild" kamen auch Touristen aus aller Welt zu Wort. Eine junge Frau gab an, sie habe "so schöne Fotos im Internet gesehen" und wollte deshalb herkommen. Das Wetter sei so schön, "perfekt, um Fotos zu machen", sagt ein junges Mädchen. Täglich kämen zehn bis 15 Busse in den kleinen Ort, heißt es in dem Beitrag. Vor allem asiatische Reisegruppen, die für den perfekten Schnappschuss nur für etwa anderthalb Stunden den Ort aufsuchten, kämen inzwischen das ganze Jahr über. "Man fühlt sich im eigenen Dorf eigentlich fremd", sagt eine Anwohnerin, und ein anderer klagt: "Über unsere Häuser fliegen täglich Drohnen" – für bessere Aufnahmen.

Ein Schild in St. Magdalena weist auf eine Flugverbotszone im Naturschutzpark hin.
Ein Schild in St. Magdalena weist auf eine Flugverbotszone im Naturschutzpark hin. © Olaf Schuelke via www.imago-images.de

Ein Bauer will bereits verkaufen

Damals hieß es, für ein echtes Besucherlenkungssystem brauche die Gemeinde die finanzielle Unterstützung des Landes. Eine Preiserhöhung auf 250 Euro für Online-Reservierungen für Busse habe zunächst nicht den erhofften Rückgang gebracht, heißt es in dem Bericht weiter. Ein Bauer wolle bereits verkaufen aufgrund der Besuchermassen, und so werde es weitergehen. Wird aus dem schönen St. Magdalena also irgendwann eine disneyähnliche Instagramkulisse für die Fotos internationaler Touristen? Noch haben die Einheimischen die Hoffnung, ihr Dorf schützen zu können.

Kühe vor St. Johann in Ranui. Auf den Weiden zurückgelassener Müll der Touristen finde sich später im Futter für die Tiere, klagen Anwohner.
Kühe vor St. Johann in Ranui. Auf den Weiden zurückgelassener Müll der Touristen finde sich später im Futter für die Tiere, klagen Anwohner. © IMAGO/Frank Bienewald

Auf Facebook bekommen sie viel Zuspruch: "Das gesamte Villnößtal ist geprägt von einfachen und ganz, ganz liebevollen Menschen, die sehr einfühlsam sind und jeden Tag hart arbeiten!“, schreibt etwa ein Nutzer.
Und auch aus Bayern, wo man das Phänomen des Overtourism ebenfalls kennt, gibt es Unterstützung: "Wir haben das selbe Problem in Grainau, alle fahren mit dem Auto zum Eibsee, drei Stunden Stau bei der Abreise“, schreibt eine Nutzerin. Ernüchternd aber ihr Fazit: "Trotz Verbreitung über Soziale Medien über die Verkehrssituation, es wird nicht besser.“

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