Interview

Die Weihnachtsgeschichte im Faktencheck

Das Theologenpaar Simone und Claudia Paganini hat die Weihnachtsgeschichte einem Faktencheck unterzogen: Ochs, Esel, Stall? Alles erfunden - aber richtig gut!
| Christa Sigg
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Schaut gar nicht so nach Armut aus: die Palastkrippe im Bayerischen Nationalmuseum. Aber Maria und Josef hatten ja auch durchaus Besitz, so historische Quellen.
Schaut gar nicht so nach Armut aus: die Palastkrippe im Bayerischen Nationalmuseum. Aber Maria und Josef hatten ja auch durchaus Besitz, so historische Quellen. © Sebastian Krack

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt wurde…" So beginnt die Weihnachtsgeschichte, an der zahlreiche Autoren gestrickt haben. Was kann da am Ende noch stimmen?

Simone und Claudia Paganini haben die Fakten untersucht und ihre Ergebnisse in ein unterhaltsames wie präzises Buch mit dem vielsagenden Titel "Von wegen Heilige Nacht!" gepackt.

Professor Dr. Simone Paganini
Professor Dr. Simone Paganini © Peter Winandy

Weihnachten: "Es war alles ganz anders"

"Es war alles ganz anders", sagen die beiden Theologen. Dennoch bleibt Weihnachten ein faszinierendes Fest für sie. Die AZ hat mit Simone Paganini über Herbergen und Krippen, den blutrünstigen Herodes und literarische Tricks gesprochen.

AZ: Herr Paganini, jetzt feiern wir Weihnachten seit Ewigkeiten im kalten Dezember und am liebsten mit Schnee - und nun machen Sie uns das madig.
SIMONE PAGANINI: Ewigkeiten würde ich nicht sagen, wir feiern Weihnachten etwa seit dem Jahr 354 im Dezember. Davor hat man Weihnachten gar nicht gefeiert, und wenn, dann im Frühjahr.

Warum nun im Dezember?
Es gibt verschiedene Theorien. Für mich ist plausibel, dass Weihnachten in den Winter verschoben wurde, weil man im Frühjahr bereits Ostern gefeiert hat. Zwei so große Feste will man nicht nahe beieinanderhaben, und Ostern war vorgegeben.

Passt nicht die Zeit der Sonnwende auch zum Heiland, der das Licht in die Welt bringt?
So wird die Verschiebung gerne begründet. Der römische Kaiser Aurelian hat 272 das Fest zu Ehren des "sol invictus", des unbesiegbaren Sonnengottes, eingeführt. Dass sich die noch sehr unbedeutenden Christen an das große römische Fest angehängt haben, ergibt für mich keinen Sinn. Ihre Religion war gerade erst, nämlich 313, erlaubt worden. Ich glaube, man wollte einfach nur genug Abstand zu Ostern haben.

Ungereimtheiten in der Weihnachtsgeschichte

Sie sind auch in der Weihnachtsgeschichte selbst auf viele Ungereimtheiten gestoßen. Wobei sich schon die Evangelisten widersprechen.
Antike Schriften, und dazu zählen auch das Lukas- und das Matthäus-Evangelium, sind immer Gemeinschaftswerke. In diesem Fall von Gläubigen für gläubige Menschen. Alle sehen in Christus ganz klar den Retter der Welt. Da muss niemand mehr überzeugt werden. Entsprechend gestalten die Autoren diese Biografien. Das ist in der Antike zum Beispiel bei Josephus oder Plutarch nichts Außergewöhnliches. Man war oft gar nicht in der Lage, das tatsächlich Geschehene zu schildern, und schrieb vielmehr, wie es hätte sein können.

Geht es um die möglichst gute Geschichte?
Das ganze Drumherum ist meistens Konstruktion, das sind literarische Tricks, die antike Autoren verwendet haben, um eine bestimmte Botschaft rüberzubringen. Ob die Heiligen Drei Könige wirklich drei waren, ob der Stern sie wirklich geführt hat oder ob Jesus in einem Stall oder in einem Haus geboren wurde, ist nicht relevant. Es geht nur um eines: Jesus, der Sohn Gottes, ist geboren. Mit der Jungfrauengeburt und den anderen Wundergeschichten kann man doch keinen überzeugen. Uns als aufgeklärten Menschen macht das heute Schwierigkeiten, damals war das nicht wesentlich anders. Aber wenn man sich die verschiedenen Ebenen dieser Texte bewusst macht, dann sind sie extrem spannend.

Warum wird der Sohn Gottes in einem so ärmlichen Umfeld geboren?
Auch das ist eine Sache der Wirkungsgeschichte, denn in den originalen Texten steht absolut nichts von Armut. Im Gegenteil. Zumindest Maria, aber vielleicht auch Josef besaßen sowohl in Galiläa im Norden, als auch in Judäa, in der Nähe von Jerusalem, ein Haus oder Felder. Um die Steuer dafür zu entrichten, gehen sie nach Bethlehem - Maria hochschwanger. Und wahrscheinlich sind sie bei Verwandten untergekommen.

Maria und Josef sind wahrscheinlich bei Verwandten untergekommen

Also keine Herbergssuche?
Im Lukasevangelium heißt es nur, Maria brachte Jesus auf die Welt, und sie legte ihn in die Futterkrippe, weil es im "katalyma" keinen Platz gab. Ein seltenes Wort, das Martin Luther mit Herberge übersetzt hat. Das führte dazu, dass man sich zwei arme Menschen in einer winterlichen Nacht vorstellt, die von Herberge zu Herberge ziehen. In der Antike war das ganz sicher kein Ort, an den ein gläubiger Mann seine hochschwangere Frau gebracht hätte. Unter den damaligen Herbergen hat man sich Vergnügungsetablissements vorzustellen, in denen man aß und trank und sich meistens auch von Damen verwöhnen ließ. Das gab es nur in großen Städten, Bethlehem war aber ein kleines Dorf.

Und weshalb die Krippe?
Während der bei Lukas erwähnten Steuererhebung dürfte auch bei den Verwandten das "katalyma" überfüllt gewesen sein, damit ist das Gästezimmer gemeint. Neben zehn, 15 Leuten bringt man kein Kind auf die Welt. Also geht Maria in den Raum mit der Futterkrippe. Das ist aber nicht der Stall, sondern der klassische Großraum mit der Feuerstelle, wo gekocht wird, wo es warm ist und wo in der Nacht Menschen und auch Tiere untergebracht sind. Diese Tiere werden mit Heu gefüttert. Und in einem überfüllten Haus ist die Futterkrippe der sicherste, wärmste und kuscheligste Platz für ein Baby.

Dann wären Ochs und Esel realistisch.
Sie kommen in den Quellen aber nicht vor, und auch hier haben wir es mit einer falsch verstandenen Akzentverschiebung zu tun. Im Hebräischen heißt es im Buch des Propheten Habakuk, dass sich der Messias "in der Mitte von zwei Zeitaltern" offenbaren wird. Im Griechischen ist das Wort Zeitalter im Plural der Schreibweise für das Wort "Tier" sehr ähnlich. Also muss der Messias zwischen zwei Tieren erscheinen, und in der jüdischen Tradition, in der wir uns befinden, konnten das - zumindest nach dem Buch des Propheten Jesaja - Ochs und Esel sein.

Gerard Davids "Anbetung der Könige". Der Ochse im Hintergrund ist in den Quellen nicht belegt.
Gerard Davids "Anbetung der Könige". Der Ochse im Hintergrund ist in den Quellen nicht belegt. © Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Neben den "erfundenen" Tieren ist Josef ein besonderer Sympathieträger. Warum wird er immer als alter Mann dargestellt?
In den Evangelien ist nirgends vom Alter Josefs die Rede. Irgendwann stirbt er, und das vor seinem Sohn. Allerdings ist das für die damaligen Lebenserwartungen nichts Außergewöhnliches. Frauen haben relativ jung geheiratet. Der Vater musste ihre Unschuld beschützen, also war er happy, wenn er die Verantwortung an den Ehemann abgeben konnte. Dagegen haben Männer deutlich später geheiratet. Sie mussten die Frau und die Kinder ernähren können. In den Evangelien finden wir außerdem die Nachricht, dass Jesus Brüder und mindestens zwei Schwestern hatte. Also hat man sich gefragt, woher diese kommen, wo Maria doch eine Jungfrau ist. Einfache Lösung: In den apokryphen Schriften ist Josef Witwer. Er hatte also bereits eine Ehe geführt, bevor er mit Maria zusammenkam. Deshalb hat man aus Josef den alten Mann gemacht. Es ist auch erwähnt, dass er Häuser gebaut hat, vielleicht besaß er sogar einen kleinen Familienbetrieb. Daraus wurde dann der Zimmermann.

Herodes eigene erwachsenen Kinder wollten ihn ermorden

Der Bethlehemitische Kindermord ist der grausame Teil der Weihnachtsgeschichte. Was ist dran am Kinderschlächter Herodes?
Eine echte Crime-Geschichte! Herodes wird aber nicht umsonst der Große genannt. Dafür muss man schon etwas Tolles leisten. Er hat es geschafft, in der sehr schwierigen und chaotischen Zeit des Umbruchs von der römischen Republik zum Imperium an der Macht zu bleiben, denn er war ein genialer Stratege und Politiker. Sein Volk lebte in Frieden, den Menschen ging es grundsätzlich gut. Aber seine eigenen erwachsenen Kinder wollen ihn ermorden, um selbst Könige zu werden. Herodes kam ihnen zuvor. Dass er "Kinder" umbringen ließ, blieb hängen. Der Massenmord in Bethlehem gehört klar zur literarischen Ebene.

Und Jesus kam ja unversehrt davon.
Wenn wichtige Menschen geboren werden, sind sie von Anfang an gefährdet - aber sie überleben es. Das finden wir bei vielen Herrschern und mythischen Gestalten der Antike, man denke an Alexander oder Herkules. Als Baby wird Herkules von zwei Schlangen angegriffen, aber der Kleine knotet sie einfach zusammen. Fertig. Der Historiker Flavius Josephus lässt übrigens kein gutes Haar an Herodes, doch den grausamen Kindermord erwähnt er nicht. Komisch oder? Also haben wir wieder ein literarisches Mittel, um das Besondere an Jesus zu zeigen.

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Steht bei Ihnen zu Hause eine Weihnachtskrippe?
Selbstverständlich! Das ist eine sehr alte Südtiroler Krippe von der Uroma meiner Frau. Mit allen Figuren. Man muss doch unterscheiden zwischen dem, was historisch wahr ist, und dem, was man glaubt.

Und was erzählen Sie Ihren drei Kindern?
Man darf Kindern diese Geschichten nicht so erzählen, als seien sie die Wahrheit. Sonst kommt mit 15, 16: "Ihr habt mich belogen, das ist alles Schmäh, ich glaube gar nichts mehr." Eine kritische Einstellung ist wichtig - für jeden, auch für jeden gläubigen Menschen. Man muss doch nicht aufhören zu glauben, weil es keine drei Heiligen Könige gibt. Der historische Jesus ist ja auch nicht übers Wasser gegangen, das hat einfach mit der Perspektive des Glaubens zu tun.


Simone und Claudia Paganini: "Von wegen Heilige Nacht! Der große Faktencheck zur Weihnachtsgeschichte" (Gütersloher Verlagshaus, 160 Seiten, 14 Euro)

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