Die Verschütteten in Chile: „Die Zeit ist gnadenlos“

Es ist ein Albtraum: Seit 26 Tagen sind 33 Bergarbeiter in 700 Meter Tiefe in Chile eingesperrt. Seit Dienstag fräst sich der Bohrer zu den Kumpels in der Kupfermine. Kampf gegen Stress und Krankheiten steht an der Tagesordnung.
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Bilder der in Chile verschütteten Bergleute: Kommen Sie früher wieder nach oben als gedacht?
dpa Bilder der in Chile verschütteten Bergleute: Kommen Sie früher wieder nach oben als gedacht?

Es ist ein Albtraum: Seit 26 Tagen sind 33 Bergarbeiter in 700 Meter Tiefe in Chile eingesperrt. Seit Dienstag fräst sich der Bohrer zu den Kumpels in der Kupfermine. Kampf gegen Stress und Krankheiten steht an der Tagesordnung.

Sind es noch 100 Tage, oder 120? Gibt es ein Happy End zu Weihnachten? Oder später? Oder gar nicht? Niemand weiß genau, wie lange das Martyrium der Bergleute in Chile dauern wird. Am Dienstag verlebten die 33 Männer den 26. Tag in 700 Meter Tiefe. Kein Mensch war damit länger eingeschlossen als die Kumpel der San-José-Mine. Seit gestern arbeitet aber auch der Bohrer. „Acht Meter am Tag“, sagt der Fachmann, schafft das Spezialgerät aus Deutschland – wenn alles gut geht.

Seit fast einem Monat rühren die Bilder die Welt. Graue Männer mit bloßen Oberkörpern, nur das Rot ihrer Helme sorgt gelegentlich für Farbe. Sie lachen manchmal, aber in ihren Augen ist die Angst und die Ungewissheit zu sehen. „Es ist ein ungeheurer Druck“, sagt die Traumapsychologin Claudia Schedlich zur AZ, und ihr Kollege Thomas Weber weiß, dass sich da unten menschliche Dramen abspielen können: „Die Zeit ist gnadenlos“, sagt er (siehe unten.)

„Bitte holt uns hier raus“ fleht einer der Kumpel auf dem ersten Video, das die Eingeschlossenen in einem Rettungsraum zeigt. Gut vier Wochen ist das her, als ein Erdrutsch die Kupfermine lahmlegte. Seitdem ist den Bergleuten der Weg nach oben versperrt. Seither besteht nur Kontakt über zwei zehn Zentimeter breite Versorgungsleitungen. Über eine kommt Nahrung, über die andere Kommunikation. Vor einige Tagen konnten einige der Kumpel erstmals mit Angehörigen sprechen: „Ich wünsche meinem Mann, dass er die Zeit übersteht“, sagt eine Frau im TV: Zusammen mit anderen hat sie über der Mine ein Lager aufgeschlagen. Es heißt „Esperanza“, „Hoffnung“, über ihm flattern Fahnen in der bitterkalten Wüstenluft der Atacama, einem der trockensten Flecken der Erde.

700 Meter darunter herrscht das andere Extrem. Bei bis zu 35 Grad sitzen die Männer in einem zehn Meter langen und vier Meter breiten Rettungsraum. Das größte aktuelle Problem ist die Hygiene. Ein Nasa-Team soll helfen, die Kumpel bei Laune zu halten und die Entsorgung der Fäkalien zu organisieren. Keiner darf krank werden.

„Die Bergarbeiten haben unter Tage schon so viel für sich selbst getan und der Welt gezeigt, dass sie überleben können“, sagt Nasa-Arzt Michael Duncan.

Derweil fräst der Spezialbohrer „Strata 950“, ausgerüstet mit einem deutschen Bohrkopf, seinen Weg zu den Kumpeln. Maschinenexperte Klaus Stockmann rechnet mit einer Leistung von sieben Metern am Tag: „Das wäre sehr gut“. In Chile war bisher von 8 bis 15 Metern die Rede gewesenDer Bohrkanal ist etwa 40 Zentimeter breit und wird in einem zweiten Bohrgang auf 66 bis 70 Zentimeter erweitert. Rein rechnerisch sind das für zwei Bohrgänge schon etwa 120 Tage.

Erst dann können die Männer in einem Korb nach oben gezogen werden. Dabei handelt es sich um eine sogenannte „Dahlbuschbombe“, wie sie auch 1963 beim Grubenunglück von Lengede eingesetzt wurde.

Alles, was zu den Eingeschlssenen kommt, muss möglichst steril sein, um eine Erkrankung der Kumpel zu vermeiden. Vorsorglich impften sie sich gegenseitig gegen Tetanus und Diphtherie. Die größte Sorge ist der psychische Druck, dem die Eingeschlossenen ausgesetzt sind. Psychologen betreuen die Männer, von denen einige unter beginnenden Depressionen leiden.

Andere klagten über Probleme wegen des Alkoholentzuges. Die Behörden weigern sich jedoch, Alkohol oder Tabak in die Tiefe zu schicken.

Stattdessen wird versucht, die Männer durch einen strikten Tag- und Nachtrhythmus sowie feste Arbeitsschichten beschäftigt zu halten.

Die Verschütteten müssen auf jeden Fall körperlich fit bleiben, denn in der zweiten Bohrphase kommt Knochenarbeit auf sie zu. Große Mengen Gestein werden dann während mehrerer Wochen beim Bohren durch den Schacht nach unten fallen. Diese Geröllmassen können nur die Eingeschlossenen selbst beiseite räumen. Das Arbeitsgerät dafür sei in der Tiefe vorhanden, versicherte der Ingenieur André Sougarret. „Die Rettung ist technisch möglich. Fraglich ist nur, ob die Männer so lange durchhalten“, fügte er hinzu.

Matthias Maus

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