Die Kinder aus Haiti: Raub oder Rettung?

Eine Million Kinder in Haiti sind Waisen. Das Erdbeben hat viele Familien zerstört. Trotzdem warnen die Experten vor Adoptionen – und deutsche Organisationen stoppen sie sogar komplett.
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Die Kinder aus Haiti
dpa Die Kinder aus Haiti

Eine Million Kinder in Haiti sind Waisen. Das Erdbeben hat viele Familien zerstört. Trotzdem warnen die Experten vor Adoptionen – und deutsche Organisationen stoppen sie sogar komplett.

Wenn die Kinder Stift und Papier in die Hand bekommen, zeichnen sie immer dasselbe: Einstürzende Häuser, fliehende Menschen. „Sie haben das schlimme Erlebnis noch längst nicht verarbeitet“, sagt Kinderpsychologe Vladimir Constant, der im Kinderschutzzentrum Kindernothilfe in Port-au-Prince arbeitet. Nach Ansicht von seinem Kollegen Christian Jung ist die Gefahr für die Kinder aber noch nicht vorbei: Es droht ein „zweites Trauma nach dem Trauma“ – wenn die Kinder „aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen werden“.

Das Problem: Zwar sind laut Schätzungen nach dem Beben vom 12. Januar rund eine Million Kinder verwaist. In vielen Ländern ist die Anfrage nach Adoptionen aus Haiti stark angestiegen – so auch in Deutschland, wie Rolf Behrentin berichtet. „Trotzdem beginnen wir jetzt keine neuen Adoptionsverfahren“, sagt der Rechtsanwalt und ehrenamtliche Mitarbeiter der Adoptionsorganisation „Help a child“. „Die Katastrophe hat alles verlangsamt. Wir müssen erst warten, bis die behördlichen Strukturen wieder funktionieren.“ Sonst könne man nicht prüfen, ob die Kinder tatsächlich Waisen und somit wirklich adoptionsbedürftig sind.

Nicht jedes adoptionswillige Ehepaar scheint aber so lange warten zu wollen – was Menschenhändler auf den Plan ruft. Erst vor wenigen Tagen wurden zehn Amerikaner festgenommen, die versuchten, das Land mit 33 Kindern ohne Genehmigung zu verlassen. Sie sollen versucht haben, die Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren illegal an Adoptiveltern zu vermitteln.

Die Mitglieder einer baptistischen Kirchengemeinde aus dem US-Staat Idaho sitzen in Port-au-Prince im Gefängnis und versichern, sie hätten bloß versucht, alleingelassene und traumatisierte Kinder zu retten. „Wir wollten nur das Richtige tun“, sagte ihre Sprecherin Laura Silsby im Polizeiarrest. Kinderhandel sei „genau das, was wir bekämpfen wollen.“

Sie weisen die Vorwürfe des Menschenhandels zurück und erklärten, sie wollten ein Waisenhaus in der Dominikanischen Republik errichten. Gestern sollten sie dem Staatsanwalt vorgeführt werden. Er entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder die Verdächtigen freikommen. Kritik gab es von US-Außenministerin Hillary Clinton. Sie sagte, die Vorgehensweise sei unglücklich gewesen, was auch immer die Motive gewesen seien.

In Deutschland gibt es zwei Organisationen, die bei Adoptionen aus Haiti helfen – Eltern für Kinder und Help a Child. Schon vor dem Beben haben Adoptionen aus dem Karibikstaat länger gedauert als aus anderen Ländern.

Haiti hat das Haager Adoptionsübereinkommen nicht ratifiziert. Das gibt Schutzvorschriften und Regeln vor – beispielsweise, dass die Vorgeschichte der potentiellen Adoptivkinder genau geprüft werden muss. Das deutsche Gesetz schreibt aber vor, dass Adoptionen aus Haiti trotzdem nach dem Haager Verfahren laufen müssen – was viel Zeit kostet.

Nach der Katastrophe könne man diese Vorschriften aber nicht mehr einhalten, sagt Behrentin: „Es war schon kompliziert, als alle Behörden vor Ort intakt waren“, so der 44-Jährige. „Aber wenn keine Ämter mehr bestehen wie jetzt nach dem Beben – wie soll man da klären, ob die Kinder wirklich adoptionsbedürftig sind?“ fragt der Fachmann: „Vielleicht leben noch Verwandte und liegen irgendwo im Krankenhaus.“ Er kritisiert alle Organisationen, die illegal Kinder aus dem Land bringen wollen – selbst, wenn sie einen guten Zweck verfolgen. „Das hat mit einer seriösen Adoption nichts mehr zu tun.“ Bei solchen Blitz-Adoptionen werde die Vorgeschichte der Kinder nicht geprüft, und oft auch nicht die Eignung der Adoptiveltern. „Damit hilft man den Kindern nicht – eher im Gegenteil.“

Neben illegalen Adoptionen droht aber auch die Verschleppung von Kindern durch Menschenhändler. Nicht selten drohen den Kleinen Kinderarbeit, Prostitution oder Organhandel. Noch immer herrscht in großen Teilen der Erdbebenregion Chaos. „Nichts ist einfacher, als sich als internationaler Helfer auszugeben, um sich Zugang zu den Kindern zu verschaffen“, sagt Kindernothilfe-Koordinator Jung.

Ob illegale Verschleppung oder legale Adoption – das Kinderhilfswerk Unicef warnt vor beidem: „Für die Kinder ist das fast egal, denn aus ihrem Umfeld werden sie in beiden Fällen herausgerissen und das ist immer problematisch“, sagt ein Sprecher. „Alle ernst zunehmenden Hilfsorganisationen sind sich jetzt einig, dass man die Kinder in ihrer Umgebung lassen sollte.“ Unicef fordert: „Helft den Kindern, aber tut es da, wo sie sind!“

Kasanobu Serdarov

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