Der Schwindel mit Öko-Essen: Sieben dreiste Bio-Lügen

Bio klingt nach Essen, das schmeckt und die Umwelt schützt. Doch in vielen Fällen sind die Bio-Produkte sogar schädlicher als gewöhnliche. Mit gefährlichen Folgen für die Gesundheit. Die AZ erklärt die besonders dreisten Bio-Lügen.
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Bio-Obst ist oft teurer - aber nicht besser.
dpa Bio-Obst ist oft teurer - aber nicht besser.

MÜNCHEN - Bio klingt nach Essen, das schmeckt und die Umwelt schützt. Doch in vielen Fällen sind die Bio-Produkte sogar schädlicher als gewöhnliche. Mit gefährlichen Folgen für die Gesundheit. Die AZ erklärt die besonders dreisten Bio-Lügen.

Nirgendwo in Deutschland gibt es ein größeres Angebot an Bio-Produkten als in München. Ein Drittel aller Ökobetriebe steht in Bayern, insgesamt 6000. Bio klingt gut und gesund. Nach frischer Milch und Äpfeln, die beim Bauern eben vom Baum gefallen sind. Nach glücklichen Hühnern und Essen, das schmeckt und nebenbei die Umwelt schützt. Doch Bio ist nicht gleich Bio. Manchmal sind konventionelle Produkte sogar umweltfreundlicher. Die AZ erklärt die sieben Bio-Lügen.

Lüge 1: Bio-Gemüse ist unbehandelt

Falsch! Beim biologischen Anbau wird zwar generell auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet. Dennoch wird in der Bio-Landwirtschaft, etwa beim Wein- und Obstanbau, teilweise Kupfer gegen pilzliche Erreger eingesetzt. „Bei Pflanzen nehmen Pilze stark zu, deshalb benutzt man Kupfer“, sagt der Wormser Umweltmediziner Peter Germann. Kupfer wird in der Leber abgelagert. „Wer zu viel Kupfer im Körper hat, kann Migräne, Depressionen und Probleme mit dem Eisenstoffwechsel bekommen.“

Experten vermuten auch, dass Alzheimer durch Kupfer gefördert wird. Trotzdem kommt die Bio-Landwirtschaft nicht um Kupfer herum. „Würde kein Kupfer verwendet, wären die Einbußen zu groß und die Bio-Produktion völlig unrentabel“, sagt Manfred Santen, Chemieexperte von Greenpeace. Weil Kupfer auch die Böden belastet und noch unklar ist, inwieweit Verbraucher das ins Grundwasser gesickerte Kupfer über das Trinkwasser aufnehmen, fordert Greenpeace den Gesetzgeber auf, nach Alternativen zu suchen. „Aber dafür muss die Politik Gelder zur Verfügung stellen.“

Lüge 2: Bio-Essen ist CO2-freundlicher

Auch wenn sich das viele Bio-Kunden nicht vorstellen können: „Es gibt herkömmliche Lebensmittel, die eine bessere CO2-Bilanz haben als Bio-Produkte“, sagt Martin Rücker von Foodwatch. Beispiel Rindfleisch: In der Öko-Landwirtschaft bekommen die Tiere spezielles Futter, sie leben länger und stoßen dadurch mehr Klima-Gase aus, auch der Flächenbedarf ist größer. Foodwatch hat in einer Studie den Klimaeffekt von Lebensmitteln mit dem CO2-Ausstoß beim Autofahren verglichen. Ergebnis: Ein Kilo konventionell erzeugtes Rindfleisch entspricht 70,6 gefahrenen Kilometern, dieselbe Menge Bio-Rindfleisch hingegen 113,4 Kilometern. „Wer also das Klima schützen will, sollte generell nicht so oft Rindfleisch essen“, sagt Rücker.

Lüge 3: Wo Bio draufsteht, ist 100 Prozent Bio drin

Von wegen! Auf dem Pestoglas ist ein riesiger Bund Basilikum und eine Flasche Olivenöl abgebildet – im Produkt ist aber davon fast nichts zu finden: Diesen Etikettenschwindel gibt es auch im Bio-Segment. „Der ehrliche Anbieter ist leider oft der Dumme“, sagt Rücker. Foodwatch zeigt auf der Homepage „Abgespeist – denn Etiketten lügen wie gedruckt“ (www.abgespeist.de), wie Verbraucher betrogen werden. „Es wird auch Schindluder mit dem Bio-Siegel getrieben“, sagt Rücker. Aktuelles Beispiel: das Bio-Getränk „Beo Heimat“ von Carlsberg. Auf dem Etikett stehen Begriffe wie beo (lateinisch beglücken), Heimat, Apfel und Birne, von Carlsberg als ein Produkt „in ausgezeichneter Bio-Qualität“ beworben. „Der Konsument erwartet ein Getränk, das Äpfel und Birnen aus Bio-Produktion enthält. Tatsächlich sind allein der enthaltene Zucker und der Gerstenmalz-Extrakt bio. Darüber hinaus sind nicht einmal Früchte drin, sondern nur Aromen.“

Lüge 4: Bio aus der Region ist besser

Gängiges Argument der Natur-Anhänger: Mit Bio-Produkten aus der Region unterstützt man automatisch den Klimaschutz. Schließlich sorgen kurze Anfahrtswege für weniger CO2-Emissionen. Falsch gedacht. Äpfel aus Neuseeland können eine bessere Klimabilanz haben als deutsche. Warum? Weil wir das ganze Jahr Äpfel essen, aber nicht immer Apfel-Saison ist. Also müssen die Früchte in Deutschland gelagert und gekühlt werden mit teils massivem Aufwand. Ist in Neuseeland gerade Apfel-Ernte, kann eine Ladung, die mit dem Flugzeug geliefert wird, durchaus weniger CO2 verursachen. „Es ist zwar ein guter Gedanke, regionale Produkte zu unterstützen. Aber die Verbraucher sollten auch darauf achten, saisonale Produkte zu kaufen. So können sie das Ungleichgewicht verhindern“, sagt Martin Rücker.

Lüge 5: Bio kommt vom Bauernhof

Unsinn! Auch Bio kann aus industrieller Produktion kommen. Denn Bio ist nicht gleich Bio, und das liegt an der EU-Ökoverordnung. Die gibt nur Mindeststandards vor, die eingehalten werden müssen. Verbände wie Demeter, Bioland oder Naturland erfüllen zwar freiwillig höhere Anforderungen – viele andere aber „nur“ die Mindestanforderung. So regelt das Bio-Siegel zum Beispiel keine Bestandsobergrenze in der Tierhaltung. Das heißt, es schreibt nicht vor, wie viele Tiere maximal in einem Betrieb gehalten werden dürfen. Die Verordnung begrenzt die Tierzahl nur indirekt: Die erlaubte Tierzahl ist an die Fläche gebunden. „Wer viel Platz hat, kann also viele Tiere halten“, sagt Claudia Salzborn, Fachreferentin des Deutschen Tierschutzbundes. „Die Tiere leben nicht immer so idyllisch, wie sich das die Konsumenten vorstellen.“

Lüge 6: Bio hat keine Zusatzstoffe

Ein weit verbreiteter Irrglaube. Während bei konventionellen Lebensmitteln rund 320 Zusatzstoffe zum Einsatz kommen, sind bei Bio-Produkten immerhin 47 erlaubt. „Darunter auch recht problematische Substanzen wie das umstrittene Mittel Carragen (E407)“, sagt Martin Rücker. Das Mittel verdickt die Substanz, der es zugesetzt wird. Es wird häufig verwendet, um zu verhindern, dass sich bei Milchprodukten oben Rahm absetzt. Die Substanz wird aus Rotalgen gewonnen und führt im Tierversuch zu Geschwüren und Veränderungen im Immunsystem.

Auch Nitritpökelsalz darf in der Bio-Produktion verwendet werden. „Nitrit steht im Verdacht, dass sich daraus im Magen krebserregende Nitrosamine bilden können“, sagt Rücker. „Es gibt keinen Zusatzstoff, der nicht verzichtbar wäre. Aber natürlich wäre die Herstellung der Lebensmittel dann erheblich teurer.“ Nitritpökelsalz wird in sehr vielen Bio-Produkten verwendet. „Es sorgt für die typische rosa Farbe bei Fleischprodukten.“

Lüge 7: Bio kann gut und billig sein

Immer mehr Discounter schwimmen auf der Biowelle mit und bieten Bio zu Dumpingpreisen an. Ist es möglich, Bio zu günstigen Preisen anzubieten? Die Experten sind skeptisch. Der Bio-Großhandel kann zwar dazu führen, dass die Umsätze mit Bio-Waren steigen und so die Preise sinken. Wer aber einen biologischen Wein für drei Euro kauft, sollte bedenken, dass er sich dadurch auch ein Stück vom Bio-Gedanken trennt. Denn das Bio-Siegel schreibt nicht vor, woher ein Produkt kommen muss. „Und so importieren Discounter ihre Zutaten aus Preisgründen auch aus China“, sagt Rücker. „Dessen sollten sich Kunden bewusst sein.“

Verena Duregger

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