Daten lassen vermuten: Lieber tot als ins Krankenhaus

Sterben mehr Menschen, weil sie sich aus Angst vor einer Corona-Infektion nicht behandeln lassen? Erste Erhebungen zu diesem Thema lege den Verdacht nahe.
| David Lohmann
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Eine Pflegerin geht aus dem Universitätsklinikum Augsburg. In dem Krankenhaus werden vor allem Corona-Patienten behandelt.
Eine Pflegerin geht aus dem Universitätsklinikum Augsburg. In dem Krankenhaus werden vor allem Corona-Patienten behandelt. © Stefan Puchner/dpa

München - Dass derzeit mehr Menschen sterben, liegt nicht nur an Corona. Allein die Zahl der Facharzttermine in Deutschland ging während der ersten Welle um bis zu 50 Prozent zurück, bei Zahnärzten waren es sogar 80 Prozent. Sicher, viele Menschen haben nicht akute Behandlungen wohl nur auf bessere Zeiten verschoben. Dramatisch ist die Situation aber im Bereich der Kliniken, weil Menschen selbst bei Notfällen nicht den Rettungswagen riefen.

Laut Wissenschaftlichem Institut der AOK (Wido) ging die Behandlung von Schlaganfällen im März und April im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent, die von Herzinfarkten um 31 Prozent zurück. Das Wido fordert daher, die Sterblichkeitsraten und die Entwicklung von Folgeerkrankungen wegen nicht behandelter Notfälle flächendeckend zu untersuchen.

Der Verband der leitenden Krankenhausärzte (VLK) schätzt, dass insgesamt 25 Prozent weniger Menschen ins Krankenhaus gegangen sind. "Die Fallzahlminderung konnte auch bis zum Beginn der zweiten Welle nicht wieder aufgeholt werden", sagt VLK-Präsident Michael A. Weber. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft befürchtet, dass auch aktuell weniger Menschen in Kliniken gehen.

Menschen sterben, weil sie nicht zum Arzt gehen

Trotz der gestiegenen Corona-Infektionen liegt die Auslastung der Intensivbetten nach Angaben des Divi-Intensivregisters aktuell nur bei 75 Prozent - 2017 lag sie, wie Gesundheitssystemforscher Reinhard Busse sagt, im Jahresmittel bei 79 Prozent. Und das, obwohl es in Deutschland nach Recherchen des Magazins "Kontraste" 18 Prozent weniger Intensivbetten gibt, als das Bundesgesundheitsministerium vor Corona gedacht hatte. Die Konsequenzen der Angst vor einer medizinischen Behandlung hat das Klinikum Hochrhein im baden-württembergischen Waldshut untersucht. Die Ärzte stellten fest, dass im April 37 Prozent mehr Menschen im Landkreis verstorben sind als im Vorjahr - bei 55 Prozent davon war die Ursache Corona.

Die anderen 45 Prozent sind laut Chefarzt Stefan Kortüm wohl gestorben, weil sie nicht ins Krankenhaus gegangen sind. Zwölf Prozent hätten sich bei einem Notfall sogar geweigert, in den Rettungswagen zu steigen. Die Zahl der Menschen im Landkreis, die im Frühjahr leblos in ihrer Wohnung aufgefunden wurden, hat sich mehr als verdoppelt.

Sterbestatistik: Alle als Corona-Tote gezählt

Für Bayern gibt es laut Gesundheitsministerium keine vergleichbaren Studien. "Auch eine Übertragung der Ergebnisse auf andere Landkreise, Städte oder Bundesländer erscheint nicht ohne Weiteres möglich", sagt ein Sprecher. Eine Studie der Virginia Commonwealth University aus den USA, die im Frühjahr die wöchentlichen Todeszahlen aller US-Bundesstaaten untersuchte, kommt allerdings zu ähnlichen Ergebnissen wie das Klinikum Hochrhein. In 14 US-Staaten ist die Übersterblichkeit in über 50 Prozent der Fälle nicht auf Corona, sondern auf Todesfälle infolge nicht behandelter Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Diabetesleiden zurückzuführen. Teilweise stiegen sie um bis zu 400 Prozent an.

In Deutschland sind bundesweit im Frühjahr rund zehn Prozent mehr Menschen gestorben als in den Vorjahren, wie eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts ergab. In Bayern sogar etwas mehr. Ob Corona, die Grippe oder eben die Angst vor einem Arztbesuch trotz Erkrankung für die Übersterblichkeit verantwortlich ist, kann das Robert-Koch-Institut (RKI) nicht sagen. "Allgemein ist es schwer, insbesondere bei Personen mit verschiedenen Erkrankungen, genau und abschließend zu wissen, woran eine Person verstorben ist", heißt es auf Anfrage. Dennoch werden sie in der Sterbestatistik alle als Corona-Tote gezählt.

Kontaktverbote auf notwendiges Minimum reduzieren

Chefarzt Kortüm möchte nicht in die Verschwörungstheoretiker-Ecke gestellt werden. "Wir behaupten nicht, dass der Lockdown mehr Menschenleben gekostet als gerettet hat", sagt er. Die Kontaktbeschränkungen hätten aber eben auch zu "Kollateralschäden" geführt. Oft seien es die Jüngeren, die bei ihren Eltern und Großeltern dafür sorgen, dass sie sich in Behandlung begeben. Er fordert daher, die Kontaktverbote auf das notwendige Minimum zu reduzieren. Auch müsse die Politik ihre Krisenkommunikation herunterfahren und Medien die Berichterstattung ausgewogener gestalten, um Menschen nicht von einem Arztbesuch abzuschrecken.

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Dass dies in der aktuellen Situation gelingt, darf bezweifelt werden. Es dürfte auch nicht das Vertrauen der Menschen erhöhen, dass das RKI Kliniken bei Personalengpässen empfiehlt, im äußersten Notfall auch coronapositive Ärztinnen und Ärzte einzusetzen. Obwohl die Gesundheitsämter darüber entscheiden, kann das Gesundheitsministerium in Bayern nicht einmal sagen, wie häufig diese Ausnahmeregel bereits genutzt wurde.

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