„Das Studio 54 war ein Vulkan“

Mit Warhol gefeiert, von Visconti betatscht: Der Schwabinger Brillen-Designer Joachim Baethke hat wilde Zeiten erlebt. In der AZ spricht er darüber
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Bunter Vogel: Joachim Beathke in seinem Brillen-Laden. Der Designer sonnt sich sonst nie im Scheinwerferlicht, erinnert sich aber gern an seine wilde Vergangenheit.
Klaus Primke Bunter Vogel: Joachim Beathke in seinem Brillen-Laden. Der Designer sonnt sich sonst nie im Scheinwerferlicht, erinnert sich aber gern an seine wilde Vergangenheit.

Mit Warhol gefeiert, von Visconti betatscht: Der Schwabinger Brillen-Designer Joachim Baethke hat wilde Zeiten erlebt. In der AZ spricht er darüber

Schnittchen ja, Smalltalk nein. Wer Joachim Baethke in seinem Sonnenbrillen-Laden „Docks“ am Kurfürstenplatz besucht, kann viel erwarten, aber nur eins bekommen – die wilde Wahrheit.

Die Kollektion aller 180 Tom-Ford-Brillen: toll. Die prominente Kundschaft (Doris Dörrie, Vroni Ferres, Andrea Kempter, etc.): nicht schlecht. Der Chef selbst: großartig.

Denn Joachim Baethke hat mehr erlebt, als seine Gäste zusammen. Der Wahl-Münchner mit der Berliner Schnauze landete in den 60ern in Rom. Er wollte Urlaub machen, wurde als Model entdeckt. „Ich war der blonde deutsche Jüngling aus dem Bilderbuch“, erzählt er im AZ-Gespräch.

Es war nur eine Frage der Gelegenheit, bis Filmregisseur Luchino Visconti (†1976) aufmerksam wurde. „Er war die größte Diva überhaupt, aber symphatisch. Ich saß in seiner Villa und Visconti legte plötzlich die Hand auf meinen Oberschenkel“, erinnert sich Baethke.

„Er war in mich verschossen, aber ich nicht in ihn. Zum Glück saß Alain Delon auf der anderen Seite. Er war bi, das gefiel Visconti.“

Trotz der Zurückweisung lud der Regisseur den Deutschen weiterhin zu sich ein. Sie trugen weiße Anzüge, genossen das süße Leben. Irgendwann tauchte Helmut Berger auf – und Joachim Baethke ab. Nach New York. Als Designer für die Brillenmarke Ray-Ban. Dort lernte er Jack Nicholson kennen, der für seine Brille warb. „Jack lachte über dieses leicht verdiente Geld. Er besaß die Frechheit, Leuten sofort zu sagen, ob er sie mag oder nicht. Mich mochte er, wir gingen oft was trinken.“

Neben der Promi-, lernte Baethke die Party-Welt kennen. Und diese bestand damals aus einem Schuppen: „Das Studio 54 war ein Vulkan. Brodelnde, heiße Stimmung. Auf der Tanzfläche gab es die Drogen, in dem kleineren Raum Vitaminsäfte. Und Andy Warhol war immer da.“

Baethke versuchte, sich aus Abstürzen herauszuhalten: „Ich denke bis heute europäisch. Eine gewisse Vernunft hat mich oft gerettet.“

Diese Seite lernte er auch an der jungen Madonna lieben: „Sie ist das personifizierte Kalkül, wusste schon früh was sie wollte. Welche Brille, welchen Look, welches Leben“, so der Wahl-Schwabinger.

Seit elf Jahren ist er nun in München. Er mag die Gemütlichkeit, verabscheut die Ernsthaftigkeit. „München ist die schönste Raststätte der Gegenwart.“ Sind die wilden Zeiten etwa endgültig vorbei?

„Der Spaß darf nie zu kurz kommen.“ Deshalb ging seine kleine Brillen-Party nicht wie angekündigt bis 20 Uhr, sondern bis zwei Uhr nachts. Klar, es gab ja so viel zu bereden. Zwischen klirrenden Gläsern lauter klingende Namen.

Nur zu einem Thema schweigt Joachim Baethke: „Mein Alter.“ Sind Männer plötzlich so eitel? „Da wo ich herkomme, waren sie es schon immer.“

Kimberly Hoppe

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