"Das ist schlimmer als Tschernobyl"

Münchner Forscher warnt vor den Folgen des japanischen Atomunglücks. In zwei Reaktoren von Fukushima 1 sind offenbar die Brennstäbe geschmolzen, der Druck steigt immer weiter.
A. Zoch |
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Münchner Forscher warnt vor den Folgen des japanischen Atomunglücks. In zwei Reaktoren von Fukushima 1 sind offenbar die Brennstäbe geschmolzen, der Druck steigt immer weiter.

Tokio -
An diesem 12. März 2011 verändert sich die Welt. Um 15.46 Uhr Ortszeit zerreißt eine gewaltige Detonation das Beton-Dach des Atomreaktors Fukushima
I. Eine weiße Rauchwolke steigt in den klaren, blauen Himmel. Geschockt blickt die Welt nach Japan: Ist das die Kernschmelze? Internationale Experten sind sich sicher, die Regierung wiegelt ab. Doch klar ist: Es ist eine nukleare Katastrophe, und womöglich wird es die bisher größte in der Geschichte der Menschheit. Denn: Auch in vier weiteren der insgesamt zehn Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima 1 gibt es Probleme mit der Kühlung.

In Reaktor drei steigt der Druck unkontrolliert. Das Regulierungsventil ist kaputt. Möglicherweise hat es auch hier schon eine Kernschmelze gegeben. Besonders bedrohlich: Hier kommt neben Uran auch Plutonium als Brennmaterial zum Einsatz. Das ist noch gefährlicher als Uran, schon wenige Mikrogramm gelten als tödlich. Aus purer Verzweiflung leiten die Behörden inzwischen Meerwasser, versetzt mit Borsäure, in die Reaktoren. Dass diese dadurch dauerhaft beschädigt werden, nimmt man in Kauf. Nur das hilft noch. Die Regierung hält eine weitere Explosion für möglich. Die Ursache für den massiven Druck-Aufbau ist die fehlende Kühlung. Erdbeben und Tsunami haben die Atomkraftwerke stark beschädigt.

Samstagfrüh versuchen die Techniker zunächst, die Kühlsysteme mit Notstromaggregaten wieder zum Laufen zu bringen. Doch: Es fehlt ein passendes Kabel. Also greift man auf Batterien zurück. Doch die halten nur ein paar Stunden – irgendwann entschließen sich die Techniker, kontrolliert Wasserdampf abzulassen. Dabei kommt es zu der Explosion. Von dem rechteckigen Gebäude steht jetzt nur noch ein Gerippe, der obere Teil scheint komplett weggesprengt zu sein. Aber der stählerne Druckbehälter darunter sei intakt, sagt die Regierung. Doch ist das die Wahrheit? Nur zögerlich rücken die Behörden Informationen raus. Die Kernschmelze wollen sie bis zuletzt nicht offiziell bestätigen – „höchstwahrscheinlich” sei es dazu gekommen, sagt Kabinettssekretär Yukio Edano. Ob der Stahlbehälter dann standhält, ob sich die radioaktive Masse ins Erdreich durchfrisst – dazu sagt er nichts.

Doch Vertuschung und Abwiegelung wie einst bei Tschernobyl ist diesmal nicht möglich: Die Fernsehkameras der ganzen Welt sind vor Ort. Per Livestream im Netz können die Menschen rund um den Globus die Bilder sehen. Und so nimmt die ganze Welt Anteil an dem Unglück. Der Münchner Strahlenbiologe Edmund Lengfelder vom Otto-Hug-Strahleninstitut sieht die aktuelle Katastrophe in Japan sogar noch pessimistischer als damals in Tschernobyl: Die Atomkraftwerke in Japan und auch die in Deutschland hätten ein 20 bis 30 Mal so hohes Radioaktivitäts-Inventar, weil die Brennstäbe nur alle paar Jahre ausgetauscht werden, sagt Lengfelder: „Außerdem war die Besiedlungsdichte um Tschernobyl nur ein Zehntel so hoch wie bei uns. In Japan dagegen ist sie zwei- bis dreimal so hoch.”

Fazit: „Ich gehe davon aus, dass es schlimmer wird als in Tschernobyl.” Die Strahlungswerte rund um Fukushima sind deutlich erhöht. 12000 Menschen wurden aus der Gefahrenzone gebracht, die Behörden verteilen Jodtabletten. Mindestens 190 Menschen sollen verstrahlt sein. Viele der Evakuierten klagen über Übelkeit, fühlen sich schlapp. Gestern wurde auch am Kraftwerk Onagawa weiter im Norden der nukleare Notstand ausgerufen: Rund um das Kraftwerk wird erhöhte Radioaktivität gemessen. Warum, ist noch unklar. Japan am Abgrund.

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