Das Gift in unserer Milch

10 000 Tonnen Giftmais sind schon bei den Kühen: 4467 Betriebe wurden beliefert. Deren Milch wird jetzt getestet, bisher noch negativ. Die Kontrollen sollen verschärft werden – auf Erzeugerkosten
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BERLIN Der Futtermittelskandal zieht Kreise: Am Wochenende wurde ein weiterer Händler bekannt, der mit dem Schimmelgift Aflatoxin verseuchten Mais an Höfe und Viehzüchter geliefert hat. Die Verbraucher haben die Nase voll nach gleich drei Lebensmittelskandalen in kurzer Zeit: Pferdefleisch in der Lasagne, falsche Bio-Eier aus gesetzwidriger Haltung – und jetzt Schimmelpilz in der Milch? „Wie soll man da noch ohne Sorge einkaufen gehen?“, fragt sich nicht nur der Rentner Klaus Schmitz (69).

Während es bei den Eiern und beim Pferdefleisch nicht um die Gesundheit ging, sondern nur um Etikettenschwindel, sind die Schimmelpilze heikler. Viele sind besorgt. „Kann ich meinen Enkeln noch Milchreis machen?“, fragt eine Großmutter.

10 000 Tonnen Giftmais sind schon bei den Kühen: 4467 Betriebe wurden beliefert. Zwar sind die meisten in Niedersachsen, aber: Milch aus Niedersachsen wird bundesweit verkauft. Alle 620 am Wochenende untersuchten Milchproben blieben unauffällig. Von 19 Futtermittelproben wurden acht beanstandet.

Warum wurde erst so spät informiert?

Auch die Bauern sind sauer: „Wir müssen uns darauf verlassen können, dass das gelieferte Futter einwandfrei ist“, so Verbandschef Joachim Rukwied. Immerhin hat den Stein ins Rollen der Alarm eines niedersächsischen Milchbauern aus dem Kreis Leer gebracht.

Das wirft aber die nächste Frage auf: Warum dauerte es so lange, bis der Verbraucher davon erfuhr? Der Milchbauer meldete sich schon am 5. Februar. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU): „Es gab frühzeitig Hinweise, sie wurden offenbar ignoriert.“ Der Bundesrechnungshof habe festgestellt, die Ausstattung der zuständigen Stellen in den Ländern sei oft unzureichend.Die CSU-Politikerin, die für die Nachfolge von Horst Seehofer im Amt des Ministerpräsidenten im Gespräch ist, fordert „mehr staatliche Kontrollen und mehr Personal“. Auch der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure fordert: „Wir brauchen eine Art Lebensmittel-Europol.“ Bezahlen sollen die Kontrollierten selbst: durch Gebühren, findet Aigner, dafür sprach sich auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister aus.

Am Sonntag hat Niedersachsen die ersten gesperrten Milchbauernhöfe wieder freigegeben. Dafür berichtete das ZDF am Abend von erhöhten Keimzahlen im Hackfleisch.

Das Schimmelgift Aflatoxin ist übrigens durchaus berüchtigt: Aflatoxin wurde sogar als hochwirksamer biologischer Kampfstoff bekannt: Angeblich hat der Irak Ende der Achtzigerjahre 2200 Liter davon hergestellt, um damit Scud-Raketen zu bestücken. Das Schimmelpilzgift wirkt in hoher Konzentration sofort tödlich: Bei Ratten genügt eine Dosis von weniger als einem Hundertstel des Körpergewichts. Krebserregend ist Aflatoxin allerdings bereits in viel geringerer Dosis: Dazu genügt schon ein Hunderttausendstel. Die Grenzwerte für Nahrungsmittel liegen weit darunter.
Das Gift reagiert in der Leber und kann dort Tumore auslösen. Es existiert in vielen Varianten - die jetzt aufgetauchte Form B1 gilt als die gefährlichste.

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