Bodo Förster: Ich glaube nicht, dass wir die Elefanten erhalten können

Der deutsche Elefantenpfleger Bodo Förster hat ein Buch über sein Leben mit den Tieren geschrieben.
| Rosemarie Vielreicher
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Bodo Förster hat keine Berührungsängste bei seinen Elefanten – derzeit hat er 13 Tiere.
Elephant Special Tours; www.elephant-tours.de Bodo Förster hat keine Berührungsängste bei seinen Elefanten – derzeit hat er 13 Tiere.

Kurz nach der Wende brach der Elefantenpfleger Bodo Förster (57) aus Ostberlin nach Thailand auf, um dort mit den Tieren zu leben und zu arbeiten. Sein sehr lesenswertes, ehrliches und amüsantes Buch heißt: "Ein Leben für die Elefanten. Wie ich mir in Thailand meinen Traum erfüllte" (Rowohlt, 16 Euro).

AZ: Herr Förster, haben Sie gar keine Angst vor Elefanten?
Bodo Förster: Vor Elefanten muss man keine Angst haben.

Aber wenn dieses mächtige Tier nur einen falschen Schritt macht, hat man ein Problem.
Angst ist grundsätzlich ein natürlicher Reflex und schützt uns. Aber wenn man mit so großen Tieren arbeitet, darf man keine Angst haben. Sie ist hier der schlechteste Ratgeber. Man muss mit Vertrauen und Liebe arbeiten. Wenn man dem Tier Vertrauen gibt, bekommt man es von ihm auch zurück.

Wie groß ist Ihr Vertrauen?
Meine heute elfjährige Tochter saß mit elf Monaten schon auf einem Elefanten.

"Der Elefant weiß, wie stark er ist"

Sie ist also auch schon eine Elefantenfreundin?
Es ist schon verrückt, wenn meine Tochter in die Klasse geht und sagt: "Mein Papa ist Elefantentrainer und ich habe einen eigenen Elefanten."

Hätten Sie sich als Kind schon gedacht, dass Ihr Leben mal so verrückt wird und Sie mit Elefanten – mittlerweile seit 30 Jahren – arbeiten werden?
Mit Elefanten nicht, aber mit Tieren, ja. Als ich dann 1987 im Tierpark Berlin angefangen habe, hatte ich das Glück, 50 Meter entfernt von den Elefanten zu arbeiten. Ich habe jede freie Minute bei ihnen verbracht und nach drei Monaten habe ich gesagt: "Ich will da hin!"

Was genau fasziniert Sie so?
Diese Arbeit lehrt mich Demut. Wir Menschen sind nicht das Größte auf der Welt. Nicht das Stärkste, Beste oder Klügste. Sondern nur ein Teil auf der Welt. Der Elefant weiß, wie stark er ist. Er benutzt Werkzeuge, erkennt sich im Spiegel, hat eine eigene Sprache. Durch all das finde ich es noch erstaunlicher, dass er trotzdem mit uns arbeitet und mir die Möglichkeit gibt, ihn zu lenken.

"Der Schutz der Elefanten geht nur über den Menschen"

Der Tierpark war Ihnen nicht genug. Sie sind nach der Wende nach Thailand und haben dort in einem Zentrum für Elefanten mitgearbeitet. Später haben Sie Ihr eigenes Camp eröffnet, in dem Touristen hautnah Elefanten erleben können. Wie hautnah?
Mein Ziel ist es natürlich nicht, die Leute zu Elefantenreitern auszubilden. Es geht darum, die Tiere zu verstehen. Jeder meiner Gäste sitzt nach zehn Minuten unter dem Elefanten.

Wie bitte?
Der Elefant ist zehn Zentimeter vor ihnen, der Rüssel ist über ihnen. Teilweise sitzen sie richtig unter dem Elefanten. Ich bin dabei der Mittler zwischen Tier und Mensch. Es gibt Menschen, die brechen in dieser Situation vor Rührung in Tränen aus, andere sind versteinert, andere plappern drauf los. Jeder reagiert anders, aber jeder empfindet es als etwas ganz Besonderes.

Warum wollen Sie Menschen und Elefanten so nah zusammenbringen?
Wenn man in den Zoo geht, ist eine Barriere dazwischen. Ich dachte mir: Die ganze Welt besteht nur aus Grenzen und Barrieren – ich komme aus dem Osten, ich kenne Grenzen nur zu gut. Wir können Grenzen überschreiten und Dinge besser machen. Der Schutz der Elefanten geht nur über den Menschen.

"Wir lesen Elefanten vor allem an den Augen"

Wie sehen das Tierschützer, dass Sie Elefanten für den Tourismus nutzen?
Ich stehe damit natürlich sehr im Fokus, aber ich bin auch jemand, der sich nie vor etwas gedrückt hat. Ich sage: "Kommt her, schaut es euch an." Was können wir tun, um den Elefanten ein adäquates Leben zu geben und sie in die Zukunft zu führen? Für mich ist momentan die einzige Möglichkeit der Tourismus. Ich kann in einer idealisierten Welt sagen: "Lassen wir sie alle wieder frei." Aber das ist ein riesiges Tier, das seit Generationen in der Nähe der Menschen lebt. Wie soll das gehen, plötzlich zu sagen, sie sollen keine Interaktion mehr mit Menschen haben?

Sie sagen, Ihre Elefanten erkennen Sie. Wie lange müsste ich denn dort bleiben, bis die Tiere wissen: Aha, das ist die Frau Vielreicher von der Abendzeitung.
Das fragen meine Gäste auch immer. Ich muss dazu sagen, ich habe sehr viele Wiederholungstäter, etwa 25 Prozent kommen wieder. Manche sagen dann: "Jetzt hat sie mich wiedererkannt." Ich glaube das nicht. Aber die Menschen, die 24 Stunden um die Tiere herum sind, werden von ihnen schon erkannt.

Wie merken Sie das?
Man weiß natürlich nie ganz genau, was im Kopf eines Elefanten vorgeht. Wir Menschen bilden uns ein, den Elefanten lesen zu können.

Und zwar wie?
Es sind verschiedene Dinge: Wie bewegt er den Rüssel? Wie die Ohren, den Schwanz? Welche Bewegungen macht er? Und natürlich die Augen – wir lesen Elefanten vor allem an den Augen. Auch bei Menschen sagt man ja, jemand hat die Augen weit aufgerissen, wenn er etwa erschrocken ist. So ähnlich ist das auch bei Elefanten.

"Wir leben mit und schlafen bei den Tieren"

Merkt man, wenn ein Elefant traurig ist?
Elefanten können nicht weinen, weil sie keine Tränendrüse haben. Sie produzieren nur Augenflüssigkeit. Das mit den Tränen bei Elefanten wird zwar oft verbreitet, hat aber mit der Realität nichts zu tun.

Was ist, wenn das Tier heftig mit den Ohren wedelt? Wut?
Das kommt darauf an, es kann auch Freude oder Aufregung ausdrücken. Das muss man aus der Situation heraus erkennen. In der Regel ist es so, wenn das Tier hochaggressiv oder angestrengt ist, sind die Ohren abgestellt und still.

Wurden Sie schon verletzt?
Ja, diverse Rippenbrüche oder eine Gehirnerschütterung. Aber das spielt für mich keine Rolle. Das ist nicht passiert, weil die Elefanten aggressiv sind. Wenn ein Elefant etwa krank ist und Schmerzen hat, dann reagiert er nicht normal.

Verletzungen gehören also zum Leben eines Elefantenflüsterers, wie Sie schon mal betitelt wurden, dazu.
Dieses Wort mag ich übrigens nicht.

Ist es kein Kompliment?
Nicht wirklich. Ich kann ja nicht tatsächlich mit Tieren reden. Ich höre den Elefanten zu, jeder einzelne Elefant erzählt eine Geschichte und die ist unterschiedlich. Wenn ich ein neues Tier bekomme, schlafe ich in der Regel zwei, drei Nächte bis zu einer Woche neben dem Tier.

Ehrlich?
Ja, wir leben mit und schlafen bei den Tieren. Es kann schon mal sein, dass er mich zum Beispiel wegschiebt, wenn er Platz zum Schlafen braucht.

Wie trainieren Sie die Tiere?
Ich sage immer: "Gib mir den Rüssel und vertrau mir". Wir sind natürlich nicht auf dem Ponyhof, man muss auch Grenzen setzen. Aber das geht nicht, indem man auf die Tiere einschlägt.

"Ich habe zehn Standart-Kommandos"

Wie viele Kommandos verstehen die Dickhäuter?
Elefanten haben vor 2000 bis 3000 Jahre vor Jesus Christus angefangen, mit dem Menschen zu arbeiten. In verschiedensten Formen: religiös, als Arbeitstier und so weiter. Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier richtet sich daher nach der Aufgabe. Der Transportelefant braucht nicht so viele Kommandos wie ein Elefant, der mit Holz arbeitet. Ich hatte durch Zufall das Glück, nach Nordthailand zu kommen und dort Holzelefanten kennenzulernen. Diese spezielle Form versteht 40 Kommandos und 80 Wortverbindungen.

Und fürs Reiten mit Touristen?
Dafür habe ich zehn Standard-Kommandos, wie Vorwärts, Rechts, Links, Rückwärts, Stehenbleiben.

Wie viele Elefanten haben Sie derzeit in Ihrem Camp?
Seit drei Wochen haben wir ein kleines Baby. Damit sind es 13. Aber: Ausländer dürfen der thailändischen Verfassung nach selbst keine Elefanten besitzen. Das wurde vor zwei Jahrhunderten so festgelegt. Deswegen sind sechs der Tiere gemietet, die anderen gehören der Stiftung. Mein größtes Tier ist 3,20 Meter, der frisst eine halbe Tonne am Tag.

30.000 bis 40.000 wilde Asiatische Elefanten gibt es noch, steht in Ihrem Buch. Wie lange noch, was denken Sie?
Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass wir den Elefanten die nächsten 100 Jahre erhalten können. Wenn wir uns nicht jetzt extrem anstrengen.

Wie? Was kann man tun?
Allein diese Frage ist ein ganzes Buch wert. Ich sage es mal zugespitzt: Wir haben momentan tausend Fragen, zwei Antworten – und die Hälfte davon ist gelogen. Sprich: Es gibt momentan keine Antwort darauf.

Zum Schluss: Was halten Sie von Elefanten in Zoos?
Meine Kollegen machen einen großartigen Job. Aber baut bitte keine neuen Häuser.

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