AZ beim Lebensretter-Training in Marokko

Jährlich ertrinken vor Marokko unzählige Menschen im Meer. Das Bayerische Rote Kreuz bildet deshalb freiwillige Helfer aus. Die AZ war beim Training dabei.
| Lisa Marie Albrecht
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Am Strand der marokkanischen Hauptstadt Rabat lernen die freiwilligen Retter, wie man Knoten bindet. Diese sichern Ausrüstung, Ertrinkende – und natürlich die Teilnehmer selbst.
Taheri/BRK 4 Am Strand der marokkanischen Hauptstadt Rabat lernen die freiwilligen Retter, wie man Knoten bindet. Diese sichern Ausrüstung, Ertrinkende – und natürlich die Teilnehmer selbst.
Hassan El Himez ist von Anfang an dabei.
Taheri/BRK 4 Hassan El Himez ist von Anfang an dabei.
Voller Einsatz auf dem Boot: Bei einer Bergungsübung müssen die Teilnehmer lernen, wie man einen Hilflosen aus dem Wasser zieht. Ausbilderin Madita Lang (l.) betreut sie.
Taheri/BRK 4 Voller Einsatz auf dem Boot: Bei einer Bergungsübung müssen die Teilnehmer lernen, wie man einen Hilflosen aus dem Wasser zieht. Ausbilderin Madita Lang (l.) betreut sie.
Khaoula Hanafi nimmt als eine von zwei Frauen teil.
Taheri/BRK 4 Khaoula Hanafi nimmt als eine von zwei Frauen teil.

Rabat - Am Strand von Mehdia flirren rote Lichter in der Dunkelheit. Keinen Badetouristen zieht es um zehn Uhr abends mehr in die kühlen Wellen des Atlantiks nahe der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Dafür aber 19 Lebensretter in Ausbildung, gehüllt in blau-schwarze Neoprenanzüge, mit orangefarbenen Helmen, auf denen rote Knicklichter befestigt sind.

An einem gelben Seil laufen sie in zwei Gruppen durchs Wasser, zwei Schritte vor, ein paar von ihnen gehen ein Stück zurück, damit alle in einer Linie stehen. Den Boden absuchen, zwei Schritte vor, ein Stück zurück, suchen. Licht gibt es keins, damit sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen.

Am Strand der marokkanischen Hauptstadt Rabat lernen die freiwilligen Retter, wie man Knoten bindet. Diese sichern Ausrüstung, Ertrinkende – und natürlich die Teilnehmer selbst.
Am Strand der marokkanischen Hauptstadt Rabat lernen die freiwilligen Retter, wie man Knoten bindet. Diese sichern Ausrüstung, Ertrinkende – und natürlich die Teilnehmer selbst. © Taheri/BRK

Immer wieder zählt Ausbilder Marcus Kern von der Bayerischen Wasserwacht durch. Keiner darf verloren gehen. Es ist kalt, die Strömung stark, man sieht kaum die Hand vor Augen. Wer hier ins Wasser geht, muss gute Gründe haben.

Die Vermisstensuche bei Nacht ist Teil eines einwöchigen Ausbildungsprogramms, das das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit dem Roten Halbmond, seinem Pendant in arabischen Ländern, 2015 ins Leben gerufen hat. Die internationalen Schwimm- und Rettungstrainings fallen unter Entwicklungshilfe.

Abgehalten werden sie einmal im Jahr vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Die Wasserwacht des Landesverbandes ist mit mehr als 130.000 Mitgliedern insgesamt die größte in Deutschland. Begonnen haben die Ausbilder vom BRK mit simplem Schwimmtraining, Jahr für Jahr kamen neue Techniken dazu.

"Helfen ist bei uns Familientradition", sagt ein Teilnehmer

Heuer steht die Hochwasserrettung im Fokus. Deshalb übt die Gruppe auch größtenteils am Stadtstrand von Rabat, dort ist das Wasser ruhiger als in Mehdia und für Übungszwecke besser geeignet. Für das Katastrophenfall-Training braucht es zwei Hochwasserboote, vier Ausbilder – und Menschen mit Mut und Herz.

Einer davon ist Hassan El Himez. Der 52-jährige Englischlehrer aus Casablanca ist Leiter der marokkanischen Lehrgruppe und von der ersten Stunde an dabei. Seit den 80er Jahren engagiert er sich beim Roten Halbmond – ehrenamtlich, genauso wie die anderen Teilnehmer. "Helfen ist bei uns Familientradition", erzählt der vierfache Vater. Seine 19-jährige Tochter trete nun in seine Fußstapfen und sei im vergangenen Jahr ebenfalls beim Training dabei gewesen. Vor Ort wird El Himez bejubelt und geschätzt. Ob er für seine Kinder auch ein Superheld ist? Ja, schon, sagt der 52-Jährige und lächelt dann fast peinlich berührt. "Sie sind sehr stolz auf ihren Vater."

Hassan El Himez ist von Anfang an dabei.
Hassan El Himez ist von Anfang an dabei. © Taheri/BRK

Die Nacht war kurz. In den frühen Morgenstunden sitzen die Freiwilligen im Sand und binden unter der Aufsicht von Wolfgang Piontek fleißig Knoten. Der Vorsitzende der Wasserwacht Schwaben bildet aus, neben Lang, Kern und Günther Geiger, dem Leiter des Kompetenzzentrums für Internationale Arbeit beim BRK. Die Knoten seien mit das Wichtigste, sagt Piontek. Sie sichern die Ausrüstung, die Geretteten und natürlich die Helfer selbst.

Voller Einsatz auf dem Boot: Bei einer Bergungsübung müssen die Teilnehmer lernen, wie man einen Hilflosen aus dem Wasser zieht. Ausbilderin Madita Lang (l.) betreut sie.
Voller Einsatz auf dem Boot: Bei einer Bergungsübung müssen die Teilnehmer lernen, wie man einen Hilflosen aus dem Wasser zieht. Ausbilderin Madita Lang (l.) betreut sie. © Taheri/BRK

In Marokko kann nur ein Bruchteil der Menschen schwimmen

El Himez und die anderen sind ausgezeichnete Schwimmer – und damit Ausnahmefälle. Dabei erstreckt sich die Küste Marokkos insgesamt über 3.000 Kilometer (Mittelmeer und Atlantik). Laut BRK gibt es unzählige Ertrinkungstote, offizielle Zahlen dazu sind nicht zu finden – ebenso wenig wie Informationen darüber, wie hoch der Schwimmeranteil in der Bevölkerung ist. Es könne nur ein Bruchteil der Menschen schwimmen, berichten die Verantwortlichen vor Ort.

Eigentlich ist der staatliche Dienst des Landes, die Protection Civile, für die Wasserrettung zuständig – doch dem fehle die rettungstaktische Ausbildung, Ertrinkenden könnten sie nicht helfen. Die Mitarbeiter der Protection Civile in den gelben Westen sieht man am Strand vor allem mit großer Begeisterung in ihre Trillerpfeifen pusten und Fußball spielen.

Inmitten des Knoten-Halbkreises sitzt Khaoula Hanafi und übersetzt unermüdlich die englischen Anweisungen der Trainer ins Arabische. Die 25-Jährige ist eine von zwei Frauen, die an der Ausbildung teilnehmen und zum ersten Mal dabei. Sie ist Sportlehrerin an einer Hochschule in Tanger, im Nordwesten Marokkos. Die junge Frau im Burkini lässt sich in der Pause von Piontek noch einmal genau den Butterfly-Knoten erklären, darin sei sie aber ohnehin die Beste, sagt der Ausbilder.

Khaoula Hanafi nimmt als eine von zwei Frauen teil.
Khaoula Hanafi nimmt als eine von zwei Frauen teil. © Taheri/BRK

Hanafi ist seit vier Monaten verheiratet – deshalb auch die Verschleierung, sagt sie. "Es ist allein meine Entscheidung. Ich möchte, dass nur mein Mann mich in voller Schönheit sehen kann." Unwohl fühle sie sich nicht unter so vielen Männern, sagt Hanafi. Nur einmal sei es ihr bei einem anderen Training passiert, dass einer der Auszubildenden Berührungsängste hatte, weil sie eine Frau ist. "Da habe ich gesagt: ,Ich will nicht, dass du mich anfasst, ich will, dass du mich rettest!’", sagt sie der AZ. Sie hätte die Gruppe wechseln können. "Aber ich habe Nein gesagt. Ich wollte einfach meinen Job machen." Der erfordere ein bisschen Mut. "Ich sage nicht, dass es einfach ist. Aber jede Frau sollte das tun, was sie will."

Am letzten Tag wird der Ernstfall geprobt – bei unruhiger See

Hanafi will helfen. Neben ihrem Hauptjob bringt sie zweimal in der Woche Kindern das Schwimmen bei. Es ist eine von vielen Hilfslinien, die Rotes Kreuz und Roter Halbmond durch das Land ziehen. Inzwischen gibt es ein eigenes Kompetenzzentrum in Marokko und den ersten landesspezifischen Leitfaden für Wasserrettung in Arabisch. Der Marokkanische Rote Halbmond hat jetzt etwa 220 Ausbilder und Rettungsschwimmer. Was die Teilnehmer lernen, tragen sie in ihre Heimatgebiete weiter.

Am letzten Tag simulieren die Ausbilder den Ernstfall: die Bergung eines Ertrinkenden mit "Spine Boards", die die Wirbelsäule schützen und in Marokko völlig unbekannt sind. Dunkel ist es hier nicht, doch das Meer ist unruhig, keiner kann mehr stehen, die Strömung macht allen zu schaffen. Ein Lebensretter nach dem anderen übt im Wasser, mit vereinten Kräften sitzen am Ende schließlich alle wieder im sicheren Boot. Test bestanden. Spätestens jetzt ist klar: Wer hier ins Wasser geht, hat gute Gründe.

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