Interview

Astronaut Reiter macht Schluss: "Näher kann man dem Weltraum nicht kommen"

Astronaut Thomas Reiter geht in den Ruhestand. Was hat er vor? Welche All-Momente wird er nie vergessen? Und wie geht es mit der Raumfahrt weiter? Die AZ hat sich mit ihm unterhalten.
| Rosemarie Vielreicher
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Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter.
Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter. © picture alliance/dpa

AZ-Interview mit Thomas Reiter: Der 63-Jährige war von 1992 bis 2007 aktiver Esa-Astronaut und hat danach weiter für die Esa gearbeitet. Insgesamt hat er fast ein Jahr im All verbracht, er war der erste Deutsche, der zur ISS für einen Langzeitflug aufgebrochen ist und der einen Weltraumspaziergang absolviert hat.

AZ: Herr Reiter, seit dieser Woche sind Sie offiziell im Ruhestand. Freuen Sie sich? Was haben Sie geplant?
THOMAS REITER: Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die vielen tollen internationalen Kolleginnen und Kollegen werde ich definitiv vermissen. Langweilig wird mir aber sicher nicht werden. Ich werde weiterhin Vorlesungen und Vorträge halten und freue mich darauf, junge Studenten für die Raumfahrt und Naturwissenschaften zu begeistern.

Und privat?
Ich kann Ihnen sagen: Ich habe eine lange To-Do-Liste (lacht). Ich bin ein großer Garten-Fan. Ich spiele auch rudimentär Gitarre, das möchte ich intensivieren - auf der ISS gab es auch eine Gitarre, ich hatte extra Ersatz-Saiten dabei, falls mal eine reißt. Auch öfter zu kochen steht auf meinem Plan, das habe ich früher sehr gern gemacht. Darauf freut sich auch meine Frau. Und es stehen so viele Bücher im Regal...

Hier schwebt Astronaut Thomas Reiter bei seinem Außeneinsatz an der ISS - insgesamt dauert dieser fünf Stunden und 54 Minuten.
Hier schwebt Astronaut Thomas Reiter bei seinem Außeneinsatz an der ISS - insgesamt dauert dieser fünf Stunden und 54 Minuten. © imago images/JMH-Galaxy Contact

Seit der Mondlandung 1969 sind Sie vom Weltall fasziniert. Sie haben das Spektakel damals als Elfjähriger im Fernsehen verfolgt. Wären Sie selbst gerne zum Mond geflogen?
Ja, definitiv! Hätte ich die Chance gehabt, hätte ich nicht zweimal überlegen müssen. Die Vorstellung, mit den eigenen Füßen auf einem fremden Himmelskörper zu stehen - das hat damals wie heute Gänsehaut bei mir ausgelöst. Noch in diesem Jahrzehnt, vielleicht 2025 oder 2026, werden wir das nochmal miterleben, und dann werden auch europäische Astronauten dabei sein. Das werde ich mit großem Interesse verfolgen.

Sie waren insgesamt 350 Tage im All - erst auf der russischen Raumstation Mir, dann auf der internationalen RaumstationISS. Wie viel bedeutet Ihnen diese Zeit?
Diese Eindrücke sind so eindringlich und tiefgreifend, das begleitet mich ein Leben lang. Dieser Blick auf unseren Planeten und in die Tiefen des Weltraums, das Gefühl der Schwerelosigkeit. Man sieht einen Sternenhimmel, der überwältigend ist. Wissen Sie, ich könnte darüber stundenlang reden.

Thomas Reiters schönste Momente im All

Welche Momente werden Sie nie vergessen?
Ich erinnere mich an die Zeit vor dem ersten Start, wir Astronauten waren etwa zweieinhalb Wochen vorher in Quarantäne in Baikonur. Wir standen auf einer Dachterrasse und haben die Mir als leuchtenden Punkt über uns fliegen sehen - das Wissen, dass wir dort in zwei Tagen selbst sein würden, hat sich toll angefühlt. Der Start mit der Rakete - es dauert knapp neun Minuten bis zum Orbit - ist natürlich auch ein Wahnsinnsritt. Ich kann mich auch an eine Nacht erinnern, in der wir über Europa geflogen sind und unter uns ist eine Sternschnuppe in die Atmosphäre eingetreten.

Sie haben auch einen Außeneinsatz erledigt und sind im All geschwebt. Routine oder Sensation?
Die Möglichkeit, nach draußen zu gehen und sich umzuschauen - das ist nochmal eine Steigerung. Näher kann man dem Weltraum nicht kommen. Man schwebt in 400 Kilometern Höhe mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde. Wenn man den Rücken zur Raumstation dreht und von der Behausung nichts mehr im Blickfeld hat - das ist so unwirklich, ich komme heute noch ins Schwärmen. Es ist auch mit nichts zu vergleichen, man ringt nach Worten, wenn man das Gefühl erklären soll. Ich musste bei dem Außeneinsatz die Luke aufmachen; es hatten sich in der Luftkammer Eiskristalle gebildet. Als ich die Luke öffnete, wurden die Kristalle mit den letzten Luftmolekülen nach draußen gesogen. Das glitzerte und dahinter der Sternenhimmel - dieses Bild war so märchenhaft schön.

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Hat man keine Angst, dass etwas schief gehen könnte?
Man wird in der Ausbildung auf alle Eventualitäten vorbereitet, lernt die Technik kennen, von der das eigene Leben abhängt. Notsituationen werden trainiert und geübt, denn dort oben ist nicht viel Raum für Fehler. Man wird sofort bestraft von der Umgebung. Wenn dann wirklich eine Notsituation eintritt, stellt man fest: Man funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk.

Gab es denn mal so eine Situation bei Ihren Einsätzen?
An Bord der Mir-Station hatten wir ein Leck des Kühlkreislaufes. Das Kühlsystem musste abgeschaltet werden und damit zwei lebenswichtige Geräte: das System, das den Sauerstoff produziert, und das, das CO2 herausfiltert. Man hat zwar Notsysteme, aber man hat nur eine begrenzte Anzahl davon dabei und wenn die weniger und weniger werden, ist die Motivation groß, alles schnell zu reparieren (lacht). Bei der zweiten Mission ist es zu einer Verpuffung beim Elektrolysesystem gekommen.

Sie haben einen Handschuh Ihres Außeneinsatzes an Ihre Söhne verschenkt. Was würden Sie sagen, wenn diese oder Ihre Enkel auch mal Astronaut werden wollen?
Ich würde mich freuen! Meine Söhne werden beide Ingenieure und wohl keine Astronauten. Aber vielleicht die Enkel, wer weiß. Aber dann muss man ihnen schon sagen: Man bekommt nichts geschenkt, es ist viel Arbeit. Und es bedeutet auch viele Reisen - ich bin teilweise zwischen Moskau und Houston für Trainingseinheiten hin- und hergeflogen.

Streitigkeiten gab es in der Raumstation keine

Muss man sich auch auf Streitigkeiten in der Raumstation einstellen? Man ist ja doch lange Zeit auf engstem Raum zusammen.
Einen Streit hat es nie gegeben, obwohl ich das auf so kleinem Raum schon erwartet hätte. An den Arbeitstagen ist jede Minute verplant, die Zeit vergeht wie im Flug. Und man weiß zudem auch, dass man aufeinander angewiesen ist und alles nur funktioniert, wenn die Besatzung zusammenarbeitet. Klar, wenn man vier Monate oben ist, hat jeder mal einen Montagsblues. Aber wenn das bei einem Kollegen so war, haben die anderen darauf reagiert, Witze gemacht und ihn aufgemuntert. Man wusste: Jeder passt auf jeden auf.

Worauf haben Sie sich nach den langen All-Aufenthalten am meisten gefreut? Duschen?
Wenn man direkt aus der Schwerelosigkeit zurückkommt, muss sich der Körper erst wieder an die Schwerkraft gewöhnen. Sprich: Man hat etwas Probleme mit dem Gleichgewicht und dem Blutdruck. Wenn man sich unter die Dusche stellt, muss man aufpassen, dass einem nicht schwarz vor den Augen wird. Worauf ich mich aber wirklich gefreut habe: frischer Salat. Denn wegen des Essens wird keiner in den Weltraum fliegen (lacht).

Die ISS wird in den nächsten Jahren ausgemustert, die Chinesen bauen ihre eigene Raumstation auf. Wie werden sich die All-Einsätze dadurch verändern? Wird jeder sein eigenes Süppchen kochen?
Zuerst zur ISS: Wir gehen mittlerweile davon aus, dass sie noch bis zum Ende des Jahrzehnts im Einsatz sein wird. Ich bin zuversichtlich, dass auch die Russen dabei bleiben werden. Es ist natürlich schade, dass man es nicht mit den Chinesen gemeinsam gemacht hat. Aber das heißt nicht, dass das in Zukunft nicht passieren kann. Die Chinesen bauen jetzt ihre Raumstation auf und ich bin mir sicher, dass dort auch mal ein europäischer Astronaut dabei sein wird. Ich weiß von einigen, die bereits Chinesisch gelernt haben, zum Beispiel Matthias Maurer. Ob man nach der ISS nochmal so eine riesige Station aufbauen wird - ich glaube es eher nicht.

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Sondern?
Ich denke, der Trend wird zu kleineren Stationen gehen, die auch nicht permanent besetzt sind, sondern zu denen man hin und wieder hinfliegt.

Zivilpersonen im All soll es künftig auch geben - was würden Sie empfehlen, wenn es so weit ist: Was sollte man auf jeden Fall einpacken?
(lacht) Die Lieblingsmusik! Das war für mich ganz wichtig. Ich kann Ihnen auch versichern, dass meine Kollegen und ich uns wünschen, dass lieber heute als morgen Menschen den Blick von oben auf unseren wunderschönen Planeten als Ganzes bekommen und sie dadurch noch besser verstehen, dass wir die großen Probleme auf der Welt nur gemeinsam lösen können.

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