Adrenalinkick auf der Piste: "Die Männer fahren riskanter"

Skisaison! Das bedeutet nicht nur Spaß auf der Piste, sondern kann auch beim Arzt enden. Warum es oft das Knie trifft und wo Gefahren lauern.
| Rosemarie Vielreicher
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Skifahren macht Spaß - man sollte allerdings vorsichtig sein.
dpa Skifahren macht Spaß - man sollte allerdings vorsichtig sein.

Professor Dr. Peter Diehl ist Arzt vom Orthopädiezentrum München Ost und war früher selbst Skilehrer. In der AZ spricht er über die Gefahren auf der Piste, die häufigsten Verletzungen und was es bei der Ausrüstung zu beachten gilt.

AZ: Herr Diehl, wir haben Ende Januar. Mussten Sie schon Skiverletzte behandeln?
PETER DIEHL: Ja! Die ersten waren schon nach den Weihnachtsferien da. Kreuzbandriss.

In den letzten Jahren haben die Skiunfälle wieder zugenommen. In der Saison 2017/2018 sollen es bis zu 44 000 Deutsche gewesen sein, die sich auf der Piste verletzt haben. Woran liegt das?
Erstens kann man mit den modernen Skiern viel kleinere Radien und schneller in den Kurven fahren. Dadurch wirken höhere Kräfte auf die Gelenke, Bänder und Sehnen. Mit der größeren Geschwindigkeit steigt auch die Verletzungsgefahr.

Was spielt noch eine Rolle?
Die Tal-Abfahrten werden seit Jahren extrem mit Kunstschnee bearbeitet. Zum Beispiel in Kitzbühel. Im November, als noch gar kein Schnee lag, wurde Tag und Nacht mit der Schneekanone draufgeschossen. Der Schnee wird verdichtet, er vereist – das werden richtige Eisplatten. Diese Schneeverhältnisse verzeihen keine Fehler. Dazu kommt dann möglicherweise auch noch Selbstüberschätzung und Müdigkeit der Skifahrer, etwa bei der letzten Abfahrt des Tages – dann wird es gefährlich.

Erfahrung ist für die Sicherheit auf der Piste wichtig

Sie sprechen von Selbstüberschätzung: Wird das mögliche Risiko oft nicht ernst genommen?
Die Pisten werden ja grundsätzlich in blau (leicht), rot (fortgeschritten) und schwarz (schwer) eingestuft. Bei total schlechter Sicht und vereister Piste kann eine rote Route von der Schwierigkeitsstufe her auch mal eine schwarze werden. Und wenn ich beste Sicht habe und frischer und weicher Schnee liegt, kann eine rote Piste genauso wie eine blaue sein. Ich denke, so mancher kann die Verhältnisse oftmals nicht richtig einschätzen. Dafür braucht man eine gewisse Erfahrung. Die ist auch bei anderen Sportarten entscheidend, etwa beim Segeln.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage nach dem vielen Schnee in den bayerischen Alpen und Österreich ein?
Die Verletzungsgefahr ist momentan nicht so groß, weil der Schnee viel und weich ist. Die Gefahr steigt bei wenig Schnee, Kunstschnee und vereisten Flächen. Oder: Wenn es reinregnet und der Schnee matschig und schwer wird – dann sind Stürze gefährlich.

16 Prozent der Verletzungen entstehen bei Kollisionen. Passen wir nicht gut genug auf?
Unachtsamkeit gab es schon immer. Mittlerweile sind einfach deutlich mehr Menschen auf der Piste als früher. Die Kapazitäten der Lifte haben extrem zugenommen. Wenn wir uns mal an die Schlepplifte erinnern: Da sind ein paar Ski gefahren, und der Rest hat unten am Schlepplift erstmal warten müssen. Heute werden die Leute in den Liften hochgeschaufelt. Kurz gesagt: Je mehr Menschen da sind, desto höher ist auch die Verletzungsgefahr.

Darum reißen sich Frauen leichter das Kreuzband

Welche Verletzungen sind denn am häufigsten?
An der Schulter und am Knie. Am häufigsten ist der Kreuzbandriss. Diese Bänder sind dafür zuständig, dass das Knie gedreht und gebeugt werden kann. Zu einem Riss kommt es durch eine Kombination aus Knicken und Drehen – das heißt, ein Teil bleibt in gerader Position, der andere dreht entgegen.

Warum ist gerade die Stelle so anfällig?
Die heutigen Skischuhe sind sehr stabil, das Sprunggelenk ist darin wie in einem Gips und wird zu einer Einheit mit dem Ski. Das bedeutet, das nächste Gelenk, auf das die ganze Kraft bei einem Sturz weitergeleitet wird, ist das Knie.

Sind die Schwachstellen bei Männern und Frauen gleich oder gibt es Unterschiede?
Frauen verletzen sich tatsächlich leichter am Kreuzband – denn sie haben öfter eine X-Bein-Stellung und das macht sie dafür anfälliger. Wenn jemand automatisch nach außen knickt, dann bleibt man schneller hängen oder verkantet.

Und Männer?
Die erwischt es durchaus auch am Kreuzband – aber nur, weil sie risikoreicher fahren. Frauen fahren defensiver. Grundsätzlich muss man sagen, dass ein Kreuzbandriss zwar eine lästige Verletzung ist, weil es das Knie instabil macht. Aber die Betroffenen können es relativ schnell wieder belasten. Eine Operation ist nicht immer notwendig.

So schützen Sie sich effektiv beim Skifahren

Was ist langwieriger?
Neben einer Kopfverletzung wäre das ein Schienbeinbruch. Wenn ein Knochen bricht und zersplittert, ist Arthrose programmiert. Dazu kommt, dass man die Stelle sechs bis zwölf Wochen nicht belasten darf. Das ist schon bitter.

Welche Ausrüstung braucht man unbedingt?
Einen Helm! Er ist zwar offiziell nicht verpflichtend, aber unbedingt notwendig. Auch Rückenprotektoren können nützlich sein. Bandagen fürs Knie bringen nichts. Beim Verkanten aus vollem Schuss heraus wirken enorme Kräfte auf das Knie – da schützt auch eine Bandage nicht.

Immer wieder hört und liest man von Sportlern, die abseits von ausgewiesenen Pisten fahren. Was sagen Sie dazu?
Lebensmüde! Nicht mal die Einheimischen und Bergführer können den Schnee immer hundertprozentig einschätzen. Ich habe mal einen Lawinen-Kurs gemacht. Da wurde uns ein Schneeprofil von oben bis unten gezeigt. Sogar innerhalb eines Hanges kann sich das Schneeprofil drei Mal ändern. Man muss zusätzlich den Untergrund und die Beschaffung kennen, um ganz sicher zu sein. Für Leute, die gerne abseits fahren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man fährt mit einem Skilehrer, der das ganze Jahr über in der Region ist. Oder man fährt Touren- und Routenabfahrten, die abgesteckt sind, die aber nicht planiert werden.

Was es alles auf der Piste zu beachten gibt, erfahren Sie in unserem ausführlichen Service-Artikel!

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