Adipositas in Deutschland: Warum Betroffene den Arzt meiden

Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland ist von Adipositas betroffen - das entspricht laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft rund 17 Millionen Menschen. Doch viele Betroffene stehen mit ihrer Erkrankung weitgehend allein da. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Pharmaunternehmens Lilly Deutschland unter 2.000 Menschen mit einem BMI über 30 zeigt: 43 Prozent derjenigen, die noch nie wegen ihres Gewichts behandelt wurden, sehen aktuell keinen Grund, einen Arzttermin zu vereinbaren.
Die Gründe dafür haben wenig mit Gleichgültigkeit zu tun. Knapp ein Viertel (24 Prozent) der Befragten gab an, schlicht hoffnungslos zu sein, was mögliche Behandlungserfolge betrifft. 16 Prozent fürchten, in der Praxis nicht ernst genommen zu werden. Besonders Frauen erleben das Gespräch beim Arzt offenbar als belastend: Fast jede vierte Patientin empfindet die Kommunikation dort als verletzend oder stigmatisierend.
Eine Krankheit, kein Lifestyle-Problem
Dass Adipositas keine Frage fehlender Disziplin ist, sondern eine chronische Erkrankung mit komplexen biologischen Ursachen, hat die Wissenschaft längst belegt. Erst Anfang 2026 veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina einen aktuellen Fokus zur "Adipositas-Epidemie", wie die Autoren es nennen. Dem Papier zufolge entsteht die Krankheit "durch ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch, wobei zahlreiche (u.a. genetische, psychosoziale, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle) Faktoren eine Rolle spielen".
Dr. Matthias Blüher, Endokrinologe und Professor für Adipositasforschung am Universitätsklinikum Leipzig sowie Mitglied der Leopoldina-Arbeitsgruppe, beschreibt die Folgen so: Auf Menschen mit Adipositas werde mit dem Finger gezeigt, die Krankheit werde mit Charakterschwäche gleichgesetzt. Die Botschaft laute oft sinngemäß: Du musst nur wollen, dann klappt das schon. Obwohl Mediziner um die begrenzte Wirkung reiner Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen wüssten, würden ergänzende Therapien viel zu selten angeboten.
Die meisten bekommen nur den Rat, sich mehr zu bewegen
Die Civey-Umfrage bestätigt diese Einschätzung. 37 Prozent der befragten Menschen mit Adipositas wünschen sich Aufklärung über das gesamte Spektrum moderner Therapiemöglichkeiten - von medikamentösen Ansätzen bis hin zu strukturierten Behandlungsprogrammen. In der Realität erhalten jedoch zwei Drittel (67 Prozent) der Betroffenen lediglich Empfehlungen zu mehr Bewegung und Sport. Moderne Therapieoptionen werden laut einer begleitenden DocCheck-Befragung im Auftrag von Lilly unter Medizinern zu 81 Prozent erst dann besprochen, wenn Patientinnen und Patienten gezielt danach fragen.
Dabei gibt es inzwischen durchaus wirksame medikamentöse Behandlungen. Doch selbst wenn ein Arzt sie verschreibt, müssen Betroffene die Kosten in der Regel selbst tragen. Der Grund: Das Sozialgesetzbuch stuft Mittel zur Gewichtsreduktion als sogenannte Lifestyle-Medikamente ein - die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten daher nicht, außer wenn eine Typ2-Diabetes-Diagnose vorliegt. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft fordert die Aufhebung dieser Regelung seit Langem, auch die Leopoldina formuliert diese Forderung.
Was Betroffene tun können
Wer mit Adipositas lebt und bislang gezögert hat, ärztliche Hilfe zu suchen, dem raten Fachleute zu einer guten Vorbereitung auf das Arztgespräch. Die wichtigsten Fragen, Sorgen und Wünsche sollten vorab notiert werden. Wer das Gefühl hat, in der Hausarztpraxis nicht richtig aufgehoben zu sein, kann sich gezielt an spezialisierte Adipositas-Zentren oder Schwerpunktpraxen wenden.
Wie groß der Handlungsbedarf auf gesellschaftlicher Ebene ist, zeigen Zahlen des 15. Ernährungsberichts der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Adipositas verursacht in Deutschland laut Krankenkassendaten direkte und indirekte Kosten von über 63 Milliarden Euro jährlich - mehr als das Rauchen. Die Adipositas-Raten steigen seit zwei Jahrzehnten, besonders bei Männern im mittleren Alter und bei Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status, wie Daten des Robert Koch-Instituts zeigen.
Strukturen statt Schuldzuweisungen
Die Ergebnisse der Umfragen offenbaren auch ein aufschlussreiches Missverständnis zwischen Ärzten und Patienten: Während 61 Prozent der in der DocCheck-Umfrage befragten Mediziner die Kosten als größte Hürde für eine medikamentöse Therapie sehen, bewerten die Betroffenen selbst diesen Punkt in der Civey-Umfrage mit 36 Prozent deutlich seltener als entscheidend. Die eigentliche Barriere liegt oft woanders: Resignation und Rückzug aus Scham werden auf ärztlicher Seite nicht selten als mangelnde Motivation interpretiert - 27 Prozent der befragten Mediziner tun das laut der DocCheck-Erhebung.
Die Folge: Solange Adipositas in der öffentlichen Wahrnehmung und auch bei vielen Medizinern als selbstverschuldetes Problem gilt, scheuen Betroffene den Gang zum Arzt. Die aktuellen Untersuchungen und Leitlinien weisen den richtigen Weg.