Zwischen U-Bahn und Boazn mitten im Löwenrevier: Hier ist München ganz bodenständig
Sonderlich malerisch ist er nicht gerade, der Candidplatz in Untergiesing. Beton, Abgase und Verkehrslärm prägen das Bild, die Stadtbusse fahren an und wieder ab. Nichts deutet darauf hin, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Nur die mit Graffiti verzierten Säulen unter der Candidbrücke vom Mittleren Ring lassen erahnen, dass hier mehr steckt.
Wer direkt am Candidplatz die Rolltreppe hinab zur U1 nimmt und der Fußgängerrampe nach unten folgt, taucht in eine andere Welt ein: Die unterirdische Haltestelle erinnert eher an einen riesigen Regenbogen als an eine gewöhnliche U-Bahn-Station.

Die Wände, Decken und Stützpfeiler erstrahlen in kräftigen Farben, die Übergänge sind fließend und verschwimmen ineinander. Rot wird zu Gelb, Gelb zu Grün, das in einem tiefen Blau endet. Die Tatsache, dass sich der Halt in einer Kurve befindet, verstärkt den Regenbogen-Effekt zusätzlich. Man fühlt sich fast wie ein Gast in einem Museum, das für alle frei zugänglich ist.
Die Malerarbeiten stammen von den Künstlern Alfons Wagner und Reinhold Knoll
Tatsächlich erinnert die Station an einen Künstler, nämlich den flämischen Maler Peter Candid. Ab 1586 lebte er in München und schuf dort zahlreiche Werke für die Kirche und den Adel.

Die Malerarbeiten der 1997 eröffneten U-Bahn-Station stammen von Alfons Wagner und Reinhold Knoll. Die beiden Künstler haben sich sogar namentlich verewigt: Ein kleiner, oranger Schmetterling an der Hintergleiswand von Gleis 1 trägt ihre Signaturen. Die Haltestelle selbst wurde vom damaligen U-Bahn-Referat der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Egon Konrad geplant. Die Entwürfe für die farbliche Gestaltung kommen von Sabine Koschier.
Verlässt man den Untergrund, vorbei an dem bald wieder geöffneten Zeitungskiosk, in Richtung Pilgersheimer Straße zum Jakob-Gelb-Platz, eröffnet sich ein ganz anderes Bild: Von einem tristen Verkehrsknotenpunkt ist hier nichts zu spüren, stattdessen wirkt alles wie ein ruhiges, gewachsenes Wohnviertel. In der warmen Münchner Frühlingssonne lässt sich das alltägliche Treiben der Anwohner entspannt beobachten. Zwischen Einkauf und Friseurbesuch bleibt immer wieder Zeit für einen kleinen Ratsch, wie zwei Rentnerinnen zeigen.

Die örtlichen Boazn sind klar in blauer Hand
Die Fassade eines Supermarkts bietet mit bairischen Sprüchen einen Grund zum Schmunzeln, "A bissel was geht immer…" steht dort in Anlehnung an den legendären Monaco Franze. Besser hätte man den Spruch kaum wählen können, schließlich sind es hier zu Fuß nur knapp zehn Minuten zur Isar oder zum Stadion an der Grünwalder Straße. Der Spaß ist also so gut wie garantiert.

Dass die Gegend vom TSV 1860 München geprägt ist, fällt sofort ins Auge. An beinahe jeder möglichen Fläche finden sich Sticker von Löwen-Fans, und auch die örtlichen Boazn befinden sich klar in blauer Hand. Die Kultkneipe Ingrids Bierstüberl ist beispielsweise voll von Erinnerungsstücken rund um den Verein aus Giesing. Von Schals über Nummernschilder bis hin zu blauen Gartenzwergen findet sich hier alles, was das Löwenherz höherschlagen lässt. Hier kostet die Halbe 3,50 Euro und sogar Anhänger des FC Bayern sind willkommen.
"Hier halten die Leute noch zusammen"
"Wir haben auch einige rote Stammgäste. Das ist gar kein Stress bei uns", erzählt Andreas Pfeffer, der selbst Stammgast ist. Der Großteil der Kundschaft sei schon etwas älter, aber wenn Sechzig daheim spielt, kämen auch viele Jüngere aus dem Umland. "Die Burschen, die hierher kommen, sind so nett, das ist unglaublich", ergänzt Christian Lochmüller, der ebenfalls regelmäßig ins Bierstüberl geht. Gäste merken schnell, dass in dieser Gegend vor allem die Gemeinschaft zählt. "Hier halten die Leute noch zusammen", schwärmt Pfeffer. "Man trifft sich, man kennt sich, und das ist das Schöne hier."

Dass hier so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, liegt nicht zuletzt an der U-Bahn. Alle zehn Minuten kommen die Wagen der Linie U1, um die Fahrgäste entweder in Richtung Innenstadt oder in Richtung Mangfallplatz zu bringen.
Ob Rollstuhl oder Kinderwagen: Die Barrierefreiheit ist vorbildlich
"Wir haben hier eine wirklich gute Anbindung", sagt Anwohnerin Klara Bucher. Seit 40 Jahren lebt die gebürtige Allgäuerin in Untergiesing und fühlt sich dort nach wie vor wohl. Gerade weil hier meistens viele Menschen unterwegs seien, empfinde sie die Umgebung rund um den U-Bahnhof Candidplatz als sicher.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass der Zugang zu den Gleisen barrierefrei gestaltet ist. So können auch Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen die U-Bahn problemlos nutzen, gar nicht so selbstverständlich in München.
Auch das ist eine Besonderheit am Candidplatz – diesem Platz, den man beim Vorbeifahren leicht unterschätzen mag. Der auf den zweiten Blick aber inspirierend, bodenständig und sogar liebenswert daherkommen kann.
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