"Zutiefst bestürzt": So berichten Münchner Polizisten von dem Anschlag auf die Verdi-Demo

Vor dem Oberlandesgericht (OLG) München wurde am Montag der Prozess um den tödlichen Anschlag auf eine Verdi-Demonstration fortgesetzt. Nachdem am ersten Verhandlungstag die Anklage verlesen worden ist, will der Senat nun in die Beweisaufnahme eintreten.
Der angeklagte Afghane soll das Auto gezielt in einen Demonstrationszug der Gewerkschaft Verdi mit rund 1.400 Teilnehmern gelenkt haben. Eine Mutter und ihre erst zwei Jahre alte Tochter starben, 44 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich.
Polizist über Anschlag auf Verdi-Demo: "Der Täter ist rechts vor uns eingeschert und hat Gas gegeben"
"Sehr, sehr ruhig" habe der Täter auf ihn gewirkt. Allerdings: Auf die Aufforderungen der Polizisten, die ihn an jenem 13. Februar 2025 festnehmen sollten, habe der Täter zunächst nicht reagiert, habe "bewusstseinsgetrübt" gewirkt und in die Ferne gestarrt.
Das berichtet am Montag ein 32-jähriger Verkehrspolizist, der als Augenzeuge den Anschlag aus einem Polizeiwagen heraus beobachtet hat. Er und ein Kollege saßen in einem Schlussfahrzeug der Verdi-Demo. "Der Täter ist rechts vor uns eingeschert und hat Gas gegeben", erinnert sich der Polizist.
Farhad N. war vor knapp einem Jahr noch am Tatort festgenommen worden, nachdem er mit seinem Kleinwagen in die Menschenmenge gerast war.

Angeklagter zeigte deutliche Geste
Der 25 Jahre alte Afghane, der unter Terror-Verdacht und wegen zweifachen Mordes und 44-fachen versuchten Mordes vor Gericht steht, hatte Aussagen zur Tat und auch zu seiner Person zum Prozessauftakt verweigert.
Dafür äußerte er sich ohne Worte: Er hob für die Kameras den rechten Zeigefinger nach oben – eine verbreitete Geste unter Muslimen weltweit, die den Glauben an den einen und einzigartigen Gott symbolisieren soll und die zuweilen auch als Erkennungszeichen unter Islamisten gilt.

Der Verkehrspolizist, der aus einem Schlussfahrzeug des Demozugs heraus die Tat beobachtet hatte, berichtet am Montag, dass der Mini mit 30 bis 40 km/h in den Demozug gerast sei. Da der 32-Jährige als Verkehrspolizist viel mit Geschwindigkeit im fließenden Verkehr zu tun hat, wahrscheinlich eine gute Schätzung.
Er sei dann aus dem Polizeiwagen raus und zu dem Mini gelaufen. Auf dem Weg habe er einen Schuss gehört. Aus einer Polizeiwaffe im Zuge der Festnahme, wie er später erfuhr. Der Täter habe danach keinen Widerstand geleistet. Der Polizist hatte noch versucht, der Mutter zu helfen. Sie sei zunächst noch ansprechbar, aber sehr schwer am Kopf verletzt gewesen. "Sie griff mehrfach nach ihrem Kopf und mehrfach nach ihrem Kind", sagte der Beamte.
Das Kind lag nur zwei Meter entfernt von der Mutter, sei aber ohne Bewusstsein, der Kinderwagen sei dem Erdboden gleichgemacht gewesen.
Polizist über Tathergang: "Ich konnte irgendetwas in meinem linken Außenspiegel sehen"
Ein weiterer Polizeibeamter schildert die erschreckenden Minuten vor Gericht. Auch er hätte eines der Schlussfahrzeuge der Demo gefahren. Kurz vor der Kreuzung Seidlstraße/Karlstraße habe der 26-Jährige dann etwas wahrgenommen: "Ich konnte irgendetwas in meinem linken Außenspiegel sehen."
Einen kurzen Moment später sei dann ein Fahrzeug an ihm vorbei und in den Demonstrationszug gerast. Er schätzt die Geschwindigkeit auf 50 bis 70 km/h. Wie schnell der Wagen tatsächlich war, als er auf das Ende des Demozuges traf, wird im weiteren Verfahren noch zu klären sein.
Doch eines ist sicher: Der Wagen übte solch eine Wucht aus, dass zwei Menschen starben und 44 weitere teils lebensgefährlich verletzt wurden.
Beamter über Moment des Aufpralls: "Menschen sind durch die Luft geschleudert worden"
An den schrecklichen Anblick, als das Auto in die Menschenmenge fuhr, könne sich der 26-jährige Zeuge "leider recht lebhaft" erinnern. "Die Menschen sind durch die Luft geschleudert worden", schildert der junge Beamte vor Gericht. Dann seien sie verdreht am Boden liegen geblieben.
Er habe dann erst einmal versucht, so viel Erste Hilfe wie möglich zu leisten. Danach habe er neue Anweisungen bekommen. Er und seine Einheit sollten den zu diesem Zeitpunkt bereits festgenommenen Farhad N. in die Notaufnahme begleiten. Dort habe er N. zum ersten Mal gesehen. Viel gesprochen oder gewehrt habe dieser sich nicht. Später sei er von ihm und weiteren Kollegen ins Präsidium in der Ettstraße gebracht worden.
Seit den erschütternden Stunden vor knapp einem Jahr soll kein Tag vergangen sein, an dem er nicht daran gedacht hätte, sagt der Beamte zum Schluss. "Ich bin zutiefst bestürzt."
So geht es im Prozess weiter
Die Betroffenen selbst sollen erst zu einem späteren Zeitpunkt gehört werden. Bis in den Sommer hinein sind Verhandlungstermine am OLG München angesetzt, das Urteil könnte am 25. Juni fallen.