Zum Umfallen komisch

Das PR-Desaster um die städtische Radlkampagne setzt sich fort: Ein Sicherheits-Joker ersetzt den umstrittenen Radl-Clown – die Premiere am Rotkreuzplatz offenbart Akzeptanz-Probleme
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Gregor Feindt Illustration

Das PR-Desaster um die städtische Radlkampagne setzt sich fort: Ein Sicherheits-Joker ersetzt den umstrittenen Radl-Clown – die Premiere am Rotkreuzplatz offenbart Akzeptanz-Probleme

MÜNCHEN Als die erste Frau, ihn sah, da fiel sie vor Schreck glatt vom Rad. Da half auch das Schild „Obacht“ nichts mehr, mit dem sich der neue Radl-Clown bei seinem ersten offiziellen Auftritt an die enge Baustelle am Rotkreuzplatz gestellt hatte. Eine Lachnummer. Dabei sollte diese Figur der umstrittenen städtischen Radlkampagne nach dem massiven Ärger seriöser werden. Nun heißt der Nachfolger „Sicherheitsjoker“ – und ist noch lächerlicher geworden.

Seit April wurde an dem Konzept gearbeitet, wurden vier Schauspieler ausgesucht und von einem Regisseur mit einstudierten Szenen auf ihren Straßen-Auftritt vorbereitet. Das Ergebnis: Statt mit zwei Hörnern fährt der Neue jetzt mit einem Radlhelm – mit drei Löchern für die Narrenkappe. Statt grauem Anzug trägt er einen hellblauen mit noch mehr orangefarbenen Streifen. Jetzt ist er mit einem blauen Lastenfahrrad unterwegs. Immerhin muss er nicht mehr in Reimen reden.

Gestern Abend hatte er auf dem Rot-Kreuz-Platz seine Premiere. Da war er mit seinem sperrigen Radl oft genug selbst ein Verkehrshindernis. Als er dann vorne auf der Ladefläche einen großen Karton transportierte, war er selbst nicht mehr verkehrstauglich unterwegs. Schönes Vorbild.

Erste Reaktionen: „Ich weiß nicht, ob man ihn ernst nehmen sollte“, sagte eine Dame und radelte davon. „Ich finde den Sinn nicht in der Sache“, meinte eine andere.

KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle war bei der Premiere mit seinem bekannt trockenen Humor dabei. „Wir gehen das Risiko ein, dass er belacht wird. Aber wir wollten keine todlangweilige Kampagne auflegen.“ Er solle „Aufsehen erregen, aber sich nicht wie ein Clown benehmen“. Bei den Proben habe der Joker manchmal nur einen Radlhelm aufgehabt. Da sei die Aufmerksamkeit „nicht so groß“ gewesen. 30 bis 40 Auftritte sind in den nächsten Monaten geplant.

Im Gegensatz zum Vorgänger darf der Joker die Leute nicht mehr aufhalten, sondern nur noch ansprechen. Da hat sich die Polizei durchgesetzt, die das alte Konzept kritisch gesehen hatte und gestern nicht dabei war. Blume-Beyerle: „Leute aus dem Verkehr ziehen ist Sache der Polizei.“

Der Joker ist anders als der Clown nicht mehr allein: Zu seinem Auftritt gehört ein Zelt für einen kostenlosen Radlcheck. Das war gestern Abend der absolute Renner. In Schlangen standen die Leute an und ließen ihre Radl von Mechanikern untersuchen. Kleine Mängel wurden sofort behoben. Es gab Tipps für die Radl-Ausstattung und für das Verhalten im Straßenverkehr.

Der Hintergrund ist klar: Die Polizei registriert in München besorgt eine steigende Zahl von Radlunfällen und Verkehrsverstößen. Allein von Anfang Juni bis Mitte Juli zählte sie 550 Unfälle mit Radlern und in nur zwei Wochen 1446 Verstöße – ob die Joker den Ernst der Lage deutlich machen können? Willi Bock

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