Zum Finale: Kutten und Langusten

Es gibt Fans, die früh um 6 eine 25-Stunden-Fahrt auf sich genommen haben. Andere leisten sich für satte 2500 Euro das Mitternachtsbankett im Teamhotel. Sie alle eint die Liebe zum FC Bayern
| Abendzeitung
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Die Löwen-Fans sollen im Gästesektor (im Bild links oben)  das Pokal-Derby verfolgen
Rauchensteiner/Augenklick Die Löwen-Fans sollen im Gästesektor (im Bild links oben) das Pokal-Derby verfolgen

Es gibt Fans, die früh um 6 eine 25-Stunden-Fahrt auf sich genommen haben. Andere leisten sich für satte 2500 Euro das Mitternachtsbankett im Teamhotel. Sie alle eint die Liebe zum FC Bayern

Eine Autopanne, es bleibt auch nichts erspart. Und das mit all dem Material für die Choreographie in der Kurve, den tausenden liebevoll gebastelten Folienstücken im Gepäckraum. Doch der Konvoi der Bayern-Fans nach Madrid hat sich durchgekämpft auf dem Landweg von München aus. 2000 Kilometer in Richtung Sehnsuchtsfinale.

Rückschläge ist man ja gewohnt. Auch die Profis strauchelten in der Vorrunde bei den Niederlagen gegen Bordeaux - auch sie kämpften sich durch bis nach Madrid.

Etwas mehr als 20000 Bayern-Fans werden am Samstag in der „Sur“, der Südkurve des „Estadio Santiago Bernabeu" zu Madrid sein - vom Oberrang bis zum Unterrang. Schon Stunden vor Anpfiff wird eine Abordnung des Fanclubzusammenschlusses „Club Nr. 12" im Stadion sein. Jedes Folienstück muss auf seinen Platz - wie ein Mosaik für das große Ganze. Alle sollen in rot erscheinen.

Freitag und Samstag schwärmen die Fans ein. Die meisten per Auto oder Bus. Am Freitagmorgen um sechs Uhr früh starteten in München zahlreiche Busse, Fahrtzeit rund 25 Stunden. Für 150 Euro ist man dabei. Der „Club Nr. 12“ hat dabei ein Bonussystem entwickelt. Im Newsletter heißt es: „Für jedes in dieser Saison besuchte Europapokal-Auswärtsspiel des FC Bayern gibt es jeweils fünf Euro Rabatt, für das Spiel in Tel Aviv sogar zehn Euro Nachlass.“ Wer also bei allen sechs Trips nach Israel, Bordeaux, Turin, Florenz, Manchester und Lyon dabei war, zahlt nur 115 Euro. Alles ohne Finalkarte freilich. Und ohne Hotel. Die Rückfahrt ist nach Spielende. Gefeiert werden soll im Bus.

Die einen tragen Kutten, die anderen speisen Langusten, sie eint die Liebe zu Bayern.

Eine Stunde nach dem Abpfiff, wenn die Busse starten, wird im Hotel „Eurostars Tower Madrid" immer wieder das Buffet mit allen erdenklichen Köstlichkeiten und edlen Weinen frisch bestückt. Damit die Edelfans für satte 500 Euro satt werden. So viel kostete der exklusive Zugang zum Mitternachtsbankett des Vereins im Festsaal des Hotels an der Paseo de la Castellana. Rund 800 Sponsoren und Privatleute leisten sich den 48-Stunden-Trip nach Madrid. Für 2000 Euro im Vip-Paket inklusive Hautnah-Dinner. Nachlass gab es keinen. Egal, wer wie oft schon dabei war.

„Wenn man etwas so liebt wie ich den FC Bayern, dann gibt es da keine Frage: Ich muss da hin, da spielt das Geld keine Rolle. Das gönne ich mir gerne“, sagt Bodo Müller, der Promi-Bäcker Münchens. „Ich war schon 1967 dabei, beim Europacup-Sieg der Pokalsieger.“ Da war die Anreise günstiger. Das Finale gegen Glasgow fand in Nürnberg statt.

In Madrid ist er wie die anderen Promis im Hotel „Convention Center“ untergebracht. Lufthansa-Flug am Freitag, Cocktail-Empfang, Mittagessen, Stadtrundfahrt, Abendessen. Am Samstag ist Zeit zum Ausspannen und nervös werden, am Abend geht's per Bus ins Stadion. Das Mitternachtsbankett soll der Höhepunkt sein.

Man ist nah dran an den Stars für Autogramme und Fotos. In einer Luft aus Schweiß und Schampus, Zigarren und Rioja. Wiesn-Wirt Peter Pongratz, Moderator Kai Pflaume – sie alle sind echte Bayern-Fans, gönnen sich den Luxus-Trip zu einem Preis, für den andere zwei Wochen Strandurlaub mit der Familie machen.

Auch Wladimir Klitschko, der Box-Weltmeister, ist Stammgast unter den Edelfans. Schon beim Pokalfinale in Berlin war er mit seiner Hayden Panettiere, der US-Schauspielerin, die früher selbst Fußball gespielt hat. „Sie kennt sich richtig gut aus“, sagte Klitschko der AZ, „und sie wird auch für Bayern jubeln.“ Klar, wo doch der Mann an ihrer Seite ein Kumpel von Bastian Schweinsteiger ist. „Ich genieße die Atmosphäre im Stadion, aber auch das Drumherum, es ist toll zu sehen, wie eine Mannschaft nach solchen Erlebnissen zusammen sitzt.“ Klitschko war schon 2001 in Mailand dabei, „nun möchte ich wieder Glücksbringer sein.“

Münchens OB Christian Ude, ein Blauer durch und durch, geht wohl nicht als solcher durch. Dennoch ist er, Ehrensache, dabei. Wegen dringender Dienstgeschäfte am Freitag reist er am Spieltag an. Ude hat die Tragödie in Barcelona 1999 miterlebt, den Triumph von Mailand 2001. Ude zur AZ: „Dieses Mal hoffe ich, dass ich vor meiner Heimreise am Sonntag wieder auf eine Siegesfeier des FC Bayern darf.“ Auf dem Bankett trifft er Horst Seehofer, den CSU-Vorsitzenden und Bayerischen Ministerpräsidenten. Der liebt diese Mitternachtsdinner: „Da sitzen auch die Busfahrer, die Sekretärinnen und Kofferträger dabei. Das ist ein ganz großes Familienfest. Da redet jeder mit jedem. Ich werde mit meiner Frau bis zum Sonnenaufgang bleiben und fliege mit der ersten Maschine zurück nach München.“ Viele Maschinen heben gegen 3 oder 4 Uhr nachts in Madrid ab, Rückkehr in Erding um 6 Uhr.

Da sind viele der Busse noch auf spanischem Territorium. 25 Stunden in engen Sitzen, die nur bei einer Niederlage schmerzen. Die billigste Karte fürs Finale kostet 97 Euro, die teuerste 600 Euro. Die ganze Saison war schon teuer genug. Das Los des treuen Fans: Pleiten kosten Nerven, Erfolg Geld. „Da die Mannschaft dieses Jahr so grandios war, mussten einige von uns, gerade die Jüngeren, ganz schön sparen“, erklärt Hansi Gehrlein, der Präsident des Fanklubs „13 Höslwanger“, die auch nur 25 Karten für die 3300 Mitglieder erhielten. „Wir mussten die Spreu vom Weizen trennen. Und was die Kohle betrifft: Da wurde die Oma angezapft oder sonst irgendein Sponsor aufgetrieben.“ Ein Hotel in Madrid? „Das ist sowieso nur rausgeschmissenes Geld", sagt Höslwangs Kassierer Stefan Rieplhuber, „der Frühschoppen ist wichtiger."

Patrick Strasser, bö, kby, fk, mp

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren