Zucker, Saftkur, Wunderfrüchte? Eine Münchner Ernährungsexpertin entlarvt gefährliche "Krebs-Diäten"

Pro Tag 20 Kilo Obst und Gemüse? Nur eine von vielen „Krebs-Diäten“, die Ernährungsexpertin Nicole Erickson in ihrer Beratung begegnen. Die AZ fragt nach, was wirklich hilft.
AZ: Frau Erickson, Sie sind Expertin für Ernährung im Zusammenhang mit Krebstherapie und -prävention. Was ist für Patienten, die an Krebs erkrankt sind, das wichtigste Ziel?
NICOLE ERICKSON: Wichtig ist, dass die Ernährung, um Krebs zu vermeiden, sich sehr von der während der Krebstherapie unterscheidet. Wenn Sie einen Magen-Darm-Infekt haben, ernähren Sie sich ja auch nicht nach den Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie werden das essen, was Ihr Magen bei sich behalten kann. Das ist das Gleiche bei der Krebstherapie. Das wichtigste Ziel ist, dass man sein Gewicht hält und auf die nötigen Flüssigkeitsmengen kommt.
"Als würde der Körper einen Marathon laufen"
Warum ist Gewicht so wichtig?
Schon ab fünf Prozent Gewichtsverlust nimmt die Muskelmasse ab. Dadurch wird das Immunsystem geschwächt. Es ist aber für die Patienten unheimlich schwer, ihr Gewicht zu halten. Viele fragen mich in der Beratung: Wieso brauche ich so viele Kalorien? Ich liege nur rum. Aber für den Körper ist es, als wäre er jeden Tag einen Marathon gelaufen. Dadurch gibt es teilweise sogar einen erhöhten Kalorienbedarf, weil der Körper mehr Energie zum Heilen braucht.

Was empfehlen Sie Patienten, um nicht abzunehmen?
Wenn mein Hauptziel ist, zuzunehmen, kann man von mir aus alles essen, was schmeckt und verträglich ist. Man kann natürlich versuchen, die Mahlzeiten ein bisschen energiedichter zu gestalten. Wenn Sie zum Beispiel einen Joghurt mit Müsli zum Frühstück essen, dann könnte man etwas Nussmus einmischen. Oder man nimmt einen griechischen Joghurt, mit einem hohen Fettanteil von 30 Prozent. Oder man fügt kleine Zwischenmahlzeiten ein. Aber es funktioniert nur, wenn das etwas ist, was die Patienten essen. Viele kämpfen auch mit Geschmacksveränderungen in der Therapie, sodass manche Lebensmittel dann nicht mehr schmecken. Deswegen ist mein Hauptziel, die Lust am Essen aufrecht zu erhalten.
Für viele gehört dazu auch Zucker. Dennoch wird im Netz oft empfohlen, darauf zu verzichten, um die Tumorzellen „auszuhungern“. Stimmt das?
Das geht zurück auf die Erkenntnis eines Forschers aus den 80er-Jahren, der nachweisen konnte, dass eine Tumorzelle bei der Bildgebung stärker leuchtet als gesunde Zellen und somit mehr Zucker verwertet als eine normale Zelle. Daraus wurde geschlossen, dass, wenn ich weniger Zucker esse, ich diese Tumorzelle nicht mehr füttere und sich der Krebs dann nicht mehr weiterentwickelt.
"Ich habe extreme Fälle gesehen"
Klingt erst mal plausibel.
Das Problem ist, dass die Tumorzelle mehr leuchtet, weil der Metabolismus von Tumorzellen vielfach höher ist als von einer normalen Zelle. Aber alle Zellen unseres Körpers leben von Zucker. Es ist also physiologisch unmöglich, selbst, wenn ich gar keinen Zucker esse, meinen Blutzuckerwert so weit zu senken, dass mein Körper nicht in den Überlebensmodus schaltet und dann einen Weg findet, sich den Zucker zu holen. Studien konnte bisher keine direkte Verbindung zum Tumorwachstum finden.

In den Sozialen Medien kursieren weitere „Krebsdiäten“. Populär geworden ist etwa die australische Bloggerin Jessica Ainscough, die behauptete, sie könne ihren Hautkrebs mit Fruchtsäften heilen.
Diese Diät heißt Gerson-Diät und ist wirklich krass. Die Diät besteht aus 20 Kilo Obst und Gemüse, selbst gepresst, pro Tag. Plus andere dubiose Sachen wie etwa Kaffee-Einläufe, weswegen es sogar ein paar Todesfälle gab. Diese Diät ist längst widerlegt, aber trotzdem habe ich viele extreme Fälle gesehen. Wir hatten zum Beispiel einen Patienten in der Notaufnahme, der wegen des ganzen Obst und Gemüses einen Kaliumüberschuss hatte, was gefährlich für die Herzgesundheit ist.
Viele Patienten sind wahrscheinlich verzweifelt.
Wenn man Hoffnung hat, greift man nach jedem Strohhalm. Und es gibt viele, die damit Profit machen wollen. Es gab zum Beispiel einen Obstverkäufer auf dem Viktualienmarkt, der eine tropische Frucht, die Sauersack, verkaufte (auch Graviola, eine grüne, stachelige Frucht, die süß-säuerlich schmeckt, d. Red). Der Saft schmeckt ziemlich eklig, und trotzdem hat eine Patientin jede Woche für 50 Euro eine Sauersack gekauft, weil der Verkäufer ihr eingeredet hat, dass es ihren Krebs heilen würde.

Für viele spielt die Ernährung auch im Zusammenhang mit der Krebsprävention eine Rolle. Welchen Einfluss hat sie hier?
Es gibt den sogenannten Europäischen Kodex zur Krebsbekämpfung, der 14 Wege benennt, wie man mit einem präventiven Lebensstil das Krebsrisiko vermindern kann. Wenn man alle Empfehlungen einhält, kann man das Krebsrisiko geschätzt um ungefähr 40 bis 45 Prozent verringern. Ernährung ist ein Punkt, wobei für mich auch die Punkte Alkohol vermeiden und ein gesundes Körpergewicht halten dazugehören. Ernährung spielt eine wesentliche Rolle, man muss aber sagen, dass es noch deutlich wirksamere Hebel gibt, wie etwa Sonnenschutz und eine HPV-Impfung, die vor Gebärmutterhalskrebs schützt.
"Viel Zucker heißt viele Kalorien"
Wenn wir bei der Ernährung bleiben: Wie sieht krebsvorbeugendes Essen denn aus?
Im Prinzip ist es nichts anderes als das, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Dabei spielt übrigens der Verzicht auf sogenannte Einfachzucker durchaus eine Rolle, aber nicht im Zusammenhang mit Tumorwachstum. Sondern weil man mit viel Zucker - besonders problematisch sind zuckerhaltige Getränke - auch viele Kalorien zu sich nimmt, was wiederum Adipositas begünstigt. Und das erhöht das Krebsrisiko. Wichtig ist, dass die gesunde Ernährung Teil eines gesunden Lebensstils ist.
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