Zu reich fürs Bafög - zu arm für die Stadt: Studentin zieht aus München weg

Yasmin (22) wollte in München ein Duales Studium abschließen, doch die Stadt kann sie sich nicht mehr leisten, obwohl sie arbeitet.
| Christina Hertel
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Ein Antrag auf BAföG. (Symbolbild)
Ein Antrag auf BAföG. (Symbolbild) © Andrea Warnecke/dpa

München - Vor kurzem hat Yasmin in ihrem Studentenwohnheim die Kartons gepackt, ihre Exmatrikulation unterschrieben und München verlassen - obwohl das Studium ihr Traum war, obwohl sie nie durch eine Prüfung fiel. Trotzdem brach Yasmin ab, denn sie konnte sich ihr Studentenleben in München nicht mehr leisten.

Der Staat hat keine Regelung für Sonderfälle

Bedürftige Studenten bekommen Bafög, meint man. Doch für Yasmin galt das nicht. Offensichtlich ist sie ein Sonderfall, für den der deutsche Staat mit all seinen Paragrafen keine Regelung hat - und der gleichzeitig zeigt, wie sehr die Chancen, die ein Mensch bekommt, vom Geldbeutel der Eltern abhängen.

Yasmin ist 22 Jahre alt und ehrgeizig. Ihre ersten E-Mails schreibt sie, noch bevor ihre Vorlesungen um 8 Uhr morgens beginnen. Yasmin absolvierte ein Duales Studium mit dem Ziel, Wirtschaftsprüferin zu werden.

Ihre Arbeitsstelle bei einem renommierten Unternehmen befand sich in München, ihre Hochschule in Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg, über 300 Kilometer weit weg. Yasmin musste also zwei Zimmer mieten. Denn ihr Elternhaus liegt am anderen Ende Deutschlands - bei Hamburg.

Die Verdienste im Dualen Studium decken nicht alle Kosten

Zwar verdiente Yasmin bei ihrem Dualen Studium 890 Euro im Monat. Doch das deckte nicht mal die Mietkosten - alleine in München bezahlte sie für das Zimmer in dem Studentenwohnheim 640 Euro.

Reiche Eltern, die sie unterstützen könnten, hat Yasmin anders als viele ihrer Kommilitonen nicht. Yasmin hat zwei Geschwister. Ihren Vater, der in Tunesien lebt, kennt sie kaum. Ihre Mutter erhält nach einem Unfall eine kleine Rente.

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Dass sie ihrer Tochter kein Studium finanzieren kann, stellten auch die Behörden fest: Für ihr erstes Studium in Regensburg erhielt Yasmin den Bafög-Höchstsatz.

Doch weil ihr Lohn, den sie nun durch das Duale Studium erhält, zu hoch ist, sei sie nicht mehr berechtigt, teilte ihr der Sachbearbeiter mit.

Das Amt berücksichtigt höhere Ausgaben nicht

Individuell höhere Ausgaben - zum Beispiel für einen zweiten Wohnsitz - berücksichtigt das Amt nicht. Der Gesetzgeber habe "bewusst in Kauf genommen", dass solche Abwägungen die Studierenden selbst treffen müssen.

Denn egal, ob jemand in München oder in Sachsen studiert, erhält ein Student immer gleich viel Unterstützung. So geht es aus einer Anfrage hervor, die die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke von der Linken gestellt hat.

Die Abgeordnete Gohlke will helfen

Sie hörte von Yasmins Problem und versuchte, ihr zu helfen. "Dass ein Duales Studium in München vom Geldbeutel der Eltern abhängt, darf nicht zur Normalität werden", sagt die Abgeordnete, die bei der Bundestagswahl im Münchner Westen antritt und die fordert, dass das Bafög reformiert werden muss. "Die Bundesregierung", findet Gohlke, "pfeift auf soziale Gerechtigkeit in der Ausbildung."

Das Bildungsministerium schlug einen Kredit vor

Auch Yasmin ist enttäuscht. Nachdem ihr Bafög abgelehnt wurde, beantragte sie eine Ausbildungshilfe, stellte einen Hartz-IV Antrag. Doch sie erhielt nur Absagen - schließlich sei sie Studentin und an einer Hochschule eingeschrieben.

Sogar das Bildungsministerium befasste sich mit ihrem Problem. Die Antwort fiel allerdings ernüchternd aus: Sie könne Kredithilfen in Anspruch nehmen, schrieb der Staatssekretär.

Doch das kommt für Yasmin nicht in Frage. Denn die Angst sich mit Zehntausenden Euro zu verschulden und möglicherweise nicht zurückzahlen zu können, sei zu groß.

Zusätzlich leidet die Studentin unter einer Nervenkrankheit

Yasmin hat eine Trigeminusneuralgie. Das ist eine Nervenkrankheit, die zu schmerzhaften Krampfanfällen im Gesicht führt. Seit 2015 ist sie deshalb in einer Schmerzklinik in Behandlung. In besonders schlechten Phasen hatte sie 15 Attacken am Tag, sagt Yasmin. Gerade habe sie ihre Krankheit im Griff, doch sie könne jederzeit zurückkommen.

Zur Angst kommt Wut und Frustration: Um Geld für das Studium zu sparen, arbeitete sie ein Dreivierteljahr lang von 6 bis 22 Uhr - zuerst an einer Tankstelle, dann als Nachhilfelehrerin und schließlich als Sekretärin.

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Die Ersparnisse neigen sich dem Ende zu

Dieses Geld sei inzwischen fast aufgebraucht - obwohl sie sich in München nicht mal ein Busticket leistete. Sie habe es gemieden, in München Freunde zu treffen, weil sie wusste, dass der Tag dann wesentlich teurer werden würde.

"Was soll man denn sagen, wenn man durch München läuft und der andere dann fragt, ob man einen Kaffee trinken will?"

Neben dem Studium zu arbeiten, sei nicht möglich gewesen. Denn es sei extrem anspruchsvoll, sagt Yasmin. Die Kurse gehen teilweise von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends, zwischen den Phasen, in denen sie studiert und in denen sie arbeitet, ist keine Pause.

Sie musste München wegen des Geldes verlassen

Um überhaupt angenommen zu werden, musste sie ein fünfstufiges Bewerbungsverfahren durchlaufen. Obwohl sie einen Abi-Schnitt von 1,3 hat, findet Yasmin: "Es ist ein Privileg den Platz bekommen zu haben."

Das Studium sei ihr Traum gewesen - und zumindest vorerst ist er geplatzt. Ihre Exmatrikulation hat Yasmin bereits abgegeben. Ihr Arbeitgeber prüft allerdings gerade, ob sie möglicherweise ihr Studium an einer Hochschule in Hamburg fortsetzen kann. "Doch das Kapitel München ist zu Ende, weil das Geld nicht gereicht hat", sagt sie.

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