"Zschäpes Schweigen tut sehr weh"

Der Münchner Anwalt Stephan Lucas vertritt die Kinder des ersten NSU-Mordopfers Enver Simsek. In der AZ spricht er darüber, ob der Prozess die Erwartungen der Opfer erfüllt
| Natalie Kettinger
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Sie wollen wissen, warum ihr Vater sterben musste: Semiya und Kerim Simsek.
Daniel von Loeper Sie wollen wissen, warum ihr Vater sterben musste: Semiya und Kerim Simsek.

 

AZ: Herr Lucas, wie sind Sie mit der Prozessführung zufrieden?

STEPHAN LUCAS: Allen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz muss man dem Vorsitzenden Richter Götzl heute zugestehen, dass er den Prozess richtig gut im Griff hat und sich mit der zweifelsfrei komplexen Materie gut strukturiert auseinander setzt. Dabei lässt er vor allem keinen Zweifel an seiner Unabhängigkeit aufkommen; so werden unzulässige Fragen der Vertreter des Generalbundesanwalts genauso zurückgewiesen wie die der Nebenklagevertreter und der Verteidigung. Der Vorsitzende kann schon mal einen harschen Ton an den Tag legen. Der Prozess ist jedoch nicht von nennenswerten Streitigkeiten unter den Beteiligten geprägt.

Die Mordserie wird nicht chronologisch aufgearbeitet. Stört Sie das Hin-und-Her zwischen den Taten?

Natürlich würde es unsere Vorbereitungen auf den jeweiligen Prozesstag einfacher machen, wenn in der Hauptverhandlung systematisch Tatkomplex für Tatkomplex behandelt würde. Nur lässt sich das bei einem solchen Großprozess mit all seinen Unwägbarkeiten kaum umsetzen. Zeugen können krank werden, einzelne Prozesstage ausfallen et cetera. Da kann schon immer wieder mal ein gehöriges Durcheinander entstehen. Ich nehme dem Vorsitzenden Richter deshalb dessen behauptetes Interesse an einer systematischen Abarbeitung der Beweismittel ab.

Stützen die bisherigen Aussagen Ihrer Meinung nach die Anklage, also, dass Beate Zschäpe Mittäterin war?

Es ist noch zu früh für eine klare Einschätzung. Was sich aber allemal abzeichnet, ist, dass Beate Zschäpe gleichberechtigtes Mitglied war; unter anderem soll sie nach Zeugenaussagen für den „Nationalsozialistischen Untergrund“ das Geld verwaltet haben. Und alles deutet bislang darauf hin, dass sie es war, die nach dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand setzte.

Besonders viel haben wir bislang nicht über die Rolle des Verfassungsschutzes erfahren – was sagen Sie dazu?

Der Strafprozess ist kein zweiter Untersuchungsausschuss. Es geht in erster Linie darum zu klären, ob die Anklagepunkte zutreffen. Dennoch waren mein Kollege Jens Rabe und ich von Anfang an überzeugt, dass Fragen zu Ermittlungsfehlern grundsätzlich zulässig sein müssen. Nur eine umfassende Aufklärung ermöglicht am Ende ein Urteil, das Rechtsfrieden stiften kann. Das Gericht lässt Fragen zu all diesen Ermittlungsfehlern bislang zu. Der Verfassungsschutz spielte dabei womöglich eine wesentliche Rolle. Auch das sollte zu gegebener Zeit zur Sprache kommen.

Wie beurteilen Sie das Auftreten von Polizei und Sicherheitsbehörden vor Gericht?

Bei etlichen Vernehmungen wurde deren bisweilen unzureichende Arbeit deutlich. Wenn Zschäpe nach ihrer Festnahme zwar die Aussage verweigerte, jedoch zu sogenannten informatorischen Gesprächen mit der Polizei bereit war, hätten die Beamten daraus ganz einfach mehr machen müssen – stattdessen kamen da damals viel zu wenig Nachfragen. Dass Zschäpe beispielsweise vor dem Brand ihre Katzen aus der Wohnung holte, quittierte ein Beamter im Zeugenstuhl sinngemäß mit der Bemerkung: „Sie wollte halt ihre Liebsten in Sicherheit bringen“. Kein Beamter kam auf die Idee, mal nachzufragen, ob Zschäpe womöglich Hellseherin sei; denn woher wusste sie denn bitte sehr, dass es in dieser Wohnung später brennen würde?

Sie vertreten die Kinder des ersten NSU-Opfers Enver Simsek. Wie geht es ihnen?

Semiya Simsek und ihr Bruder Kerim sind noch immer sehr angespannt. Der Prozess lässt sie nicht los. Sie erwarten von Beate Zschäpe ein Zeichen der Reue, das bislang allerdings noch nicht gekommen ist. Das tut sehr weh. Die beiden Geschwister sagen uns immer wieder, dass sie nicht begreifen können, dass die Angeklagten und auch ihre mutmaßlichen Helfershelfer so entspannt im Gerichtssaal sitzen.

Werden die Hinterbliebenen im Prozess ausreichend berücksichtigt? Semiya Simsek hat immer gesagt, dass sie sich vom NSU-Prozess in erster Linie Aufklärung erhofft. Dann erst stellt sich für sie die Frage nach geeigneten Strafen. Warum musste ausgerechnet ihr Vater sterben? Immerhin konnte in der Vernehmung des Zeugen Vögeler – der damalige Vernehmungsbeamte – geklärt werden, dass an der Drogenspur, möglichen Schutzgelderpressungen und den vielen Verdächtigungen in der Familie rein gar nichts dran war. Diese Tatsachen waren für die Simseks enorm wichtig. Ihr Anliegen wurde vom Gericht ausreichend berücksichtigt.

Fühlen sie sich der Wahrheit schon ein bisschen näher?

Das ganz sicherlich. Die größte Hoffnung von Semiya Simsek bleibt es jedoch, dass Beate Zschäpe aussagen möge, auch wenn sie selbstverständlich nicht dazu verpflichtet ist. Semiya Simsek hatte es vor Prozessbeginn mal so ausgedrückt: „Das ist das einzige, was diese Frau jetzt noch für uns tun kann.“

 

 

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