Zensur auf allen Kanälen

Ganz München redet über den Rückzug von Michael Lerchenberg als Bruder Barnabas – viele stellen sich hinter ihn. Doch die Rede gibt es im TV und im Internet nur noch entschärft zu sehen.
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Ganz München redet über den Rückzug von Michael Lerchenberg als Bruder Barnabas – viele stellen sich hinter ihn. Doch die Rede gibt es im TV und im Internet nur noch entschärft zu sehen.

MÜNCHEN Selten hat der Starkbieranstich auf dem Nockherberg so eine heftige Debatte ausgelöst: Ein KZ-Vergleich in der Bußpredigt von Michael Lerchenberg als Barnabas hatte für Wirbel gesorgt, nach Protesten von Charlotte Knobloch und Guido Westerwelle zogen sich Lerchenberg und Co-Autor Fonsi Springer am Freitag von der Rolle zurück. Doch die Rede im Original kann niemand mehr sehen. Der BR veröffentlicht nur noch eine zensierte Fassung.

Am Freitagabend lief die Wiederholung der Sendung – gekürzt an entscheidenden Stellen. Lerchenbergs deftige Schelte der Polizei – rausgeschnitten. Die Passage mit dem KZ-Vergleich – fehlt. Auch auf der Website des BR ist nur diese Fassung zu sehen, obwohl BR-Sprecher Rudolf Küffner der AZ am Donnerstag versichert hatte: „Die Rede wird weiterhin ungekürzt bei uns im Internet zu sehen sein.“ Am Sonntag hieß es, es sei keine Zeit geblieben, „die Öffentlichkeit über einzelne Schnitte zu informieren“. Die grüne Fraktionsvorsitzende Margarete Bause und Rundfunkratsmitglied Ludwig Hartmann erklärten: „Das ist eine Form politischer Zensur, die in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen einfach nicht stattfinden darf.“

Auch in der Sendung „Sonntagsstammtisch“ ging es gestern im BR um die Rede. Für Focus-Chefredakteur Helmut Markwort ist Lerchenbergs Rede ein „fanatischer Leitartikel“, der ihm nicht gefallen habe – live gesehen hat er die Predigt nicht. Karikaturist Dieter Hanitzsch sieht in der Rede „überhaupt keine Verharmlosung der Naziverbrechen“, wenngleich er sie als „missglückt“ und „langweilig“ empfand. Und Helmut Schleich, der im Singspiel Franz Josef Strauß verkörpert hat, sagte: „Springer und Lerchenberg wurden in die Enge getrieben.“ Schleich baut nun darauf, dass die Kabarettisten zusammenhalten und es im nächsten Jahr heißt: „Macht Euch eure Rede doch allein.“

Eine offene Diskussion, deren Gegenstand sich niemand mehr ansehen kann. Über die Kürzungen bei der Wiederholung der Sendung im TV und auf der Website sagt Dieter Hildebrandt der AZ lachend: „Das wundert mich überhaupt nicht.“ Der KZ-Vergleich von Barnabas ist für ihn eine Stilfrage: „Natürlich darf man das machen, ich würde das aber nicht machen.“

K. Rieger/A.K. Koophamel

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