"Zeitumstellung? Ein grotesker Unsinn!"

Und zu teuer findet der Chef des Vereins zur Verzögerung der Zeit die Einrichtung auch
| Robert Domes
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Wettert gegen die Zeitumstellung: Erwin Holler im AZ-Interview.
ho Wettert gegen die Zeitumstellung: Erwin Holler im AZ-Interview.

AZ: Herr Heller, am Wochenende ist gerade wieder auf Sommerzeit umgestellt worden. Was sagt der „Verein zur Verzögerung der Zeit” dazu?

ERWIN HELLER: Ich halte das für grotesken Unsinn. Wissenschaftlich ist die ursprüngliche Zielvorstellung längst zerlegt. Man sollte mal kalkulieren, was diese zwei Umstellungen kosten. Wahrscheinlich ließe sich Griechenland damit sanieren. Vielleicht sollte man eine Aktion „Zeit für Griechenland” starten.
Dennoch hat man das Gefühl, abends mehr Zeit zu haben.

Uhrzeiten und Tageszeiten haben mit der Zeit nichts zu tun. Man spielt nur mit dem Raster, das oben drüber liegt. Wenn ich einfach so dahinlebe und nicht über die Zeit nachdenke, findet Zeit überhaupt nicht statt. Weil wir die Rationalität für unser Leben in vielen Bereichen überhaupt nicht brauchen.
Zum Beispiel?

Ich muss es nicht messen, ob ich 43 oder 17 Minuten am Strand spazieren ging. Das ständige Messen und Kontrollieren hat bei uns völlig überhand genommen. Dazu muss man wissen: Zeit ist eine unglaublich neue Angelegenheit für die Menschheit. Zeitmessung, wie wir sie kennen, ist ein Kind der Eisenbahn. Mit der Bahn entstand die Notwendigkeit, zu wissen, wenn es in München 10 Uhr 15 ist, dann ist es in Nürnberg auch 10 Uhr 15. Zeitmessung hat nur einen Sinn in der Synchronisation. Das hat mit dem Fließen der Zeit nichts zu tun.

Was stört Sie an der Zeitumstellung?

Ich habe ja nicht eine Stunde länger Tag. Das Ganze ist nur verschoben. Es gibt keinen Nachweis, dass dadurch Energie eingespart wird. Und keiner misst, was die Umstellung kostet, welcher Aufwand dahinter steht. Die Umstellung hat keinerlei Nutzwert. Die Russen haben das erkannt. Sie haben die Zeitumstellung 2011 abgeschafft.

Wirte von Biergärten und Cafés denken da sicher anders.

Mag sein. Aber wegen denen alleine lohnt sich dieser Aufwand nicht.

Die Kritik an der Zeitumstellung ist nicht neu. Warum, wird nichts daran geändert?

Das moderne Leben ist wahnsinnig anstrengend. Es gibt so viele Zumutungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Technik. Wir schlucken das einfach, ohne uns zu wehren. Das ist es, was die Sommerzeit am Leben hält: Für viele gibt es Wichtigeres. Die Sommerzeit ist eines der vielen Provisorien, von denen wir sagen, da sollte man lange mal aufräumen. Aber keiner tut was.
Was schlagen Sie vor?

Man sollte einen Aufruf an Edmund Stoiber starten. Er ist doch in der EU für den eisernen Besen überflüssiger Vorschriften zuständig. Da soll er mal rangehen. Das wäre eine wunderbare Aufgabe.


Der „Verein zur Verzögerung der Zeit” wurde 1990 von Philosophen aus Wien und Klagenfurt gegründet. Er betrachtet sich heute als größter interdisziplinärer Zusammenschluss von Zeitexperten im deutschsprachigen Raum.

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