Wo kommt das Loch in der Leopoldstraße her?
Ein ziemlicher Schreck sei das gewesen, sagt Sascha Gersbeck, als er letzten Dienstagvormittag auf dem Weg zum Einkaufen fast in dieses Loch getreten sei. Nicht in irgendeiner Maulwurfswiese. Sondern mitten auf dem Gehsteig an der Schwabinger Leopoldstraße, nur ein paar Schritte nördlich der Münchner Freiheit.
So groß wie ein Fußball klaffte das Loch im Kopfsteinpflaster. Sieben Pflastersteine waren nach unten durchgesackt, man hätte leicht mit dem Fuß einbrechen können.
"Ich hab mich runtergebeugt, reingeschaut und gesehen, da geht es mindestens einen halben Meter tief hinunter. Und der Hohlraum unter dem Pflaster könnte, ein bis zwei Meter breit sein. Was, wenn da ein Kinderwagen einbricht, oder ein Radler?"
Weckt Erinnerungen an Unglück in Trudering
Sascha Gersbeck (77) sei früher Flugsicherungs-Beauftragter bei der Lufthansa gewesen, sagt er. "Ich seh das sofort, wenn die Sicherheit gefährdet ist." Und dann habe er mit einem Schrecken an die ganz ähnlichen Hohlräume denken müssen, die letzten Herbst in Laim beim Bau der Tram-Westtangente entdeckt worden sind.
Dort war die Fürstenrieder Straße an mehreren Stellen abgesackt, offenbar weil im Untergrund Holz verrottet war, das in den 80er Jahren zum Verfüllen der U-Bahn-Baugrube verwendet wurde. Die Baustelle wurde erst mal gestoppt.
Und natürlich sei ihm auch das Unglück von Trudering eingefallen. 1994 war ein MVG-Bus fast senkrecht in einen acht Meter tiefen Krater gestürzt, der urplötzlich aufgerissen war. Drei Menschen starben, als das Loch sich mit Wasser füllte.

Gersbeck habe umgehend zwei Polizistinnen an der Leopoldstraße angesprochen. "Ich habe sie gebeten, sich dringend um eine Absperrung zu kümmern, und dass dieser Hohlraum untersucht wird."
Viel passiert sei dann erst mal nicht. Bis zur Dämmerung, als er wieder vorbeischaute, sei noch immer keine Absperrung dort gewesen. Erst Mittwochfrüh habe er ein Flatterband der Polizei vorgefunden. "Aber es lag teils am Boden – und das Loch lag außerhalb der Sicherung. Man hätte sofort feste Stellwände aufstellen müssen, mindestens."
Baureferat gibt Entwarnung
Denn was dem Schwabinger Anwohner noch im Kopf herumging, sind die Probleme mit dem Grundwasserstau drüben in der Genter- und Osterwaldstraße. Die über Jahre überfluteten Keller einen Kilometer Luftlinie entfernt. Ob es nicht denkbar wäre, dass sich auch an der Münchner Freiheit Grundwasser staut. Dass es Unterspülungen geben könnte?
Auch an Bauarbeiten vor etwa drei Jahren an den Rohren und Leitungen, die auf exakt dieser Höhe unter der Leopoldstraße – und unter den Tramschienen – durchführen, kann sich Gersbeck erinnern. "Ich mag mir nicht vorstellen, was passiert, wenn die Straßenbahn an dieser Stelle einbrechen würde."
Donnerstagfrüh sei das Flatterband immerhin neu gespannt gewesen, sagt der Anwohner. Bewegung kommt in die Sache, als die AZ Freitagfrüh bei der Stadt nachhakt. Das zuständige Baureferat und die Stadtentwässerung (die sich unter anderem um die Wartung des Kanalnetzes kümmert) schicken eilig Mitarbeiter zum Loch. Und geben noch am Mittag Entwarnung.

Nein, erklärt auf AZ-Nachfrage das Baureferat, an der betroffenen Stelle habe "keine Unterspülung" stattgefunden, der Einbruch der Pflastersteine habe auch nichts mit den Rohren und Leitungen zu tun, die unterhalb des Lochs unter der Leopoldstraße verlaufen.
"Das war ein ganz normaler Einbruch, wie er häufig in München mal passiert", erklärt ein Referatssprecher. Beispielsweise durch verrottendes Holz im Untergrund oder durch Wurzelwerk von Bäumen. Dass Löcher im Straßenraum entstehen, sei "keine Seltenheit": "Es ist nichts Offensichtliches entdeckt worden, was tiefer gehen würde."
Betroffene Stelle soll häufiger kontrolliert werden
Noch am Freitagmittag sicherten Tiefbau-Arbeiter das Loch, füllten den Hohlraum mit Sand und Kies auf und setzten die eingestürzten Pflastersteine wieder ein. Inzwischen spazieren Fußgänger wieder über die reparierte Gehwegstelle.
Weitere Untersuchungen im Untergrund – etwa Bodensondierungen, wie sie bei den Hohlräumen in Laim gemacht wurden – seien nicht geplant. Der Bereich ums Loch werde auch nicht aufgebaggert, um etwa einen Grundwasserstau zu prüfen.

Dennoch wolle man die Stelle zur Sicherheit ab sofort häufiger in den Blick nehmen. Die Leopoldstraße gehöre als Ein- und Ausfallstraße zur Prioritätenklasse A in München. Und werde wöchentlich von Tiefbau-Mitarbeitern begangen, teilt der Referatssprecher mit. Man prüfe dabei die Verkehrssicherheit, suche etwa Gefahrenquellen wie Schlaglöcher, Straßenbelags- oder Gehwegschäden oder kontrolliere, dass nach Aufgrabungen eine Straße ordnungsgemäß wiederhergestellt ist.
"Jetzt wird an der betroffenen Stelle häufiger vorbeigeschaut", so der Referatssprecher. "Da würde schnell auffallen, falls sich wieder Boden absenken würde."
Warum genau dieser 50 Zentimeter tiefe Hohlraum plötzlich entstanden ist – und wie viele solcher Löcher jedes Jahr im Münchner Straßenraum auftauchen? Dazu will das Baureferat kommende Woche Einzelheiten erklären.
