Wirte sollen jeden bei sich bieseln lassen

Weil es in der City an öffentlichen Toiletten fehlt, sollen künftig Gastronomen aushelfen. In anderen Städten gibt es das Modell längst. München sperrt sich.
| Julia Lenders
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Mit diesem Schild zeigen Wirte in anderen Städten an: Nicht nur Gäste, sondern auch Passanten dürfen die Toiletten benutzen.
Schlüter 2 Mit diesem Schild zeigen Wirte in anderen Städten an: Nicht nur Gäste, sondern auch Passanten dürfen die Toiletten benutzen.
Abschreckendes Beispiel: Die öffentliche Toilette im Marienplatz- Zwischengeschoss.
Schlüter 2 Abschreckendes Beispiel: Die öffentliche Toilette im Marienplatz- Zwischengeschoss.

CSU will Lokale als Ersatz für öffentliche Klos: Weil es in der City an öffentlichen Toiletten fehlt, sollen künftig Gastronomen aushelfen. In anderen Städten gibt es das Modell längst. München sperrt sich.

München - Die Münchner Klo-Misere beschäftigt den Stadtrat seit einer halben Ewigkeit. Doch bisher blieb’s bei der Theorie. In der Praxis sind viele der öffentlichen Häusl immer noch in einem desolaten Zustand. Zwar hat die Stadt ein Konzept erarbeitet, wonach ein Teil der insgesamt 73 Anlagen saniert werden soll – und 34 andere geschlossen würden (AZ berichtete). Doch wann die Umsetzung beginnt, ist nach wie vor unklar.

Die CSU ärgert sich seit langem über die Lokus-Lage. Durch die geplanten Schließungen werde sich diese noch „massiv verschlechtern“, meinen die Stadträte Hans Podiuk und Richard Quaas. „Gerade für die älteren Mitbürger können dadurch große Probleme und entwürdigende Situationen entstehen“, schreiben sie in einem Antrag. Darin greifen sie einen Verbesserungsvorschlag auf – das Konzept „Nette Toilette“. Ihre Forderung: Die Verwaltung soll mal prüfen, wie das auch in München umgesetzt werden kann.

„Nette Toilette“? So nennt sich eine Idee, die inzwischen in 120 Städten, darunter auch Würzburg, Schule gemacht hat. Das Ganze funktioniert so: Wirte und Händler stellen ihre Klos auch Passanten zur Verfügung. Wo ein lächelndes „00-Gesicht“ an der Tür angebracht ist, dürfen alle bieseln. Im Gegenzug bekommen die Gastronomen einen Reinigungszuschuss von der Stadt. Heute soll der zuständige Stadtratsausschuss sich damit befassen. Das Kommunalreferat schlägt allerdings vor, dass die Umsetzung des Konzeptes „nette Toilette“ derzeit nicht weiter verfolgt wird. Warum?

Im Innenstadtbereich sei das nicht erforderlich, heißt es – dort stünden nach der geplanten Sanierung genug WCs zur Verfügung. Außerdem sei das Ganze von den Wirten nicht erwünscht. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) habe das Modell wiederholt abgelehnt und „auf diesbezügliche Gesprächsangebote des Kommunalreferats nicht reagiert“.

Als die AZ beim Münchner Dehoga-Vorsitzenden Conrad Mayer anruft, fällt der aus allen Wolken. „Es hat nicht eine Anfrage für ein Gespräch gegeben!“ Bei der Behörde bleibt man allerdings bei der Darstellung, der Verband habe schlicht nicht geantwortet. In der Frage hilft das alles freilich nicht. Was hält der Dehoga nun also von der „netten Toilette“? Mayer: „Wir sind dagegen, dass einzelne Kollegen – etwa am Odeonsplatz oder Marienplatz – überrannt werden.“ Wenn aber an dezentraleren Orten Ersatz für ein geschlossenes WC gebraucht werde, könne man sicher im Einzelfall mit den Gastronomen sprechen. Ähnlich klingt SPD-Fraktionschef Alexander Reissl: „Wir wollen nicht ausschließen, dass man sowas in den äußeren Stadtvierteln nochmal probieren kann.“

CSU-Rat Podiuk reicht das nicht: „Die Stadt blockiert jede Lösung!“ Auch im Stadtkern sieht er Bedarf. „Die jetzigen Toiletten sind nicht zumutbar – außerdem sind es zu wenige.“

 

 

 

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