Wird die Dritte Startbahn zum Rohrkrepierer?

Corona hat die Luftfahrt quasi zum Erliegen gebracht. Nun fragt man sich auch in der CSU, ob ein Airport-Ausbau wirklich sinnvoll ist.
| Ralf Müller
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Mai 2007: Protestaktion des Aktionsbündnisses "AufgeMUCkt" gegen die Dritte Startbahn auf dem Odeonsplatz.
Lindenthaler/imago Mai 2007: Protestaktion des Aktionsbündnisses "AufgeMUCkt" gegen die Dritte Startbahn auf dem Odeonsplatz.

München - Tausend bis zwölfhundert Mal am Tag donnerten noch im Februar am Münchener Flughafen die Motoren zu Starts und Landungen. Dann wurde es still, die Vögel zwitscherten und wurden pro Stunde gerade drei Mal von Flugzeugen übertönt. Inzwischen hat sich die Zahl der Flugbewegungen auf Deutschlands zweitgrößtem Flughafen nach dem radikalen Corona-Lockdown wieder leicht auf etwa 100 pro Tag gesteigert. Das sind weniger als zehn Prozent des Normalbetriebs.

An eine dritte Start- und Landebahn kann man derzeit nur unter Aufbietung allergrößter Fantasie glauben. Die Corona-Krise verschafft den zahlreichen Ausbau-Gegner – von den Umweltschützern, der Bürgerinitiative "AufgeMUCkt", den Grünen bis in die bayerische Regierungspartei Freie Wähler hinein, kräftigen Aufwind. Sie sehen jetzt eine gute Chance, dem nach wie vor nicht aufgegebenen Vorhaben endgültig den Garaus machen zu können.

Flughafenausbau bis 2023 auf Eis gelegt

Und auch in der CSU finden die Startbahngegner immer deutlichere Worte. "Die Dritte Startbahn – ein Rohrkrepierer", formuliert die Vorsitzende der CSU-Frauenunion und ehemalige bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf. Vor dem Hintergrund der Folgen der Corona-Krise müsse die Notwendigkeit des Projekts "dringend überdacht" werden. Dazu muss man freilich wissen: Als Erdinger Volksvertreterin war Scharf immer gegen die dritte Bahn, ebenso wie ihr Parteifreund, Staatskanzleiminister Florian Herrmann aus Freising.

Dringend ist eine Entscheidung darüber nicht. Im Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freien Wählern ist ein Moratorium festgeschrieben. Auf Druck der Freien Wähler wurde der Flughafenausbau bis 2023 auf Eis gelegt. Die Planungen für die rund eine Milliarde Euro teure Startbahn, für die grundsätzlich Baurecht besteht, "werden daher während der aktuellen Legislaturperiode nicht weiterverfolgt", steht in dem Vertrag.

Die Ankündigung der Lufthansa, "auf Dauer" einen Teil ihrer in München stationierten Flotte stillzulegen, irritiert nun auch überzeugte Luftfahrtförderer. "Auf Dauer", sagt der ehemalige CSU-Chef und bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber, "heißt in der Wirtschaft allerdings nicht ewig, sondern auf absehbare Zeit". Begraben sei das Projekt Startbahn nicht. Aber auch Huber fragt sich: "Wird es überhaupt noch einmal zum Ferien-Flugverkehr wie in der Corona-Zeit kommen? Werden im Wirtschaftsleben viele Meetings durch Videokonferenzen ersetzt?" Zudem werde das Thema CO2-Einsparung am Flughafen nicht vorbeigehen. Ob und wann es gelinge, CO2-neutrale Flieger zu betreiben, sei offen. "Abwarten heißt die unausgesprochene unmittelbar einleuchtende Parole", so Huber.

Pschierer: "Das Reiseverhalten der Menschen wird sich ändern"

Zweifel erfassen auch den früheren Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer, als Landesvorsitzender der Mittelstandsunion bisher klarer Befürworter des Ausbaus. "Grundsätzliche strukturelle Veränderungen" erwartet er für den Urlaubs- und Geschäftsreiseverkehr. "Deshalb ist auch für mich eine Neubewertung des Themas 'Dritte Startbahn’ im Nachgang zu dieser Krise unabdingbar", sagt Pschierer. Wenn man seit Monaten in der Lage sei, wichtige Besprechungen über Telefon und Video abzuhalten, werde das nachwirken. Außerdem werde sich "das Reiseverhalten der Menschen ändern".

Entschiedenster Befürworter eines Flughafenausbaus bleibt die Wirtschaft. Doch auch Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), rechnet nicht damit, dass der Luftverkehr bald wieder das Vorkrisenniveau erreichen wird. Die Pandemie werde das Wachstum "mehr als nur kurzfristig abbremsen", sagte Brossardt der AZ. Trotzdem werde eine dritte Startbahn deutlich zur Verbesserung der Verkehrssituation beitragen. Der Airport müsse nach der Corona-Krise "seine Position als internationales Drehkreuz behaupten" können. Daher sei die "mittelfristige Realisierung" der dritten Start- und Landebahn nach wie vor notwendig.

Ab 1. Juli werden wieder 90 Ziele von München aus angeflogen

Das ist auch die Position der Flughafengesellschaft FMG, die von Freistaat, Bund und der Stadt München gebildet wird. Internet und Telefon könnten auf Dauer "persönliche Begegnungen nicht ersetzen", ist man überzeugt. Etliche kleinere Projekte wie ein weiteres Hotel und ein zusätzliches Parkhaus auf dem Flughafengelände wurden aber auf Eis gelegt, "im Sinne des Liquiditätsmanagements", wie es heißt.

Am Freitag teilte die FMG mit, dass es leicht aufwärts gehe. Etwa 90 Ziele seien ab 1. Juli von München aus wieder direkt mit dem Flugzeug erreichbar, darunter auch Destinationen in den USA und Asien. Wer den Flughafen nutzen will, darf seinen Mund-Nase-Schutz nicht vergessen: Es gilt Masken-Tragepflicht auch außerhalb der Maschinen.

Lesen Sie auch: Münchner Airport nimmt viele Ziele wieder in den Flugplan

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