"Wie viel Kaffee können Leute trinken?" Münchner Traditionsunternehmen kämpfen ums Überleben
Traditionsgeschäfte in München kämpfen ums Überleben – oder sie schließen, wie der Herren-Ausstatter Wormland am Marienplatz Ende 2025. Auch der traditionelle Haushaltswarenladen Suckfüll in der Maxvorstadt macht gerade nach 94 Jahren zu.
In der City geht eine Ära zu Ende: Die Sendlinger Straße verliert nach 35 Jahren den frechen Designladen Kare – das originelle Münchner Einrichtungshaus schließt Ende des Sommers und zieht in das Kare Kraftwerk. "Sehr schade", findet das Wolfgang Fischer von City Partner, ein Experte für die Entwicklung der Altstadt.

Gastro expandiert in der Altstadt
Der Münchner hat bei Kare einmal eine "coole Lampe" gekauft: "Kare ist eine Institution, finde ich. Gefühlt gibt es den Laden für mich seit Stadtgründung", sagt Fischer im Scherz. Denn es ist klar: Viele Münchner schmerzt der spürbare Wandel im Straßenbild der City. Kommt jetzt noch mehr Gastro? Ein Nachfolger für den 380-Quadratmeter-Laden in der Nähe des Sendlinger Tors steht noch nicht fest.

Die klare Tendenz in der Münchner City: "Die Gastro in der Altstadt expandiert weiter. Wo die Deutsche Bank am Marienplatz war, ist heute Nespresso – mit einer schicken Kaffeebar", so Fischer.

In den ehemaligen Wormland zieht die Edel-Schokoladen-Marke Lindt, informiert Wolfgang Fischer. "Vielleicht machen sie noch ein Café hinein. Das ist noch nicht klar", so der Innenstadt-Kenner. In der Sendlinger Straße hat vor drei Wochen das stylische glutenfreie Café "Pour. Coffee & more" aufgemacht.
Wo der Einzelhandel geht, kommt Gastronomie
Wo der Einzelhandel geht, kommt Gastronomie, sagt Fischer. Auch Stephanie Strobl, Mitinhaberin von Holz-Leute am Viktualienmarkt/Ecke Marienplatz beobachtet, "dass in der Altstadt inzwischen oft Coffeeshops eröffnen". Und sie fragt sich manchmal: "Wie viel Kaffee können die Leute noch trinken?"

Holz-Leute gibt es seit 153 Jahren
Ihr familiengeführtes Geschäft gibt es schon seit 153 Jahren, es ist das älteste der kleinen Traditionsgeschäfte in der Metzgerzeile. Hier gibt es "alles aus Holz": kunstvolle moderne Schalen, klassische Holzspiele, Rasiersets oder Profi-Kochmesser.
Das Holzgeschäft gehört zu "der Handvoll" kleiner Münchner Läden, die in der City überlebt haben. "Wir bleiben optimistisch. Wobei ein Bauchladen, der von allem wenig hat, heute nicht überlebt. Wer wunderschöne Holz-Schneidebretter anbietet, kann nicht nur drei haben, sondern braucht eine Riesenauswahl. Die Menschen erwarten das."

Du brauchst eine einzigartige DNA
"Das Kaufverhalten hat sich sehr verändert", sagt die Münchner Geschäftsfrau. "Ich glaube, der Kunde möchte heute 20 Pfeffermühlen sehen, nicht nur eine." Die zeitgemäße Entwicklung für Ladeninhaber in der Innenstadt sei: "Du brauchst auch einen Onlineshop und du brauchst deine einzigartige DNA", so Stephanie Strobl.
Nische finden – so haben kleine Läden eine Chance
Was hast du, was andere nicht haben? Das sei die Chance. Bei Holz-Leute öffnet sich die wunderliche Welt der Bürsten. Es gibt besondere Taschenmesser und ausgefallene Schachspiele. "Wir sind Nische. Außerdem haben wir Expertise. Deshalb sind wir zuversichtlich, was die Zukunft angeht", erklärt Architektin und Designerin Stephanie Strobl. Nische in der City sind beispielsweise noch der "Baumann", der edles Lederzubehör in der Hackenstraße verkauft oder der "Radspieler", der hochwertige Stoffe und Interieur verkauft.
Moderne Kunden nutzen die Online-Plattformen
Der klassische kleine Einzelhandel sei "tot", analysiert Ladeninhaberin Strobl provokant. Das habe vielfältige Gründe. Das Kaufverhalten habe sich geändert mit den großen Onlineplattformen.
"Die Konkurrenz zum Einzelhandel sind auch die Marken und Konzerne. Es gibt immer mehr Markenläden in der Münchner Altstadt – nur sie können in Zukunft überleben", schätzt die Mitinhaberin von Holz-Leute: "Deshalb arbeiten wir auch an unserem Markenprofil."
Marken-Shops haben doppelte Marge
Der Name sei wichtig. Als Beispiel nennt sie Adidas in der Sendlinger Straße. Das Unternehmen verkauft im eigenen Store – also ohne Zwischenhändler – seine eigenen Schuhe. "So hat Adidas doppelte Marge und kann sich die teuren Mieten in der Innenstadt leisten", meint Strobl.
In der Sendlinger Straße gibt es inzwischen außerdem die Marken-Shops von "Haribo" und dem französischen Topfhersteller "Le Creuset", der farbiges Kochgeschirr aus Gusseisen anbietet.

In der Maximilianstraße sind Premiummarken, wie Dior oder Jimmy Choo Schuhe zu finden. Die Kaufingerstraße hat vor allem Massen-Marken wie H&M oder Zara. "Wo bleibt da der Fachhändler?", fragt sich Geschäftsfrau Strobl.

Unsere Miete ist bezahlbar
Noch gibt es sie vereinzelt in der Altstadt, die Traditionsgeschäfte, wie den Hutmacher am Dom, "Breiter Hut & Mode". Die Stadt München vermietet unten im Rathaus kleine Ladenflächen. Auch die Einzelhandelsflächen im Ruffinihaus und die Läden in der Metzgerzeile, wie Holz-Leute am Viktualienmarkt, haben die Stadt als Vermieter. "Die Miete ist bezahlbar", sagt Stephanie Strobl von Holz-Leute. "Hätten wir einen privaten Vermieter, würden wir mit unseren schönen Dingen für Küche und Tisch nicht mehr in der Stadt sein."

In der Lokalpolitik gilt das Ruffinihaus zwar "grundsätzlich als gutes Instrument", sagt Andrea Stadler-Bachmaier (Grüne), Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel. Doch dafür müsse die Stadt viel Geld ausgeben – "von dem nur eine kleine Gruppe profitiert". An anderer Stelle werde das Geld ebenfalls dringend gebraucht.
Stadler-Bachmaier sieht auch private Eigentümer in der Verantwortung. Die Stadt habe kaum Einfluss darauf, an wen freie Flächen in der Innenstadt vermietet werden. Im Lehel suche der Bezirksausschuss deshalb immer wieder das Gespräch mit Vermietern, in der Altstadt sei das deutlich schwieriger.
Entscheidend sei zudem die Aufenthaltsqualität. Mehr Bäume und ausreichend Durchgänge zwischen Freischankflächen könnten mehr Menschen in die Innenstadt locken. "Jeder hat die Verantwortung, ein Stück weit von seinem Komfort abzugeben", sagt Stadler-Bachmaier.

