Wie sich Kabarettistin Christina Baumer durch die Corona-Krise kämpft

Die Schauspielerin und Kabarettistin Christina Baumer (33) erzählt in der AZ, wie sie in der Corona-Krise mit ihrem Kanal "Quarantänekunst" ganz neue Wege entdeckte.
| Christina Baumer, Protokoll: Guido Verstegen
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Christina Baumer: Moment-Aufnahme beim Skype-Interview.
Guido Verstegen 2 Christina Baumer: Moment-Aufnahme beim Skype-Interview.
Quarantänekunst: Das ist das offizielle Team-Plakat.
Quarantänekunst 2 Quarantänekunst: Das ist das offizielle Team-Plakat.

München - Im März hätte ich mein Kabarett-Programm "Zum Fressen gern!" gehabt, auch eine für den 30. April geplante Mixed-Show in Rosenheim fällt aus. Besonders traurig ist es, dass die Wiederaufnahme des bis dato immer ausverkauften Stücks "Angst essen Seele auf" im Zentraltheater gestrichen werden musste – darauf hatte ich mich wahnsinnig gefreut.

Aber ich habe mich in der Corona-Krise von Anfang an nicht unterkriegen lassen, wollte meinen Beitrag leisten, dass die Menschen besser durch diese Zeit kommen. Dann hab' ich vor fünf Wochen einen Facebook-Aufruf an KünstlerInnen gestartet, mir doch bitte kurze Schnipsel zuzuschicken, mit denen wir ein Video zu unserem Quarantäne-Song von Viktoria Lein zusammenschneiden wollten. Das Lied macht auf die schwierige Situation der Solo-Selbständigen in der Kunst aufmerksam.

Es kamen dann so viele coole Videos, dass ich beschlossen habe, sie alle zu zeigen und dafür die Facebook-Seite "Quarantänekunst" anzulegen. Inzwischen hat die Seite bereits rund 3.300 Likes, der erste Quarantäne-Song bringt es auf über 32.000 Klicks, wir sind auch auf YouTube und Instagram aktiv, haben eine eigene Website und so etwas wie eine Firmen-Struktur mit im Kern 13 MitarbeiterInnen. Mich nennen alle nur noch liebevoll die Chefin, das ist echt schön! Mittlerweile hab' ich sogar zwei stellvertretende Chefs: Musiker Christoph M. Seidel aus München und Feuerartistin Nadine Künzer aus Hamburg.

Christina Baumer: Moment-Aufnahme beim Skype-Interview.
Christina Baumer: Moment-Aufnahme beim Skype-Interview. © Guido Verstegen

Mit der Aktion Geld zu verdienen, stand zunächst nicht im Fokus: Wir wollten den Menschen nur ein bisschen Ablenkung bringen in diesen verrückten Zeiten und dafür sorgen, dass die zur Untätigkeit verurteilten KünstlerInnen nicht depressiv daheim auf der Couch hocken. Ich hätte nie gedacht, dass das alles so durch die Decke geht und wir mit "Quarantänekunst" derart positives Feedback gerade auch aus den sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen bekommen. Krankenpfleger schreiben uns, wie großartig sie das finden, was wir tun.

Der Zusammenhalt unter uns ist klasse. Solo-Selbständige aus ganz Europa, die sich zum Teil nicht mal persönlich kennen, arbeiten in der Krise zusammen. Wir haben KünstlerInnen aus allen Gewerken dabei – Schwertschlucker, Feuerspucker, Songwriter, Entertainer, Zauberer und einen Puppenspieler. Joe Heinrich schreibt auch die Skripts zu unserer Krimi-Serie "Soko Corona", deren Hauptermittler eine Puppe ist. Die Darsteller drehen viel von zu Hause aus oder eben in Mini-Teams draußen. Als nächstes hat das Theaterprojekt "Faust – der Tragödie erster Teil" Premiere, dann kommt "Drei Schwestern" zudem ist ein Hörspiel in der Pipeline. Das ist echt stressig, aber so wundervoll. Unsere kleine Wohnung ist ein einziges Chaos – aber egal. Mein Verlobter muss dann immer mithelfen. Set aufbauen, ausleuchten, drehen. Aber das macht er total lieb und toll.

Quarantänekunst: Das ist das offizielle Team-Plakat.
Quarantänekunst: Das ist das offizielle Team-Plakat. © Quarantänekunst

Das geht irgendwie jetzt alles in Richtung deutsches Künstler-Streaming hier, aber wir vergessen dabei nicht, wie schlecht es um die vielen Solo-Selbständigen in der Kultur steht. Ich habe vom Freistaat Bayern einen kleinen Betriebskosten-Zuschuss bekommen und werde auch die monatliche Soforthilfe von 1.000 Euro beantragen. Das ist alles so schrecklich, das Geld kriegen wieder nur diejenigen, die auch in der Künstlersozialkasse sind. Mal ehrlich: Warum führt man jetzt nicht einfach für ein halbes Jahr das bedingungslose Grundeinkommen für die bedürftigen Bevölkerungsgruppen ein? Wäre doch ein prima Testlauf…

Lesen Sie hier: Münchner Abiturientin erzählt -

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