Wie Münchner Studenten das Leben in der Stadt besser machen wollen

Weniger Müll, nachhaltige Quartiere, bessere Beratung bei häuslicher Gewalt – so wollen Studierende die Stadt besser machen.
| Christina Hertel
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Menschen mit und ohne Behinderung sollen auf der Insel Sport machen.
Menschen mit und ohne Behinderung sollen auf der Insel Sport machen. © ho

München - Wenn Wolfgang Gehra die ideale Gesellschaft malen müsste, hätte sie die Form eines Kreises: Alles darin würde unendlich wiederverwendet.

Dass diese Utopie in München Wirklichkeit wird, daran arbeitete Gehra die vergangenen Monate gemeinsam mit 65 Studierenden der Hochschule München. Er ist dort Professor für Sozialmanagement. Mit einem Kollegen leitete er dieses Wintersemester ein Seminar, das München nachhaltiger machen soll.

Zum Beispiel, indem die Bürger weniger wegwerfen und mehr Secondhand kaufen. Indem Menschen, egal ob sie eine Behinderung haben oder nicht, zusammen ihre Freizeit verbringen. Oder indem nachhaltige Start-ups rund um München Büros finden. Ziel ist, dass diese Ideen auch umgesetzt werden. Dafür arbeiteten die Studenten mit Partnern wie der Stiftung Pfennigparade oder Abfallwirtschaftsbetrieben zusammen.

Kürzlich präsentierten die Studenten ihre Ideen. Gehras Fazit: "Herausgekommen sind lauter tolle Beiträge, um raus aus der Wegwerfgesellschaft zu kommen."

Pfennigparade: Eine Insel für alle

Menschen mit und ohne Behinderung sollen auf der Insel Sport machen.
Menschen mit und ohne Behinderung sollen auf der Insel Sport machen. © ho

Vor vier Jahren hat die Stiftung Pfenningparade ein Geschenk bekommen: Eine Fläche von 8.000 Quadratmetern am Oberföhringer Wehr, die einst dem Energiekonzern Eon gehörte. Die Stiftung taufte das Areal "Insel" - das steht für "Inklusive Natur-, Sport- und Erlebnislandschaft" - und setzte sich zum Ziel, dass dort Menschen mit und ohne Behinderung ihre Freizeit verbringen. Heute stehen dort zwar ein Basketballplatz, eine Laufstrecke und ein Waldkindergarten. Doch ein richtiges Nutzungskonzept fehlt.

Ein Grund dafür sei, dass das Geld fehlte, Konzepte zu erarbeiten, sagt Thomas Heymel von der Pfennigparade. Die Studenten sollten deshalb möglichst günstige Vorschläge machen.

Eine Idee stammt von Daniel Forster. Er würde auf der Insel gerne kulturelle Veranstaltungen und Festivals veranstalten. Finanziert werden solle das durch Unternehmen, die Teambuildingmaßnahmen abhalten. Vorstellbar sei auch, Gartenprojekte zu starten oder eigenen Honig zu verkaufen.

Daniel Forster.
Daniel Forster. © Johanna Weber

Thomas Heymel, der an der Hochschule auch als Dozent arbeitet, hält solche Ideen für gute Impulse, sagt er. "Am Ende sollen die Menschen, die auf die Insel kommen, nicht mehr merken, wer behindert ist und wer nicht." Vorstellbar seien für ihn auch Kooperationen mit Vereinen. Eine Zusammenarbeit gibt es bereits: Auch Green City arbeitet gerade an einem Nutzungskonzept.

Halle 2: Mehr Kundschaft für das Gebrauchtwarenhaus

Gebrauchte Möbel gibt es in der Halle 2.
Gebrauchte Möbel gibt es in der Halle 2. © AWM

"Eigentlich müsste sich alles verdoppeln", sagt Bettina Folger, die Chefin der Halle 2, dem Gebrauchtwarenhaus der Abfallwirtschaftsbetriebe München (AWM): Die Kunden - jetzt sind es 170 am Tag. Aber auch die Waren, die in der Halle 2 landen. Derzeit sind es rund 500 Tonnen im Jahr. So ließe sich das Defizit von 400.000 Euro im Jahr beheben, glaubt Folger.

An einem Konzept, wie das gelingen kann, arbeitete die Studentin Maria Hoffmann gemeinsam mit ihrer Projektgruppe die vergangenen Monate. Die Probleme aus ihrer Sicht: "Hochwertige Gegenstände liegen oft im Lager, da die Verkaufsfläche schon so voll ist."

Außerdem würden viele die Halle 2, wo es vom Fahrrad bis zum Sofa alle möglichen gebrauchten Gegenstände zu kaufen gibt, gar nicht kennen. Maria Hoffmann konzipierte deshalb zwei Anleitungen: eine für Bürger, die ihnen erklärt, was sie zur Halle 2 bringen können. Und eine zweite für AWM-Mitarbeiter, die ihnen hilft, wie sie mit den Waren am besten umgehen.

Maria Hoffmann (31) studiert Soziale Innovationen an der Hochschule München.
Maria Hoffmann (31) studiert Soziale Innovationen an der Hochschule München. © privat

Vorstellbar sind für Hoffmann außerdem, kurze Clips in U-Bahnen zu zeigen und einen Social-Media-Kanal aufzubauen. Die Chefin der Halle 2 will nun auf diesen Vorschlägen aufbauen. Gleichzeitig will sie zentralere Verkaufsflächen finden. Denn die Halle 2 in Pasing sei für viele schlecht zu erreichen.

Nachhaltiges Gewerbegebiet: Tagsüber Büro, nachts Galerie

Die Gemeinde Haar, östlich von München, hat ein Problem: Das Pharmaunternehmen MSD Sharp & Dohme wird aus ihrem Gewerbegebiet wegziehen – einer der größten Arbeitgeber und Steuerzahler. Ein Drittel der Gewerbesteuereinnahmen habe alleine dieses eine Unternehmen gezahlt, sagt der Haarer Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU).

Für die Gemeinde sei das der Anlass gewesen, sich neue Konzepte zu überlegen. Ihr Ziel lautet seit ein paar Jahren, eine "zirkuläre Gemeinde" zu werden, also eine, in der möglichst alles wiederverwendet wird und in der zum Beispiel Baustoffe aus nachwachsenden, recycelbaren Materialien bestehen.

Und in einer solchen nachhaltigen Gemeinde sollen sich am besten auch nur solche Unternehmen niederlassen, die auch so wirtschaften. Doch wie kommt ein nachhaltiges Start-up darauf, sich in Haar niederzulassen?

Mit dieser Frage beschäftigte sich Studentin Alexandra Multerer. Zum Beispiel sollte sich die Gemeinde aus ihrer Sicht mit der Community vernetzen, Vorträge abhalten, um so die Menschen über das Thema Nachhaltigkeit aufzuklären.

Studentin Alexander Multerer (24).
Studentin Alexander Multerer (24). © privat

Außerdem entwarf sie einen flexibel nutzbaren Container aus Holz. Darin sollen Start-ups arbeiten, aber auch Veranstaltungen stattfinden. Die Idee, ein Bürogebäude am Wochenende und nach Feierabend für Kunst und Kultur zu nutzen, gefalle ihm besonders, sagt der Bürgermeister.

Häusliche Gewalt: Virtuelle Hilfe für Betroffene

Alle 45 Minuten erfährt eine Frau - statistisch gesehen - Partnerschaftsgewalt. Das gab das Familienministerium im Sommer bekannt und warnte: Während Corona könnten die Zahlen steigen.

Für Student Leo Mück und seine Kommilitoninnen Lena Binnberg und Ida Diwert waren diese Zahlen Anlass, darüber nachzudenken, wie Betroffene einfacher Hilfe bekommen könnten. Denn ein Problem sei, dass viele gar nicht wissen, an welche Stellen sie sich wenden sollen, sagt Mück. "Andere schämen sich und trauen sich nicht direkt anzurufen."

Leo Mück will Gewaltopfern helfen.
Leo Mück will Gewaltopfern helfen. © privat

Er entwickelte deshalb eine Internetplattform, auf der alle Hilfsangebote gebündelt werden. Ähnlich wie bei Vergleichsportalen, die es zum Beispiel für Versicherungen gibt, solle es eine Filterfunktion geben. Je nachdem, ob man selbst betroffen ist oder Zeuge, soll man so zum richtigen Ansprechpartner gelangen.

Auch für Mück und seine Gruppe ist das Seminar abgeschlossen. Doch für sie komme die größte Herausforderung erst noch: Bis jetzt existiert die Idee nur als Powerpointfolie. "Wir suchen einen Geldgeber", sagt der 24-Jährige. Und jemanden der daraus eine Webseite programmiert.

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