Wie kommt der neue OB Dominik Krause im Münchner Rathaus an? Eine 100-Tage-Bilanz
Der Rathaus-Balkon ist voll mit (hauptsächlich) Männern in Lederhosen und Trachtenwesten, alle sind Meister – nicht beim FC Bayern, sondern im Handwerk. Sie haben vor Kurzem ihren Abschluss an der städtischen Berufsschule gemacht. OB Dominik Krause, auch in Tracht, hat sie eingeladen und macht jetzt mit rund 340 Goldschmieden, Fliesenlegern, Maurern Fotos.
Seine Mitarbeiter würden ihn nun gerne zum nächsten Termin, dem Gespräch mit der AZ, bugsieren. Aber Krause bleibt. Möglichst alle sollen ihr Foto kriegen. Die Männer jubeln, grölen. "Hoffentlich gibt das keinen Ärger", murmelt Krause. Von wem? Er ist doch der Chef hier. Krause lacht. "Stimmt, irgendeinen Vorteil muss es ja geben."
Fast 100 Tage ist Münchens erster grüner OB bei diesem Treffen im Amt – und in solchen Momenten wird klar: Er ist keiner, der breitbeinig auftritt, vielleicht hat er sich an seine Macht auch noch nicht ganz gewöhnt.
"Der Mann, den Markus Söder fürchten muss"
Bis kurz vor der Wahl hätte wohl kaum einer ernsthaft darauf gewettet, dass ein 35-Jähriger den Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) schlagen würde. Doch dann wurden Reiters nicht-genehmigte Nebenjobs beim FC Bayern öffentlich, die Stimmung drehte sich, immer mehr Menschen sehnten sich nach dem Aufbruch, den Krause versprach.

Dabei regiert er selbst seit Jahren im Rathaus mit: als Zweiter Bürgermeister und vorher als Chef der Grünen, der größten Stadtratsfraktion. Vor zwölf Jahren – mit Anfang 20 – wurde Krause zum ersten Mal in den Stadtrat gewählt. Doch nun hat er zum ersten Mal Macht – und zwar nicht nur im Rathaus.
"Der Mann, den Markus Söder fürchten muss", titelte Zeit Online kurz nach der Wahl. Bei Krauses erster Stadtratssitzung waren so viele Kameraleute, Fotografen und Journalisten da, dass für einige bloß noch auf den Fensterbrettern Platz war. Auf seinem Instagram-Kanal erreicht Krause auf einmal fast 300.000 Menschen. Wie geht es ihm vier Monate nach der Wahl mit dieser neuen Rolle?
So geht es OB Krause in seinem neuen Amt
"So viel Spaß wie jetzt hat die Arbeit im Rathaus noch nie gemacht", sagt er in seinem Büro, er strahlt, dass man an seiner Freude keinen Zweifel hat. Den riesigen Besprechungstisch, den riesigen Schreibtisch, die Büro-Stühle mit dem Flair von Kreissparkasse hat er von seinem Vorgänger übernommen. Das Rathaus muss schließlich sparen. Keine spaßigen Zeiten, eigentlich. Und doch erzählt in diesen Tagen nicht nur Krause, wie gut die Stimmung sei.

Sie komme endlich wieder gerne ins Rathaus, weil Krause ehrliches Interesse an ihrer Arbeit zeige, sagt eine Referentin zur AZ. Andere machen deutlich, dass die Geschichten von Dieter Reiter, über den so manch einer erzählte, dass er lieber im Bratwurst Glöckl als in seinen Ausschüssen saß, so nicht stimmen – ebenso wenig wie, dass der junge, dynamische OB plötzlich alles ganz anders mache. Doch Krauses unprätentiöse, freundliche Art loben alle Referenten, mit denen die AZ hinter vorgehaltener Hand spricht, um zu erfahren, wie die Stimmung wirklich ist.
50.000 Wohnungen hat Krause versprochen
Vor allem das Thema Wohnungsbau gehe Krause zielstrebig an. Im Wahlkampf hat er 50.000 Wohnungen auf seinen Plakaten versprochen und eine neue städtische Agentur, die leerstehende Büros in Wohnungen umwandelt. Der Stadtrat hat die Umbau-Agentur inzwischen beschlossen und sie hat die Arbeit bereits aufgenommen.
"Es melden sich viele Eigentümer, die Interesse haben", sagt Krause. Bis Ende des Jahres soll die neue Agentur fünf konkrete Projekte angehen. Krause bezeichnet die Umbau-Agentur als das größte Erfolgsprojekt bisher.
Im Planungsreferat ist die Euphorie nicht nur über die Agentur groß. Gut eine Woche nach seiner Vereidigung hat Krause die Immobilienbranche zu einem Wohngipfel eingeladen. Das Ganze sei mehr als ein symbolisches Treffen für ein nettes Foto gewesen, heißt es aus dem Rathaus. Es werde nun konkret an Zielen gearbeitet – zum Beispiel, wie Bauträger einfacher, schneller und günstiger bauen können. Auch bei dem Areal für ein großes Neubaugebiet im Münchner Nordosten soll es vorangehen.
Krause bemüht sich um ein besseres Verhältnis zum Freistaat
Für die Stadt ist dieses Gebiet bei Daglfing besonders wichtig. Denn dort soll das Olympische Dorf hin – falls München den Zuschlag für Olympia bekommt. Der Deutsche Olympische Sportbund fällt am 26. September die Entscheidung, welche deutsche Stadt sich bewerben soll. Neben München sind Berlin und NRW im Rennen. "Ich versuche, wirklich jeden Termin zu Olympia wahrzunehmen", sagt Krause. Vom Taekwondo-Turnier bis hin zur Vorstellung des Olympia-Konzepts.

"Wirklich hervorragend" nennt Krause die Zusammenarbeit mit Innen- und Sportminister Joachim Herrmann (CSU) beim Thema Olympia. Krause bemüht sich um ein besseres Verhältnis zum Freistaat. Sogar beim Gedenken zum OEZ-Attentat bedankte er sich in seiner Rede beim CSU-Innenminister, dass er die Gefahren des Rechtsextremismus erkenne und benenne. Von einigen Angehörigen der Ermordeten wurde Herrmann auch an diesem Tag für sein fehlendes Bewusstsein scharf kritisiert. Schleimt sich Krause ein? Hat er sein Rückgrat verloren? Ganz sicher würden da viele widersprechen.
"Das hätte es unter Dieter Reiter nie gegeben"
Dass Krause sich gegen das Abschiebeterminal am Flughafen positionierte – und damit auch gegen die Asylpolitik der CSU – das rechnet ihm Sabine Krieger, die stellvertretende Chefin des Bund Naturschutzes, an: "Das hätte es unter Dieter Reiter nie gegeben." Krause bringe frischen Wind in die Stadt, sei klar in der Sprache. Gleichwohl gebe es in der Klimabewegung eine hohe Erwartungshaltung an den grünen OB.
Wie hoch sie ist, wurde deutlich, als die Stadt 170 Meter Radweg auf der Lindwurmstraße in eine Busspur verwandelte. Die erst einmal nur ein paar Wochen bleiben soll. Mehrere Umweltverbände schrieben daraufhin eine wütende Pressemitteilung und attestierten Krause Mutlosigkeit. Der Chef des Radlclubs ADFC schimpfte, dass niemand in die Maßnahme einbezogen worden sei. "Wir dachten, jetzt gibt es einen neuen Stil im Rathaus." Doch offensichtlich sei das nicht der Fall.
Empörung bei vielen Eltern
Vielleicht nur ein kleiner Vorgeschmack, was da noch kommen könnte. Denn die Gefahr, dass Krause seine eigene Blase enttäuscht, die sich womöglich weniger für Olympia und mehr für neue Radwege begeistern lässt, ist groß. Denn schließlich muss das Rathaus gerade Hunderte Millionen sparen. Jede Investition steht auf dem Prüfstand, gleichzeitig wird von Eintrittspreisen bis hin zu den Kita-Gebühren vieles teurer.
Die "SZ" berichtete über die neuen Preise für Krippe und Kindergarten zuerst. Weil der Zeitung jemand ein geheimes Papier der Mango-Koalition gab. Wer ist freilich nicht bekannt. Doch einer von Krauses Wahlhelfern dürfte es nicht gewesen sein – schließlich empörten sich viele Eltern.
Die erste große Bewährungsprobe für die Mango
"Natürlich habe ich mich geärgert, dass das durchgestochen wurde", gibt Krause zu. Und doch schimpft er nicht über seine Koalition. Es sei die erste große Bewährungsprobe gewesen. Aus seiner Sicht wurde diese bestanden: Denn am Ende stimmte nicht nur die FDP für die höheren Gebühren – auch die SPD verabschiedete sich von dem kostenlosen Kindergarten, den sie einst eingeführt hatte. "In der Mango gibt es ein hohes Verantwortungsbewusstsein", sagt Krause. Und im Stadtrat herrsche ein neuer Geist.
Am deutlichsten wird das im Umgang mit der CSU. Krause setzte persönlich durch, dass der CSU-Landtagsabgeordnete Alexander Dietrich Kommunalreferent wird. Dietrich war bereits sechs Jahre Personalreferent, die Grünen hätten ihn wohl auch behalten, es scheiterte an der SPD. Einige Genossen schimpfen gerne darüber, warum Krause nun ausgerechnet das Referat der CSU überlässt, das für städtischen Grund und Immobilien zuständig ist. CSUler? Lästern selbst spät am Abend nicht über Krause.
Doch ganz aufgegangen ist seine Strategie womöglich trotzdem nicht. Auch abseits solcher Personaldebatten spürt man, dass sich schon jetzt in der Mango so mancher Frust angestaut hat. Krause nehme sich jeden Montag bloß eine halbe Stunde Zeit für die Koalition. "So viel wie Reiter im neunten Jahr seiner Amtszeit, aber Krause hat halt jetzt erst angefangen", wird gelästert. Ernsthaft besprechen lasse sich in 30 Minuten nichts. Krause selbst wirkt überrascht von dieser Kritik. Er habe noch nie gehört, dass es mehr Gesprächsbedarf gebe. "Meine Tür steht offen", sagt er.
Warum Krause nicht jede Kritik hart trifft
Das ist ein Satz, der auch fällt, als es in seinem Büro um die Debatte rund um die Intendantin der Kammerspiele Barbara Mundel geht. Ihr Theater gehört derzeit zu den erfolgreichsten im ganzen Land. Trotzdem wird Mundel in zwei Jahren aufhören. Auch, weil die Stadt ihre Stelle ausschrieb, ohne vorher mit Mundel zu sprechen, die wohl gerne weitergemacht hätte.
Nicht nur der Chef des SZ-Kultur-Ressorts kritisierte Krause und seine Stellvertreterin deshalb heftig. "Sie haben einfach gar keine Haltung, wenn die einzige Agenda das Sparen ist", schrieb die "taz". Autsch, tut einem wie Krause das nicht besonders weh?
"Das trifft mich nicht so sehr, weil die Vorwürfe einfach nicht stimmen", antwortet Krause und klingt unberührt. Die Journalisten würden ihn nicht kennen, hätten nie mit ihm gesprochen. Auch die Kritik an den steigenden Kita-Preisen bekümmert Krause wenig. "Ich bin seit zwölf Jahren im Rathaus, da überrascht es mich nicht, dass Kritik kommen würde", sagt er. Wichtig sei nur eines: gut zu erklären, sich nicht wegducken.
"Die Aufgabe von Politik ist, auch in schwierigen Zeiten, zu erklären, wie eine bessere Zukunft aussehen kann", meint Krause. Wenn er das schafft, dann könnte München noch lange einen grünen Oberbürgermeister haben.

