Wie eine Jüdin München in ihrer Jugend erlebt hat

Sharon Ryba-Kahn ist in München aufgewachsen. Richtig akzeptiert fühlte sich die Jüdin erst in Jerusalem. Ein Gespräch über Antisemitismus, Verdrängung und das Fremdsein.
| Paul Nöllke
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Sharon Ryba-Kahn mit ihrem Vater.
AZ-Archiv/DokFest 3 Sharon Ryba-Kahn mit ihrem Vater.
Über dem alten Laden von Ryba-Kahns Großeltern am Hauptbahnhof ist noch der Schriftzug "Ryba" zu erkennen.
Daniel von Loeper 3 Über dem alten Laden von Ryba-Kahns Großeltern am Hauptbahnhof ist noch der Schriftzug "Ryba" zu erkennen.
Das Grab von Ryba-Kahns Großvater in Jerusalem.
AZ-Archiv/DokFest 3 Das Grab von Ryba-Kahns Großvater in Jerusalem.

München - Butterbrezen und Obatzda: Es sind die Dinge, auf die sich Sharon Ryba-Kahn freut, wenn sie in ihre Geburtsstadt zurückkommt. Ansonsten verbindet sie mit München nicht nur gute Erinnerungen. "Ich fühlte mich immer fremd", sagt sie heute. Ihre Großeltern waren Holocaust-Überlebende, in der Dachauer Straße betrieben sie das Bekleidungsgeschäft "Ryba".

Zur Schule ging Ryba-Kahn am Nymphenburger Gymnasium, "eine schwierige Zeit", sagt sie – und glaubt: Bei der Aufarbeitung des Holocaust haben die Deutschen noch viel zu tun.

AZ: Frau Ryba-Kahn, wer durch die Dachauer Straße geht, kommt an dem alten Laden Ihrer Großeltern vorbei. Sogar den verblassten "Ryba"-Schriftzug sieht man noch. Erinnern Sie sich noch an das Geschäft?
SHARON RYBA-KAHN: Natürlich. Es ist ja auch auf dem Poster meines Filmes zu sehen. Es war ein Bekleidungsladen. Hier kamen immer viele Leute zu Besuch. Direkt daneben war das Geschäft meines Vaters und als Kind lief ich immer zwischen diesem und dem Geschäft meiner Großeltern hin und her.

Ihr Großvater war auch in der jüdischen Gemeinde in München engagiert?
Er war Kantor in der Synagoge in der Possartstraße. Da liegt bis heute noch sein Gebetsbuch. Ich habe es gesehen, als ich in der Synagoge für den Film gedreht habe.

"Keiner will, dass die eigenen Großeltern Täter waren"

In Ihrem Film geht es um die Geschichte Ihrer Familie und um die Verarbeitung des Holocaust. Im Film wird auch klar, dass Sie an München nicht nur schöne Erinnerungen haben.
Das ist richtig. Ich habe mich hier, das gilt allerdings auch für Deutschland insgesamt, fast immer fremd gefühlt. Im Kindergarten und in der Grundschule war es etwas einfacher, aber als ich ans Gymnasium kam, wurde es schlimmer.

Über dem alten Laden von Ryba-Kahns Großeltern am Hauptbahnhof ist noch der Schriftzug "Ryba" zu erkennen.
Über dem alten Laden von Ryba-Kahns Großeltern am Hauptbahnhof ist noch der Schriftzug "Ryba" zu erkennen. © Daniel von Loeper

Inwiefern?
Ich ging ans Nymphenburger Gymnasium und in meinem Jahrgang war ich die einzige Ausländerin: Franko-Israelin und jüdisch. Die meisten anderen Schüler waren blond und deutsch, sie waren sportlich. Und ich habe lieber gesungen oder mit älteren Jahrgängen geredet. Damit wurde ich dann auch schnell konfrontiert, bei einem Theaterstück sollte ich zum Beispiel einen der Heiligen Drei Könige spielen und wurde dazu mit Schminke schwarz angemalt. Das war in den 90ern. Ich hatte das Gefühl: Ich bin anders und das machte mich oft sehr traurig.

Für Ihren Film sprechen Sie mit Schulfreundinnen von früher. Thema ist deren Familiengeschichte. Sie erzählen, ihre Familienangehörigen seien im Dritten Reich keine Täter gewesen.
Ich glaube, keiner will, dass die eigenen Großeltern Täter waren. Auch ich wollte mir nicht vorstellen, dass der Großvater der besten Freundin vielleicht im KZ Aufseher sein könnte. So etwas verdrängt man dann gerne. Aber man darf seine Geschichte nicht verleugnen, sondern muss sie hinterfragen und darüber reden. Denn nur so kann man das verarbeiten.

Gespräche über den Holocaust im Film mit Freundinnen

In Deutschland sagt man oft, man sei sich der Verantwortung und dem Gedenken an den Holocaust bewusst.
Es gibt einen Unterschied zwischen der allgemeinen Verantwortung, also sprich, wie man politisch und in der Öffentlichkeit damit umgeht und wie persönlich. Deutschland ist das ehemalige Land der Täter. München war die Hauptstadt der Bewegung. Aber in den meisten Fällen – es gibt natürlich Ausnahmen – war in der eigenen Familie angeblich keiner Täter, oder die Familienangehörigen sagen, sie wüssten es nicht. Darüber zu reden und das einzugestehen, ist aber wichtig.

Wie haben Ihre Freundinnen reagiert, nachdem Sie sich in Ihrem Film gesehen hatten? Sie kamen ja nicht unbedingt positiv weg.
Erstaunlich gut. Ich hatte am Anfang auch Angst um die Freundschaften, denn die Szenen in denen sie im Film vorkommen, sind tatsächlich schwierig. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass sie mir das Vertrauen gegeben haben und überhaupt mitgemacht haben. Sie sagten, sie hätten viel gelernt auch über ihre eigenen Positionen.

Das Grab von Ryba-Kahns Großvater in Jerusalem.
Das Grab von Ryba-Kahns Großvater in Jerusalem. © AZ-Archiv/DokFest

Was kann man in Deutschland besser machen, um die persönliche Verantwortung zu stärken?
Ich glaube, dass die Bildung das leisten muss. Deutschland macht da schon viel, und wird immer besser, die wichtigen Positionen neu zu besetzen. Ein Beispiel wäre der neue Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn.

"In Jerusalem war ich zum ersten Mal nicht die Minderheit"

Der erste Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin.
Nichtsdestotrotz steigen die antisemitischen Straftaten massiv und ohne den individuellen Mut und Verantwortung der einzelnen Familien geht es nicht. Ich glaube zudem, es ist eine riesige Verantwortung, Geschichte zu unterrichten. Zur Geschichte gehört aber auch zu sagen: Nach dem Krieg waren die meisten Nazis noch da – auch in München. Hitler hat das nicht alleine gemacht. Das ist eigentlich offensichtlich, aber bei ganz vielen blockiert da irgendwas, wenn es um die eigene Familie geht. In meinem Film sagt ein Protagonist, man habe den Menschen in der Schule beigebracht nicht antisemitisch zu sein. Das reicht nicht. Man muss fühlen und verstehen, warum die Schoah ein Zivilisationsbruch war und, dass es natürlich auch etwas mit den Nachkommen der Täter gemacht hat.

Sie haben München mit 14 verlassen und sind nach Jerusalem gezogen.
Meine Mutter war dort Nahostkorrespondentin für ein deutsches Nachrichtenmagazin. In Jerusalem war ich dann zum ersten Mal nicht die Minderheit, das war für mich ein neues Gefühl und auch sehr angenehm. Dennoch wohne ich aktuell in Berlin.

Lesen Sie hier: Münchner Rabbiner versteckt nach Angriff seine Kippa

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