Westend-Entführer entschuldigt sich bei Opfer

Nach der Entführung einer Bankiersfrau der Angeklagte sich entschuldigt. Sein Opfer (47) berichtet vor Gericht, dass sie sich „wie in einem ganz miesen Streifen“ fühlte.
| John Schneider
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Rechtsanwalt Adam Ahmed (links) mit seinem Mandanten Mario S. (53). Der gebürtige Kölner soll in Ottobrunn eine Bankiersfrau entführt haben.
dpa Rechtsanwalt Adam Ahmed (links) mit seinem Mandanten Mario S. (53). Der gebürtige Kölner soll in Ottobrunn eine Bankiersfrau entführt haben.

München - Es ist ein beeindruckender Auftritt: Entführungsopfer Hanna T. (47, Name geändert) schildert am Montag vor Gericht ruhig und gefasst die längste und schrecklichste Stunde ihres Lebens. Die Frau eines Sparkassen-Managers war am Morgen des 10. Juni 2015 vom „Westend-Entführer“ Mario S. (53) aus ihrem Haus in Ottobrunn verschleppt worden. Der Mann mit der Soft-Air-Pistole wollte sie in einer angemieteten Westend-Wohnung solange festhalten bis der Ehemann 2,5 Millionen Euro bezahlt haben würde.

Dazu hinterließ er einen Erpresserbrief im Haus. Eine „Islamische Front Deutschland“ drohte darin, die Frau als Sexsklavin in den Osten zu verkaufen. Das Geld sollte am Stachus-Brunnen in der Münchner übergeben werden. Auf der Fahrt ins Westend ging Hanna T. durch die Hölle: „Die ersten zehn Minuten im Auto hatte ich Panik, dann habe ich gebetet und gebeichtet. Ich hab’ mir gesagt: Lieber Gott, wenn ich heute sterben sollte, dann sterb’ ich. Aber lieber wär’ mir wann anders.“

Auf dem Supermarkt-Parkplatz habe sie dann gedacht: „Jetzt oder nie.“ Lieber auf diesem Parkplatz sterben als „in irgendeinem Erdloch oder Kellerabteil zu verschimmeln“. Als sie eine junge Frau auf dem Parkplatz bemerkte, riss sie sich los und schrie um Hilfe. „Er schaute mich verwundert an“, schildert Hanna T. die Reaktion ihres Entführers. „Fast ein wenig vorwurfsvoll.“ Dann ergriff er die Flucht.

Westend-Entführer: Prozessbeginn mit Tücken

Mario S. selbst erklärt, dass er bereits auf der Fahrt zum Parkplatz den Entschluss gefasst habe, die Sache nicht durchzuziehen. Der Grund: Er habe nicht mit dem 12-jährigen Sohn des Paares gerechnet. Den hatte er – mit Kabelbindern an die Heizung gefesselt – im Haus zurückgelassen. In jedem Fall gelingt Mario S. zunächst die Flucht nach Thailand, wo er mit seiner thailändischen Frau seit 2012 lebt. In Thailand liegt auch das Motiv seiner Tat, erklärt der 53-Jährige. Er hatte dort finanzielle Probleme bekommen. Dazu kam die Angst, auf dem rechten Auge zu erblinden. Da sei er auf die Idee eines erpresserischen Menschenraub gekommen. Sein Opfer habe er sich im Internet gesucht, gestand er.

Er entschuldigt sich bei der Frau: „Ich bin auf jeden Fall kein Opfer, ich bin der Täter und dazu stehe ich auch. Aber trotzdem möchte ich Sie von ganzem Herzen um Verzeihung bitten – und das ist ernst gemeint.“ Im Gegensatz zu ihrem Mann, der eine einfache Entschuldigung als „zu platt“ empfand, nahm Hanna T. die Entschuldigung an.

Obwohl sie weiter behandelt werden muss. Nach der Tat habe sie lange die Tür nicht öffnen können, wenn es klingelte. Ihr Sohn weigere sich bis heute über die Sache zu reden. Seine mutige Mutter hatte trotz ihrer Todesangst recht schnell das Gefühl, in einen „ganz miesen Streifen“ geraten zu sein. Der Mann müsse sie verwechselt haben, habe sie gedacht. Überall gebe es doch mehr zu holen als bei ihr: „In Ottobrunn, da gibt es so viele dicke Villen, und ich wohne in einer Wohnung im zweiten Stock und fahre einen Polo.“

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