Was Münchnern an Ostern Hoffnung macht

"Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln", sagte einst der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Zu den Feiertagen in diesem wieder sehr schwierigen Jahr hat die Abendzeitung Münchner gefragt: Welche Person aus der Geschichte gibt Ihnen in diesen sehr unruhigen Zeiten Hoffnung?
| Paul Nöllke
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Eine starke Persönlichkeit: Golda Meir 1953 bei einer Rede vor den Vereinten Nationen in New York.
Eine starke Persönlichkeit: Golda Meir 1953 bei einer Rede vor den Vereinten Nationen in New York. © imago

München - Nun ist es schon das zweite Ostern, das von der Corona-Pandemie überschattet wird. Und obwohl es draußen langsam wärmer wird und die ersten Blumen sprießen, ist für viele zwischen Lockdown, Impfdebakel und Kontaktbeschränkung oft sehr schwer, die Hoffnung zu bewahren und optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Die AZ hat deswegen sechs Münchner aus ganz verschiedenen Bereichen gebeten, uns eine Person aus der Vergangenheit vorzustellen, die ihnen in diesen Zeiten Hoffnung gibt. Ob eine bekannte Persönlichkeit oder eine Person aus der eigenen Familie, blieb dabei freigestellt.

Das Ergebnis ist eine Sammlung sehr verschiedener historischer Persönlichkeiten, die Hoffnung machen, inspirieren und Trost spenden, auch in dieser sehr schwierigen Zeit.

Golda Meir: "Pessimismus ist ein Luxus, den ein Jude sich nicht leisten kann"

Von Charlotte Knobloch: Wer auf der Suche nach Inspiration in die Geschichte blickt, muss auf Enttäuschungen gefasst sein. Nicht jede große historische Persönlichkeit hält einer kritischen Betrachtung stand. Unter den wenigen, die das tun, sticht für mich eine ganz besonders hervor: Golda Meir.

Vielen ist sie heute vor allem als israelische Premierministerin bekannt, ein Amt, das sie von 1969 bis 1974 innehatte. Aber Meir hat in ihrem langen, ereignisreichen Leben noch viel mehr erreicht: Geboren 1898 in Kiew, entging sie als Kind den Pogromen im zaristischen Russland.

1973: Golda Meir mit US-Präsident Richard Nixon.
1973: Golda Meir mit US-Präsident Richard Nixon. © imago/Everett Collection

Noch als junges Mädchen begann sie in Amerika von vorn, half schon mit nur acht Jahren im Laden ihrer Eltern aus. Als die ihren Wunsch nach mehr Bildung ablehnten, setzte sich die 14-Jährige kurzerhand mit dem Zug quer durchs Land ab und lebte einige Zeit bei ihrer erwachsenen Schwester. Erst als sie die höhere Schule abschließen durfte, kehrte sie wieder nach Hause zurück.

Doch nicht für lang: Bereits 1921 wanderte Meir mit ihrem Mann ins Mandatsgebiet Palästina aus und stieg über Jahrzehnte zu einer Führungsfigur der zionistischen Bewegung auf. Sie wurde nach der Staatsgründung erste Botschafterin Israels in Moskau und prägte das israelische Außenministerium, das sie ab 1956 zehn Jahre lang leitete, entscheidend mit. Als erste und bis heute einzige Regierungschefin Israels trug sie sich in die Geschichtsbücher ein. Ihre beeindruckende Vita ist eine Geschichte, die Meir mit Weitsicht, Beharrlichkeit, Mut und Einfühlungsvermögen geschrieben hat. Sie führte Israel durch eine der schwierigsten Zeiten in einer der instabilsten Regionen der Welt, und meisterte alle Krisen mit politischer Klugheit und menschlicher Größe. Vor allem aber verkörperte sie eine Haltung, die mich bis heute inspiriert und die sie selbst am besten zum Ausdruck gebracht hat: "Pessimismus ist ein Luxus, den ein Jude sich nicht leisten kann."

Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern.


Gabriele Münter: "Mein Blick in die Welt"

Von Katrin Habenschaden: Meine Sehnsucht zu reisen, ist so groß wie noch nie. Deshalb macht mir Gabriele Münter Hoffnung. Die Malerin, bekannt durch den Blauen Reiter, reiste zwischen 1903 und 1908 mit Wassily Kandinsky durch Europa und Nordafrika. Dabei schufen die beiden zahlreiche Ölgemälde und Fotografien. Das Eintauchen in fremde Welten fehlt mir in diesen Corona-Zeiten besonders. Vielleicht kann ich deshalb den farbig-expressiven Werken Münters so viel abgewinnen. Sie sind meine kleine Realitätsflucht, mein Blick in die Welt.

Ein Selbstbildnis von Münter.
Ein Selbstbildnis von Münter. © dpa/München Tourismus

Die meisten Bilder und Fotografien dieser jahrelangen Reise entstanden buchstäblich "Unter freiem Himmel". So lautet auch der Titel einer aktuellen Ausstellung im Münchner Lenbachhaus, bei der die Werke Münters und Kandinskys zu sehen sind. Ich hoffe, dass ich es Gabriele Münter nachmachen kann und irgendwann wieder eine lange Reise unternehme.

Katrin Habenschaden ist Münchens Zweite Bürgermeisterin.


Bjørn Aage Ibsen: "Krise als Grundstein für Besseres"

Von Bernhard Zwißler: Bei dieser Frage kommt mir Professor Bjørn Ibsen in den Sinn. Ibsen war ein dänischer Anästhesist. Im Jahre 1952 rettete er bei der großen Polio-Epidemie in Kopenhagen viele Patienten vor dem sicheren Erstickungstod durch Atemlähmung, indem er sie von Hunderten von Ärzten, Pflegekräften, Studierenden und anderen Helfern zum Teil über Tage und Wochen rund um die Uhr mit einem Beutel per Hand beatmen ließ.

Diese Langzeitbeatmung durch Überdruck bei Patienten mit Atemversagen war zur damaligen Zeit ein absolut revolutionärer Therapieansatz.

Ein Patient auf einer Intensivstation wird von Hand beatmet. Erfunden wurde diese Methode 1952 vom dänischen Anäthesisten Björn Ibsen.
Ein Patient auf einer Intensivstation wird von Hand beatmet. Erfunden wurde diese Methode 1952 vom dänischen Anäthesisten Björn Ibsen. © IMAGO / Jochen Tack

Der Anästhesist Ibsen gilt daher heute als der "Erfinder" der modernen Intensivmedizin, also dem Teilgebiet der Medizin, dem ja auch in der Corona-Pandemie viele Menschen ihr Leben verdanken.

Die Geschichte von Ibsen macht Mut und gibt Zuversicht. Sie zeigt, dass auch die schlimmste Krise (und das war damals ein apokalyptisches Szenario in Dänemark) den Grundstein legen kann für Neues und Besseres.

Ich bin davon überzeugt oder habe zumindest die Hoffnung, dass man in einigen Jahren retrospektiv die Covid-Pandemie auch unter diesem Gesichtspunkt beurteilen wird, wenngleich dies ganz aktuell natürlich kein echter Trost ist.

Professor Bernhard Zwißler ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie am LMU Klinikum.


Jesus Christus: "Seinem Beispiel folgen"

Von Rupert Graf zu Stolberg: Wie erwartbar", mögen Sie denken. Der Weihbischof kommt natürlich mit Jesus ums Eck. Sie mögen Recht haben, aber ich möchte gerne bei der Wahrheit bleiben und die ist nun mal, dass es für mich keine beeindruckendere Persönlichkeit gibt als Jesus von Nazareth. Und zwar weil er wahrhaftig war, koste es, was es wolle, auch wenn der Preis das eigene Leben ist. Er hat die Augen nicht verschlossen vor menschlichem Elend und hat sich nicht gescheut, denen, die sich ihre verlogenen Betrügereien schönreden wollten, den Spiegel vorzuhalten. Dafür brachte man ihn ans Kreuz. Und selbst da sorgt er sich um andere, betet für seine Mörder: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Eine Jesusfigur.
Eine Jesusfigur. © dpa

Daran muss sich Kirche orientieren! Es geht nicht um die Frage, wie wir unser beschädigtes Image wieder aufpolieren können. Es geht einzig und allein darum, dem Beispiel Jesu zu folgen und in Wahrhaftigkeit für Gott und die Menschen da zu sein, ganz besonders für die Schwachen, die Vergessenen und die Notleidenden. Und es gehört auch dazu, sich selbst von Jesus den Spiegel vorhalten zu lassen, selbst wenn es wehtut und ganz egal, ob das gut ist fürs Image oder nicht.

Rupert Graf zu Stolberg ist Weihbischof in München.


Carl Krone: "Eine Seele voller Leidenschaft"

Von Jana Lacey-Krone und Martin Lacey jr.: Er stammt aus der zweiten Generation der Krone-Dynastie. Im Jahre 1919 errichtete Carl Krone das Circus-Gebäude in der Marsstraße in München. Als größter Veranstaltungsort der Stadt war der sogenannte "Circus Krone Bau" ein bevorzugter Ort für Veranstaltungen und bereicherte München um ein Vielfaches. Seine Liebe galt immer dem reisenden Circus mit all seiner Vielfalt.

Dank der Schaffenskraft Carl Krones erreichte der Circus in den Jahren 1926 und 1927 seine maximale Größe mit einem Zelt, welches 10 000 Menschen Platz bot. Aus der ursprünglich kleinen Menagerie wurde der Circus Krone zum größten reisenden Circus-Unternehmen der Welt. Tourneen in viele europäische Länder, insbesondere zwischen den beiden Weltkriegen, haben den Circus Krone über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht.

Ida und Carl Krone im Flugzeug, mit wilder Begleitung.
Ida und Carl Krone im Flugzeug, mit wilder Begleitung. © Privat

Carl Krone war ein Visionär und immer bereit, sich den Gegebenheiten anzupassen, wenn es die Situation forderte. Er war dabei nie besorgt oder ängstlich, stets hatte er den Mut, er selbst zu sein. Mit Weitsicht und Beharrlichkeit bewältigte er jede schwierige Situation, auch wenn sie noch so ausweglos erschien. Mit willensstarkem Wesen und einer Seele voller Leidenschaft und Herzblut bewahrte Carl Krone stets und immer seine Grundanschauung.

Mit seinem vorgelebten Optimismus ist Carl Krone uns als neue Direktion des Circus Krone heute ein großes Vorbild und seine Denkweise hilft uns, Belastungen gut zu meistern. Carl Krone lehrte uns, zuversichtlich zu bleiben und für das einzustehen, woran wir glauben. Ihm und seinen großartigen geistigen Fähigkeiten verdanken wir dieses wertvolle Vermächtnis, unseren Circus Krone, der seit über 100 Jahren unzähligen Menschen unvergessene Stunden der Freude bereitet. Carl Krone hat unser Unternehmen bis zum heutigen Tag geprägt. "Eure Gunst, unser Streben", so lautete der Leitspruch Carl Krones. Dieser Grundsatz ist bis zum heutigen Tag das höchste Gebot der Familie Krone geblieben.

Jana Lacey-Krone und Martin Lacey jr. sind Chefs vom Münchner Circus Krone.


Albert Schweitzer: "Schweitzer macht mir Mut!"

Von Bernhard Liess:  Sind sie pessimistisch oder optimistisch? Albert Schweitzer antwortet darauf so: "Auf die Frage, ob ich pessimistisch oder optimistisch sei, antworte ich, dass mein Erkennen pessimistisch und mein Wollen und Hoffen optimistisch ist."

Albert Schweitzer ist bis heute bekannt als der "gute Mensch von Lambarene", als der Urwalddoktor in Afrika. Gelegentlich wird er auch milde belächelt. Menschen wie er werden heute von manchen als "Gutmensch" verspottet. Er war vielseitig begabt: ein großer Intellektueller und Theologe, ein herausragender Organist und Musikwissenschaftler. Eine glänzende Laufbahn wäre möglich gewesen. Doch Schweitzer entschied sich bewusst anders und wurde Arzt in Afrika. Für ihn war dies die Möglichkeit, Menschen konkrete Hilfe zukommen zu lassen. Ja, wir können uns entscheiden: Was ist in unserem Leben wichtig? Worauf kommt es wirklich an?

Albert Schweitzer vor seinem Urwaldhospital in Lambaréné (Gabun)
Albert Schweitzer vor seinem Urwaldhospital in Lambaréné (Gabun) © dpa

Dabei war Schweitzer nicht naiv. Die Welt sah er sehr nüchtern und mit viel Realitätssinn. Die Barbarei des 20. Jahrhunderts hat er sehr genau verfolgt, pessimistisch im Erkennen von Macht, Brutalität und Gemeinheit. Manche Menschen werden darüber zynisch oder gleichgültig-schulterzuckend. Manche resignieren. Schweitzer blieb im Wollen und Hoffen optimistisch. Und er handelte. Sein Motto war die "Ehrfurcht vor dem Leben", die Ehrfurcht vor dem Leben von allen Menschen und allen Lebewesen überhaupt. Niemand ist unwichtig und ohne Wert und Würde.

Albert Schweitzer macht mir Mut, gerade jetzt. Vieles steht in Frage, vieles ist ungewiss. Gründe für Pessimismus gibt es genügend. Schwarzmaler finden sich immer. Nüchterner Realitätssinn ist wichtig - dafür steht Schweitzer. Aber er steht auch für Mut und Vertrauen, dass Menschlichkeit und Menschenwürde keine leeren Floskeln sind. Schweitzer macht mir Hoffnung: Glaube kann uns zu wahren Menschen machen, so dass unser Wollen und Hoffen optimistisch bleiben.

Dr. Bernhard Liess ist Stadtdekan im Evangelisch- Lutherischen Dekanatsbezirk München.

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