"Wenn man viel verloren hat, denkt man anders"

Er hatte jahrelang kein Zuhause, lebte sogar in einem Zelt an der Isar. Nun mietet Helmut R. wieder eine Wohnung.
| Anja Perkuhn
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Selbstständig - aber nicht allein: Für den ehemals wohnungslosen Helmut R. (Bildvordergrund) bleibt Manuela Neumeyer vom Projekt ""Kompetenztraining Wohnen" weiter eine Ansprechpartnerin.
Daniel von Loeper Selbstständig - aber nicht allein: Für den ehemals wohnungslosen Helmut R. (Bildvordergrund) bleibt Manuela Neumeyer vom Projekt ""Kompetenztraining Wohnen" weiter eine Ansprechpartnerin.

München - "Kommen Sie doch einfach bei mir Zuhause vorbei", hat er gesagt, und in diesem Satz steckt schon das schöne Ende einer nicht immer schönen Geschichte: Helmut R. hat jetzt ein Zuhause. Fast 20 Jahre lang hatte er das nicht. Helmut R. (Name geändert) war wohnungslos, obdachlos, lebte auf der Straße, in Unterkünften für Obdachlose, in betreuten Wohnprojekten.

Am Dienstag nun hat er wieder einen richtigen Mietvertrag unterschrieben für eine kleine Zweizimmerwohnung in Ramersdorf. "Ganz normal war das", sagt er – aber der Blick, mit dem er sich in der Wohnung umsieht, sagt etwas Anderes.

Stolz blickt er auf die Küchenzeile, in der er gern backt, wie er erzählt, auf die bunten Papierlampions am Wohnzimmerfenster, die großen Fenster im Schlafzimmer. "Französische Fenster", sagt Helmut R., "in die hab ich mich sofort verliebt, ich brauche viel Licht."

"Ich hab immer positiv gedacht. Anders geht's ja nicht"

Seit anderthalb Jahren lebt er hier schon. Bis gestern mit dem Evangelischen Hilfswerk München als eine Art Zwischenhändler: Innerhalb des Projektes "Kompetenztraining Wohnen" leben ehemals obdachlose Menschen so selbstständig wie möglich in einer Wohnung, die das Hilfswerk mietet. Nach einem bis anderthalb Jahren Training übernehmen sie dann im Idealfall den Mietvertrag.

Helmut R., 55, hat Glück gehabt , das sagt er selbst. Glück, dass er Chancen bekam, sich zurückzuholen - und sie auch genutzt hat. "Andere wären vielleicht komplett abgestürzt bei den ganzen bedrückenden Sachen, die ich hatte", sagt er. "Aber ich hab immer positiv gedacht. Anders geht's ja nicht."

Der gebürtige Wiener kam 1994 nach Bayern. Erst lebte er in Fürstenfeldbruck, dann mit seiner zweiten Frau in der Thalkirchner Straße. Den letzten Mietvertrag unterschrieb er 1998. Dann kam er Absturz.

Helmut R. ertränkte seinen Frust in Alkohol

"Irgendwie ist mir alles über den Kopf gewachsen", sagt Helmut R. und streicht sich über das graue Haupthaar. Es gab Stress Zuhause, Geldprobleme wegen eines Hauses, das er mit seiner jugoslawischen Frau in deren Heimat baute. Er trank viel. Er trank immer mehr. "In der Früh hab ich schon einen Liter Jägermeister gesoffen." Er wird leiser. "Ja, einen Liter."

Er verlor seinen Führerschein. Er verlor den Kontakt zu vielem und vielen. Er wurschtelte sich durch, war zwei Jahre lang wohnungslos, lebte auch auf der Straße. "Im Sommer war's einfacher", sagt er. "Da habe ich dann ein Zelt bei Aldi gekauft und an der Isar geschlafen."

Doch die Familie fehlte ihm. Die Einsamkeit erdrückte ihn. Noch heute läuft in seiner Wohnung meistens der Fernseher, "damit es nicht so still ist".

Zwischenzeitlich hatte Helmut R. eine Wohnung auf dem Land - die verlor er aber, weil er sechs Monate ins Gefängnis musste für eine "Straftat im Zusammenhang mit Alkohol".

"Aus dieser Wohnung tragen sie mich nur noch mit den Füßen voran"

Als er aus der JVA kam, nahm ihn das Münchner Wohnungslosen-System auf mit seinen städtischen Angeboten, den evangelischen, den katholischen: das Haus an der Pilgersheimer Straße, ein Unterkunftsheim. Das Haus an der Pistorinistraße mit seinen betreuten Wohngemeinschaften. Das Wohnkompetenz-Projekt. Vom Wohnungsamt bekam er seit 2011 keine einzige Sozialwohnung vorgeschlagen.

In der Teestube "komm" - einer Anlaufstelle für Wohnungslose - fand Helmut R. eine Arbeit, die er heute noch hat. "Wenn man viel verloren hat, denkt man anders", sagt er. "Darum bin ich so gern in der Teestube. Ich kann den Leuten da was Gutes tun."

Vieles in der Wohnung ist noch ein Provisorium. Der Schreibtisch ist zusammengezimmert aus Umzugskartons , beklebt mit Zebrafellmusterfolie. Viel Geld bleibt nicht am Ende des Monats. Doch ein echter Schreibtisch, der soll irgendwann kommen. Und ein größeres Bett. "Aus dieser Wohnung", sagt Helmut R. ernst, "tragen sie mich nur noch mit den Füßen voran."

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