Wenn alles aus den Fugen gerät

Mit nur 34 Jahren hat Ramona Knapp mehrere Schlaganfälle hinter sich. Ihr Mann verlor seinen Job – und jetzt muss die Familie auch noch ausziehen.
| Natalie Kettinger
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Sie lächeln trotz all ihrer Sorgen: Ramona und Florian Knapp mit ihrer kleinen Tochter Lenina.
Petra Schramek Sie lächeln trotz all ihrer Sorgen: Ramona und Florian Knapp mit ihrer kleinen Tochter Lenina.

München Florian arbeitet als Programmierer. Ihr zweijähriges Kind kommentiert fröhlich die bunten Bilder.

Doch plötzlich hört die Mutter die Stimme des Mädchens verzerrt, Lenis Geplauder scheint von weit her zu kommen. Und es klingt, als würde sie in ein Megaphon sprechen. Gleichzeitig wird es seltsam hell im Zimmer – trotzdem kann Ramona Knapp einen Brief der Hausverwaltung nicht entziffern.

„Dieser Zustand war mir absolut unheimlich“, sagt sie. Heute weiß die 34-Jährige: An diesem Vormittag im Aprilhatte sie einen Schlaganfall. Ihr Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe.

Der jungen Mutter geht es auf einmal sehr schlecht. Sie kann sich nicht mehr konzentrieren, dauernd ist ihr schwindlig. Sie verliert ständig die Orientierung und hat kein Gefühl mehr in den Fingern.

Schließlich veranlasst der Hausarzt eine MRT-Untersuchung. Die Abkürzung steht für Magnetresonanztomographie, ein Verfahren, bei dem Schnittbilder des Körpers erzeugt werden, auf denen sich unter anderem Organveränderungen erkennen lassen.

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Der behandelnde Mediziner hat schlechte Nachrichten: „Es sieht aus, als hätten sie einen Schlaganfall gehabt – und nicht den ersten.“

In der „Stroke Unit“ des Klinikums Bogenhausen, einer Spezialabteilung für Schlaganfall-Patienten, wird die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte durchgecheckt. Hat sie Ausfallerscheinungen? Nein. Kann sie die Finger bewegen? Ja. Wie steht’s um Blutwerte und Nervenstruktur? Beides vorbildlich.

„Die Ursache für den Schlaganfall steht bis heute nicht fest, obwohl ich insgesamt drei Mal im Krankenhaus war“, sagt Ramona Knapp.

Die Ärzte äußern lediglich Vermutungen: Sie könnte am Melas-Syndrom leiden. „Da werden Fettzellen nicht mehr richtig verstoffwechselt“, erklärt ihr Mann. Auch Muskelschwund wird ins Gespräch gebracht. Ein Gentest soll nun Klarheit bringen, die Ergebnisse stehen noch aus.

Das Münchner Ehepaar glaubt allerdings, dass der Schlaganfall eine ganz andere Ursache hat: Stress. Die Knapps wohnen im Neubaugebiet an der Friedenheimer Brücke. Die Fenster ihrer Wohnung führen auf den Innenhof und dort geht es mitunter recht laut zu.

Das Geklapper aus den Küchen der Mitbewohner, Musik, Balkon-Gespräche, Kindergeschrei – alles hallt von den Betonwänden wider.

Außerdem sind noch längst nicht alle Wohnblöcke fertiggestellt. Noch immer dröhnen die Bagger.

Und als das Einkaufszentrum des Quartiers errichtet wurde, habe der Zimmerboden gewackelt, das Backblech im Ofen zu hüpfen begonnen und sich in der Wohnzimmerwand ein Riss gebildet, erzählen die beiden. „Wir brauchen einfach Ruhe.“

Weil seine Frau die kleine Leni kaum noch versorgen kann, beginnt Florian Knapp (28) von zuhause aus zu arbeiten: „Das war ein Segen. Ich musste noch ein Projekt fertig stellen. Das konnte ich nachts tun. So war ich tagsüber für die beiden da.“

Erst zeigt sein Chef Verständnis, dann kündigt er ihm doch. Fristlos. Florian Knapp klagt sich zurück in die Firma. Doch die Rückkehr ist von kurzer Dauer, weil sein Arbeitgeber bald darauf Insolvenz anmeldet.

Er sucht nach einem neuen Job – ohne Erfolg. Denn der 28-Jährige ist Autodidakt. „Ich beschäftige mich seit meinem 15. Lebensjahr mit Computern. Aber ich habe keine entsprechende Ausbildung und daher schlechte Karten.“

Die Situation ist für ihn so belastend, dass er psychologische Hilfe braucht.

Mit seinem Arbeitslosengeld kommt die kleine Familie nicht über die Runden. „Es ist schwierig, von 1100 Euro Stütze 1000 Euro Miete zu zahlen und noch etwas zu essen zu kaufen“, sagt er bitter.

Ramona Knapp könnte Erwerbsminderungsrente beantragen, durch den Schlaganfall ist sie zu 30 Prozent behindert. „Aber für den Antrag bräuchte ich meine Befunde und die habe ich noch nicht.“ Die Familie steckt in der Sackgasse.

Für die Dezember-Miete fehlte den Knapps das Geld. „Wie wir den Januar und den Februar bezahlen sollen, wissen wir auch nicht“, sagt Florian Knapp. Der Vermieter hat ihnen zum 1.März gekündigt.

Es scheint, als habe es das Schicksal in den letzten Jahren nur einmal richtig gut mit den beiden gemeint: Als es ihnen die kleine Leni schenkte.

 

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