Warum gibt's in Lokalen (fast) keinen freien Tisch mehr?

Wer – gerade in der Innenstadt – mal eben in ein Restaurant gehen möchte, wird immer häufiger abgewiesen, weil alles reserviert ist. Die AZ erklärt die Gründe dieses Münchner Phänomens.
| Julia Lenders
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Schilderwald im Restaurant: Wer spontan zum Essen gehen möchte, blitzt in München immer häufiger ab.
Imago Schilderwald im Restaurant: Wer spontan zum Essen gehen möchte, blitzt in München immer häufiger ab.

München - „Tut uns leid, es sind alle Tische reserviert.“ Wer in der Innenstadt spontan ein Restaurant besuchen möchte, bekommt oft einen Korb. Im Glockenbachviertel kann es einem schon donnerstagabends passieren, dass man sein Glück in einem Dutzend Lokale probiert – um schließlich entnervt aufzugeben und sich daheim ein Brot zu schmieren. Das war nicht immer so. Früher war mehr Spontaneität möglich. Die AZ erklärt das Phänomen.

DIE ZAHLEN

„Im vergangenen Jahr gab’s neue Umsatzrekorde im Gastgewerbe“, sagt Frank-Ulrich John vom Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Bayern. „Wir haben bayernweit ein absolutes Allzeit-Hoch.“ Konkret bezogen auf die Münchner Speisegastronomie gibt es zwar keine aktuelle Erhebung.

Ein Blick in die Umsatzsteuerstatistik der klassischen Restaurants zeigt aber: Die Umsätze der Münchner Gastro-Unternehmer sind Jahr für Jahr gestiegen – zuletzt um 6,7 Prozent. Die jüngsten Zahlen sind aus dem Jahr 2011, da lagen die Umsätze nach Angaben des Landesamts für Statistik im Durchschnitt bei rund 475 000 Euro pro Unternehmen.

DIE GRÜNDE

Der Münchner Dehoga-Vorsitzende Conrad Mayer hat drei Erklärungen dafür parat, warum es „schwieriger geworden ist, ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen“ – zumindest in zentralen Lagen. Zum einen läge das an der wachsenden Zahl der Übernachtungsgäste in München. Die Touristen, die im Schnitt 213 Euro pro Tag ausgeben, lassen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Geldes auch in den Münchner Restaurants.

Zum anderen attestiert Mayer den Münchnern einen Kulturwandel: „Die Leute gehen mehr weg“, sagt er. Zum einen sei das der zunehmenden Zahl an Single-Haushalten geschuldet. Doch auch Paare, bei denen beide Partner berufstätig sind, haben nach dem Büro oft keine Lust mehr auf den heimischen Herd. „Die Mama, die jeden Tag für die ganze Familie kocht, gibt’s immer seltener.“

Und zu guter Letzt können sich die Münchner das Ausgehen schlichtweg auch leisten. „Die Kaufkraft hat zugenommen“, sagt Mayer. In keiner anderen deutschen Großstadt haben die Menschen im Schnitt so viel Geld zur Verfügung wie in München.

DAS SAGEN WIRTE

Gastronom Florian Faltenbacher ist der Chef der beiden griechischen In-Lokale „Molos“ und „Cavos“. Er sagt: „Donnerstag, Freitag und Samstag sind wir immer ausreserviert.“ Auch am Mittwoch seien meist etwa 70 Prozent der Tische vorgebucht. Trotzdem könnten Gäste immer kommen – und müssten im Zweifel eben warten.

Das Geschäft läuft: „In jedem guten Lokal steigen die Umsätze von Jahr zu Jahr.“ Selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Faltenbacher: „Wenn die Leute sparen und keinen Urlaub machen, gönnen sie sich wenigstens mal ein schönes Essen.“

Das kleine bayerisch-japanische Wirtshaus „Nomiya“ in Haidhausen hat seinen ganz eigenen Umgang mit dem Thema Reservierung gefunden. Es nimmt nur für die Hälfte aller Plätze Buchungen an. Der Chef Ferdinand Schuster sagt: „Wir sind eine Wirtschaft, kein Tantris, oder so.“ Deswegen wolle er das auch so beibehalten.

Die 20 verbleibenden Plätze, die reserviert werden können, seien an jedem Wochentag vergeben, oft schon mit ein paar Tagen Vorlauf. Mehr Reservierungen sollen es trotzdem nicht werden. Schuster: „Wenn überall die Taferl stehen, ist das doch nicht zu packen!“

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