Interview

Warum dieser Mann jetzt regelmäßig in den Lerchenauer See springt

Der Gastronom Mike Schmieder (57) hat seit Oktober ein neues Hobby entdeckt: Eisschwimmen im Lerchenauer See. Im Gespräch mit der AZ erklärt er, warum ihm das so viel Kraft gibt und worauf es seiner Meinung nach ankommt.
| Hüseyin Ince
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Sehr dynamisch sieht das aus, wenn Mike Schmieder durch den Lerchenauer See schwimmt. Sein Körper habe sich an die Kälte gewöhnt, sagt er.
Sehr dynamisch sieht das aus, wenn Mike Schmieder durch den Lerchenauer See schwimmt. Sein Körper habe sich an die Kälte gewöhnt, sagt er. © Bernd Wackerbauer

München - AZ-Interview mit Mike Schmieder. Der 57-Jährige betreibt ein Catering-Unternehmen. Corona hat ihn zum Eisschwimmer gemacht.

15 Minuten im eiskalten Wasser

Rosenmontag, Temperaturen um die 0 Grad, Eis auf dem Lerchenauer See. Mike Schmieder springt ins Wasser, ohne Hemmungen, in Badehose und mit Bademütze. Nach 15 Minuten kommt er wieder raus. "Ich muss jetzt heimjoggen", sagt er und beginnt langsam zu zittern, "da wartet meine Tasse Tee auf mich, die mir meine Frau immer vorbereitet. Darauf freue ich mich jetzt." Also Bademantel an – und schon ist der Mann weg. Zuhause trifft die AZ ihn wieder, während er sich an seiner Tasse und der Fußbodenheizung langsam aufwärmt.

AZ: Herr Schmieder, wie kam es, dass Sie ausgerechnet dieses Jahr mit Ende 50 noch das Eisschwimmen für sich entdeckt haben?
MIKE SCHMIEDER: Na weil die Schwimmbäder ja alle geschlossen sind.

Es ging also nicht darum, sich noch mal etwas zu beweisen?
Natürlich ist immer ein bisschen Ehrgeiz dabei. Gerade mit Ende 50 haben ja viele Leute komische Ideen. Vor allem Männer sind oft so. Aber ich wäre nie plötzlich im Winter in den See gesprungen, so von heute auf morgen.

Ein Warmduscher entdeckt das Eisbaden für sich

Warum?
Ich bin Warmduscher. Meine Frau Lydia duscht immer eiskalt. Ich nie.

Aber Ihre Frau springt nicht in den Lerchenauer See, wenn er halb zugefroren ist?
Nein, die hat immer ein bisschen Restangst um mich und kommt mit, läuft manchmal um den See, wenn ich 15 Minuten im eiskalten Wasser schwimme. Sie war mal Mittelstreckenläuferin. Leistungssport.

Waren Sie mal Leistungssportler?
Nein, nie.

Aber körperlich sehen Sie aus wie ein gut trainierter Athlet. Irgendwoher muss das ja kommen.
In der Gastronomie wird man abgehärtet. Ich bin seit etwa 40 Jahren in dem Beruf. Kisten schleppen, Bars auf- und abbauen, schwere Bierfässer austauschen... Nach so langer Zeit ist das auch eine Art Leistungssport – auch wenn hier und da der Körper manchmal streikt.

Sie sagen, Sie sind Warmduscher. Aber wie kam es dann, dass Sie jetzt 15 Minuten am Stück im Eiswasser schwimmen können?
Wie gesagt, weil die Schwimmbäder alle geschlossen waren und ich gerne schwimme, auch im Lerchenauer See, habe ich die Badesaison einfach nicht beendet. So gewöhnte ich mich langsam an die fallenden Temperaturen. Und ich schwimme weiter.

Joggen ist ihm zu langweilig

Aber es gibt doch andere Sportarten.
Joggen wäre eine Option gewesen. Aber das ist mir persönlich ein bisschen zu langweilig. Und man kommt auf andere Gedanken. Wir haben eine Catering-Firma mit Rooftop-Location. Als Gastronom ist man ja wegen der Pandemie zur Zeit sowieso komplett Banane im Kopf. Eisbaden lenkt gut ab.

Schwimmen Sie auch bei komplett zugefrorenem See und schlagen ein Loch in die Eisplatte?
Nein, da verzichte ich. Das ist mir zu gefährlich. Es gibt ja die Leute, die dann unter die Eisfläche schwimmen. Aber das ist nichts für mich.

Warum?
Weil man da schnell die Orientierung verlieren kann. Manche Schwimmer finden das Einstiegsloch nicht mehr. Und das endet oft tödlich. Zu viel Risiko für mich.

Wie oft gehen Sie denn Eisschwimmen im Lerchenauer See?
Bis zu drei Mal die Woche. Seit Anfang Herbst war ich bestimmt schon mehr als 50 Mal im See.

Eine Ente hat sich zum Eisschwimmer gesellt, sie sieht allerdings ein bisschen entspannter aus.
Eine Ente hat sich zum Eisschwimmer gesellt, sie sieht allerdings ein bisschen entspannter aus. © Bernd Wackerbauer

Man spürt jeden Grad Temperaturunterschied

Macht es einen Unterschied, ob das Wasser fünf Grad hat oder acht?
Du spürst jedes Grad ganz genau.

Ich hätte jetzt gesagt, das macht dann wahrscheinlich auch keinen Unterschied mehr.
Nein. Die gefühlte Wassertemperatur entscheidet oft, wie lange ich tatsächlich schwimme.

Wie bereitet man sich auf so ein Eisbad vor?
Gar nicht großartig. Profis machen sich erst mal gut warm, habe ich gehört.

Ist es eine große Überwindung, in das eisige Wasser zu steigen?
Nein überhaupt nicht. Weil ich mich ja seit Herbst langsam daran gewöhnt habe. Außerdem gehe ich mit Badehose und Bademantel von daheim los. Ich wohne etwa 500 Meter von hier. Da gewöhnt sich der Körper langsam an die kalte Luft. Ich glaube, schwieriger wäre es, wenn es 30 Grad heiß ist und das Wasser 15 Grad hat.

Welcher Moment ist der Schönste?
Direkt, wenn ich wieder aus dem Wasser komme. Da fühlt man sich richtig abgehärtet. Auch wenn ich dann oft meine Hände und Füße kaum noch spüre. Ein geiles Gefühl.

Gibt es unangenehme Momente?
Ja, direkt danach. Da fängt der Körper an zu zittern. Und dann jogge ich heim. Nach einer halben Stunde ist mein Körper wieder gut durchblutet. Vor allem Arme, Finger, Zehen und Beine.

Keine Erkältung – dank des Hobbys?

Waren Sie diesen Winter schon mal erkältet?
Kein einziges Mal. Auch deshalb werde ich damit weitermachen.

Was würden Sie mir empfehlen, wenn ich jetzt einfach so im Winter mit dem Eisschwimmen anfangen wollte?
Ich bin kein Mediziner. Aber Sie sollten ganz sicher nicht einfach ins eiskalte Wasser springen, egal wie sportlich Sie sind.

Warum?
Ich glaube, da ist die Gefahr zu groß, dass Sie bewusstlos werden. Und wenn dann keiner den Notruf wählt, besteht Todesgefahr. Sie würden wahrscheinlich ertrinken. Der Lerchenauer See wird schnell tief, obwohl er am Ufer flach ist. Meine Frau ist auch deshalb zur Sicherheit immer dabei, wenn ich Eisschwimmen gehe.

Um im Ernstfall den Notruf zu wählen?
Richtig.

Wurde es schon mal gefährlich für Sie?
Einmal war ich ein oder zwei Minuten zu lange drin und bin gerade noch rechtzeitig ausgestiegen. Meine Frau sagte, dass ich da schlecht ansprechbar gewesen bin. Das war mir eine positive Lehre. Denn so habe ich meine Grenzen kennengelernt.

Nach dem Baden wird es dann doch schnell kalt, dann muss Schmieder zügig nach Hause joggen.
Nach dem Baden wird es dann doch schnell kalt, dann muss Schmieder zügig nach Hause joggen. © Bernd Wackerbauer

Langsam an das kalte Wasser herantasten

Und wie fange ich jetzt am besten mit diesem leicht extremen Hobby an?
Ich würde sagen, erst sollten Sie sicherstellen, dass Sie gesund sind. Und dann würde ich empfehlen, sich langsam heranzutasten. Erst mal mit den Füßen ins Wasser, das nächste Mal bis zu den Knien, irgendwann bis zur Hüfte und immer so weiter. Bis Sie sich bereit fühlen, ganz einzutauchen. Und da sollte am besten jemand dabei sein, der das Ganze von außen beobachtet. Und nicht vergessen, immer frei atmen.

Finden Sie denn Ihr Hobby extrem?
Nein. Überhaupt nicht. Extremsport ist für mich, wie Reinhold Messner früher die hohen Berge bestiegen hat. Da ist Eisschwimmen Kindergarten.

Werden Sie oft angesprochen?
Natürlich. Das ist schon skurril, wenn nebenan der Rodelberg ist, wo die Kinder Bob und Schlitten fahren. Und ich springe hier mit Badehose ins Wasser.

Was werden Sie gefragt?
Meine Lieblingsfrage, mitten im Winter: Ist das Wasser kalt?

Was antworten Sie dann?
Als Warmduscher sage ich: Nein, es ist so warm wie in der Dusche. Einige halten dann die Hand ins Wasser, um die Temperatur selbst zu überprüfen. Aber die meisten haben einfach nur Respekt.

Hat Ihr Hobby eine Botschaft?
Ich möchte einfach nur zeigen, dass man auch im Winter schwimmen und viel für seine Gesundheit tun kann. Ich weiß, es ist nicht jedermanns Sache. Aber es geht!

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