Vorher-Nachher-Bilder: Was machen zwei Jahre Pandemie mit Ärzten und Pflegern?

Wie ergeht es dem Personal des Klinikums rechts der Isar fast zwei Jahre nach Beginn der Pandemie? Was hat sich verändert? Fotograf Thomas Mandl hat Pflege- und Ärztepersonal im Mai 2020 und im Dezember 2021 fotografiert. In der AZ kommen sie zu Wort.
| Clara Westhoff
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Kämpfen seit fast zwei Jahren im Klinikum rechts der Isar um die Leben von Corona-Patienten: Dr. Matthias Treiber (l.) und Nikole Radani, hier mit Student Dennis Das Gupta, der in der ersten Welle aushalf.
Kämpfen seit fast zwei Jahren im Klinikum rechts der Isar um die Leben von Corona-Patienten: Dr. Matthias Treiber (l.) und Nikole Radani, hier mit Student Dennis Das Gupta, der in der ersten Welle aushalf. © Thomas Mandl

München - Schon vor dem Coronavirus war das deutsche Gesundheitswesen marode. Das rächt sich nun. Seit zwei Jahren wütet die Pandemie, Pflegekräfte und Ärzte arbeiten über ihre Belastungsgrenzen hinaus, immer mehr kündigen oder werden selbst krank.

Der Münchner Fotograf Thomas Mandl verbrachte während der ersten Corona-Welle im Mai 2020 mehrere Tage im Klinikum rechts der Isar. Dort porträtierte er diejenigen, die gegen das Virus an vorderster Front kämpften. Über ein Jahr später war die AZ mit ihm wieder dort und zeigt Mandls Fotos, die eindrücklich veranschaulichen, wie sich die Mediziner und Krankenpfleger verändert haben – seelisch und körperlich.

Links Mai 2020, rechts Dezember 2021: Die folgenden Porträts sind jeweils im Abstand von 19 Monaten entstanden.

Birgit Meier-Scholz: "Der Druck ist noch viel höher geworden" 

Birigt Meier-Scholz (55), Fachkrankenschwester Notfallpflege.
Birigt Meier-Scholz (55), Fachkrankenschwester Notfallpflege. © Thomas Mandl

"Stundenlang verhüllt zu arbeiten, das war schon grenzwertig. Hinterher ist man nass in den Schuhen gestanden. Der Druck in dem Job war schon vor Corona groß, weil wir seit Jahrzehnten zu wenig qualifiziertes Pflegepersonal haben. Jetzt ist nochmal ein ganzer Schwung Kollegen gegangen, weil der Druck noch viel höher geworden ist."

Theresa Pitz: "Ich habe durch die Impfung weniger Angst, mich selbst anzustecken"

Theresa Pitz (24), Gesundheits- und Krankenpflegerin, Notfallzentrum.
Theresa Pitz (24), Gesundheits- und Krankenpflegerin, Notfallzentrum. © Thomas Mandl

"Ich glaube, dass wir organisierter geworden sind mit Corona. Ich habe durch die Impfung weniger Angst, mich selbst anzustecken. Man fühlt sich nicht mehr so verunsichert. Ich würde mir wünschen, dass man über die Impfung besser aufklärt."

Helene Claussen: "Wir müssen zusammenhalten" 

Helene Claussen (26), Gesundheits- und Krankenpflegerin, Notfallzentrum.
Helene Claussen (26), Gesundheits- und Krankenpflegerin, Notfallzentrum. © Thomas Mandl

"Man ist routinierter geworden. So langsam ist es aber auch anstrengend und belastend. Ich hoffe einfach, dass wir im nächsten Jahr unseren Urlaub ordentlich nutzen und verreisen können, um Erholung zu finden. Es ist einfach ein Dienst an der Gesellschaft, dass man sich gemeinschaftlich gegen dieses Virus stellt und sich impfen lässt. Wir müssen zusammenhalten."

Henri Burkard: "Es geht schon an die Substanz"

Henri Burkard (26), Intensivpfleger auf einer Corona-Intensivstation.
Henri Burkard (26), Intensivpfleger auf einer Corona-Intensivstation. © Thomas Mandl

"Ich hatte das Glück, dass ich wegen meiner Weiterbildung mal ein Jahr im Arbeitsalltag nichts mit Covid-19 zu tun hatte. Für mich als Pfleger ist es jetzt also die zweite Welle, aber es geht schon an die Substanz. Man hat auch nicht mehr die gesellschaftliche Unterstützung wie in der ersten Welle. Ich denke im Januar, Februar wird’s wieder schwierig."

Leonie Beigger: "Mich belastet es schon, dass viele Menschen sterben"

Leonie Beigger (28), Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Corona-Intensivstation.
Leonie Beigger (28), Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Corona-Intensivstation. © Thomas Mandl

"Ich war nur in der ersten Welle da und habe dann angefangen zu studieren. Jetzt bin ich nur drei Tage im Monat da. Ich finde es anstrengend, sich zu verkitteln und man sieht mit dem Gesichtsschild nicht richtig. Mich belastet es schon, dass viele Menschen sterben, das sind ja meine Patienten."

Dr. Juliane Kager: "Die Leute sollen sich bitte impfen lassen"

Dr. med. univ. Juliane Kager (29), Assistenzärztin auf einer Corona-Intensivstation.
Dr. med. univ. Juliane Kager (29), Assistenzärztin auf einer Corona-Intensivstation. © Thomas Mandl

"Normalerweise haben wir acht Betten auf der Station. Aktuell haben wir 14, davon sind zwölf belegt – manchmal nehmen wir in einer Nacht drei Patienten auf. Dabei fehlt das Pflegepersonal. Die Leute sollen sich bitte impfen lassen, weil wir einfach keine Menschen sterben sehen wollen."

Dr. Frederik Greve: "Wir haben ein paar Ausbrüche auf Stationen gehabt"

Dr. med. Frederik Greve (33), Assistenzarzt, Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie.
Dr. med. Frederik Greve (33), Assistenzarzt, Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie. © Thomas Mandl

"Uns hat es ehrlicherweise nicht ganz so stark betroffen, weil wir an der internistischen Versorgung nicht so sehr beteiligt sind. Mir geht’s eigentlich soweit ganz gut. Wir haben ein paar Ausbrüche auf Stationen gehabt, da musste man sich anpassen und sich häufiger testen lassen."

Sarah von Grothuss: "Die Leute, die seit zwei Jahren an der Front kämpfen, gehen richtig am Zahnfleisch"

Sarah von Grothuss (32), Assistenzärztin, Klinik für Nephrologie.
Sarah von Grothuss (32), Assistenzärztin, Klinik für Nephrologie. © Thomas Mandl

"Ich mache diesen Monat die Covid-Dienste mit und habe jetzt einen hinter mir – das ist schon ordentlich anstrengend. Die Leute, die seit zwei Jahren an der Front kämpfen, gehen richtig am Zahnfleisch. Dadurch, dass aus den anderen Abteilungen immer mehr Personal abgezogen wird auf die Corona-Stationen, wird es überall enger."

Michaela Beuck: "Der Stresspegel steigt"

Michaela Beuck (36), Stationsleitung von der Notaufnahme.
Michaela Beuck (36), Stationsleitung von der Notaufnahme. © Thomas Mandl

"Soweit geht es mir eigentlich ganz gut. Aber die Mitarbeiter sind angespannter. Man merkt, dass der Stresspegel steigt und die Situation vielen aufs Gemüt schlägt. Wir haben gerade neue Mitarbeiter bekommen, weil einige gegangen sind. Wir hoffen, dass wir die Kollegen halten können."

Daniela Eibl: "Die Leute sind in der vierten Welle viel aggressiver"

Daniela Eibl (52), Stationsleitung Notaufnahme.
Daniela Eibl (52), Stationsleitung Notaufnahme. © Thomas Mandl

"Die erste Welle war einfacher als die vierte, jetzt ist es richtig krass. Die Leute sitzen im Wartezimmer ohne Maske. Dann sprichst du es an und es gibt ein Geschrei, das kann man sich gar nicht vorstellen. Kollegen haben sogar Morddrohungen gekriegt - „ich bring dich um, wenn ich dich draußen sehe“. Die Leute sind in der vierten Welle viel aggressiver, ab der zweiten Welle hat man es eigentlich schon gemerkt."

Benedikt Mersdorf: "Das waren zwei harte Jahre für uns alle"

Benedikt Mersdorf, Bereichsleitung für das Notfallzentrum im Klinikum rechts der Isar.
Benedikt Mersdorf, Bereichsleitung für das Notfallzentrum im Klinikum rechts der Isar. © Thomas Mandl

"Mir geht es schlechter als vorher. Wenn das mit dem Impfen so weitergeht, wird uns möglicherweise auch eine fünfte Welle überrennen. Ich bin nicht so positiv gestimmt, das waren zwei harte Jahre für uns alle."

Roland Schwankhart: "Ich habe keine Lust mehr auf die Pandemie"

Roland Schwankhart (46), Pflegebereichsleitung für die Funktionseinheiten und das Notfallzentrum.
Roland Schwankhart (46), Pflegebereichsleitung für die Funktionseinheiten und das Notfallzentrum. © Thomas Mandl

"Ich fühle mich im Vergleich zur ersten Welle erschöpfter. Ich habe keine Lust mehr auf die Pandemie. Wir haben ja Möglichkeiten, das besser einzudämmen."

Nikole Radani: "Es zieht sich jetzt viel zu lange"

Nikole Radani (27), Assistenzärztin, Notaufnahme.
Nikole Radani (27), Assistenzärztin, Notaufnahme. © Thomas Mandl

"Ich bin beunruhigter als in der ersten Welle. Ich hatte mir erhofft, dass nach der Impfung alles wieder gut wird, aber es zieht sich jetzt viel zu lange. Wir haben im Krankenhaus weniger Personal. Auf den gleichen Arzt von früher kommen jetzt doppelt so viele Patienten. Das macht mich extrem wütend."

Dr. Michael Dommasch: "Ich habe einfach weniger Luft"

Dr. med. Michael Dommasch (42), Ärztlicher Leiter der Notaufnahme.
Dr. med. Michael Dommasch (42), Ärztlicher Leiter der Notaufnahme. © Thomas Mandl

"Ich bin nicht mehr so aufgeregt wie letztes Jahr, aber ich habe einfach weniger Luft. Hoffnung gibt mir, dass der Sommer bald wieder kommt und dass sich hoffentlich noch mehr Leute impfen lassen."

Danijela Seth: "Das sind Situationen, die möchte man nicht nochmal mitmachen" 

Danijela Seth (50), übergeordnete Stationsleitung einer Corona-Station.
Danijela Seth (50), übergeordnete Stationsleitung einer Corona-Station. © Thomas Mandl

"Auch Personal erkrankt, das ist eine zusätzliche Schwierigkeit. Wenn die Hälfte des Teams dann einfach nicht vorhanden ist, haben wir eine schwierige Situation. Eine 25-jährige Kollegin lag selbst bei uns auf der Station, der ging es sehr schlecht. Das sind Situationen, die möchte man nicht nochmal mitmachen. Das Jahr soll vorübergehen, vielleicht wird es dann besser."

Elvine Lingombe: "Hoffentlich ist die Pandemie bald vorbei"

Elvine Lingombe (38), Auzubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Corona Station.
Elvine Lingombe (38), Auzubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Corona Station. © Thomas Mandl

"Ich bin das mit Corona schon gewohnt. Es ist meine erste Station, ich habe hier im Januar 2020 angefangen und im April ist sie zur Corona-Station geworden. Ich bin ja noch Anfängerin und dann kam plötzlich Corona. Jeden Tag versuche ich besser und voller Kraft zu sein. Hoffentlich ist die Pandemie bald vorbei."

Dr. Livia Habenicht: "Jetzt ist die Luft langsam raus"

Dr. med. Livia Habenicht (32), Assistenzärztin, Klinik für Gastroenterologie.
Dr. med. Livia Habenicht (32), Assistenzärztin, Klinik für Gastroenterologie. © Thomas Mandl

"In der ersten Welle war noch alles neu und alle haben an einem Strang gezogen. Es war eine Sondersituation. Jetzt ist die Luft langsam raus. Es nervt, wenn Patienten sich nicht impfen lassen. Intern halten wir hier gut zusammen und raffen uns immer wieder auf, aber es könnte noch mehr getan werden, um das Gesundheitssystem zu unterstützen. Es gibt viele Pflegekräfte, die kündigen, und Ärzte, deren Ausbildung darunter leidet."

Dr. Simon Weidlich: "Es ist kein Ende in Aussicht, das macht mürbe"

Dr. med. Simon Weidlich (34), Facharzt für innere Medizin, Klinik für Gastroenterologie.
Dr. med. Simon Weidlich (34), Facharzt für innere Medizin, Klinik für Gastroenterologie. © Thomas Mandl

"Ich fühle mich müde. Es hätte niemand gedacht, dass das so lange dauern würde. Die zweite, dritte Welle war noch einmal ein Tiefpunkt, aber durch die Impfstoffe waren wir ziemlich positiv gestimmt. Dass wir jetzt erneut so tief in der vierten Welle drinhängen, so tief wie noch nie zuvor, hätte niemand gedacht. Wenn man ehrlich ist, ist auch kein Ende in Aussicht. Das macht mürbe. Gerade ist schon so ein Punkt, wo viele nicht mehr können, so einige aus der Pflege gekündigt haben. Medizinische Fakten geben mir derzeit weniger Hoffnung, aber meine Hauptkraft schöpfe ich aus meinem Privatleben und meinem Glauben."

Dr. Ulrike Bauer: "Es hört nicht auf, es geht immer wieder von vorne los"

Dr. med. univ. Ulrike Bauer (33), Assistenzärztin, Klinik für Gastroenterologie.
Dr. med. univ. Ulrike Bauer (33), Assistenzärztin, Klinik für Gastroenterologie. © Thomas Mandl

"Es hört nicht auf, es geht immer wieder von vorne los. Zur Verzweiflung bringt mich, wenn sich Leute nicht impfen lassen und Maskenatteste bringen – es ist wirklich eine Rarität, dass jemand keine Maske tragen darf. Ich bin absolut für die Impfung."

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