Vor 80 Jahren: Bomben und Viren in München

Die ersten Angriffe der Engländer vor genau 80 Jahren veränderten das Münchner Leben. Notmaßnahmen, Einschränkungen, Ängste griffen um sich. Obendrein grassierte die Grippe.
| Karl Stankiewitz
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Eine Stadt, die nicht mehr wiederzuerkennen ist: Der Bombenkrieg zerstört auch große Teile der Neuhauser Straße.
imago images Eine Stadt, die nicht mehr wiederzuerkennen ist: Der Bombenkrieg zerstört auch große Teile der Neuhauser Straße.

München - Die Mehrheit der 826.690 Bürger der vom Wahl-Münchner Adolf Hitler gepäppelten "Hauptstadt der Bewegung" konnte die ersten sechs Monate des Zweiten Weltkriegs durchaus gelassen hinnehmen. Ihr Leben war noch kaum eingeschränkt. Grundversorgung und Luftschutz waren längst auf den Kriegsfall vorbereitet.

Ungebrochen waren das Kulturleben, die teils auf Rüstung umschaltende Wirtschaft und das Volksvergnügen samt Fasching, der allerdings jüdischen Mitbürgern ausdrücklich verboten war, so wie das Telefon. In Geiselgasteig wurden im Jahr 1940 nicht weniger als zehn Filme gedreht, meist lustige wie "Das sündige Dorf". Der Volkssänger Weiß Ferdl fertigte ein Buch, das fünf Auflagen erreichte – Titel: "Es wird besser". Und aus dem Volksempfänger dröhnten, von Fanfaren eingeleitet, Siegesmeldungen schier pausenlos.

Am 10. März 1940 schlägt die Stimmung im Volk um

In einer Untersuchung über "Die Stadt im Krieg" kennzeichnete Paul Erker, Professor für Zeitgeschichte in München, die damalige Stimmungslage: "Die zunehmende Mobilisierung für Luftschutzübungen war eher eine lästige als bedrohliche Beeinträchtigung des Lebensrhythmus."

Ähnlich notierte der Literat Wilhelm Hausenstein ins Tagebuch, dass "das Schreckliche nicht eigentlich erfahren, sondern gerade hingenommen" werde, der Sensation und Indifferenz wegen. Uns Halbwüchsigen, denen man schon am Tag nach dem Überfall auf Polen so komische Gasmasken über den Kurzhaarschnitt gestülpt hatte, erschien dieser Krieg sowieso als ein unbekanntes Abenteuer.

Die Stimmung im Volk schlug um am 10. März 1940. Es war der sogenannte Heldengedenktag, und daher verkündete unser "Führer und Reichskanzler" in der Reichshauptstadt: "Der von den kapitalistischen Machthabern Frankreichs und Englands aufgezwungene Krieg muss zum glorreichen Sieg der deutschen Geschichte werden..."

In München fielen an jenem Sonntag die ersten englischen Bomben. Den "Münchner Neuesten Nachrichten" war dieses historische Ereignis keine Zeile wert, das Hochwasser der Donau und die Hinrichtung mehrerer "Volksschädlinge" mussten als wichtige Tagesration genügen.

München wird zur "Frontstadt des Luftkrieges"

Es fielen ja auch nur ein paar Leuchtbomben. Die jedoch machten München zur "Frontstadt des Luftkrieges" (Erker). Erst der nächste Fliegerangriff am 4. Juni richtete wirkliche Schäden an: bei BMW in Allach und am Flughafen Riem; verletzt wurden acht Personen. Bis zum 26. April 1945 folgten – wie die Statistiker hinterher genau zählten – 3.458.000 Brandbomben, 61.000 Sprengbomben und 450 Luftminen.

Als Vergeltung für die Leuchtbomben von München ließ Hermann Göring ab Juli die englische Stadt Coventry zertrümmern. Ein Vorspiel zum "totalen Krieg". Vor genau 80 Jahren war der Krieg, buchstäblich über Nacht, zum Bombenkrieg geworden, zum Notfall, zur Krise.

Erst jetzt wurde den Menschen in München der Ernst des Geschehens bewusst. Schnell wurden Maßnahmen getroffen. Dazu gehörte zunächst etwa, dass Ausflüge mit der Reichsbahn eingeschränkt wurden. Luftschutzlehrgänge wurden Pflicht. Am 5. April forderte Gauleiter Adolf Wagner die Frauen auf, sich zum Arbeitseinsatz zu melden, "um den Plan der Feinde, Deutschland zu zerstückeln, unmöglich zu machen".

Eine Zeitung kommentierte: "Von der Wehrwirtschaft zur Kriegswirtschaft"; im Münchner Norden wurde eine neue "Waffenschmiede" forciert. Zwischen Stachus und Sendlinger Tor wurden nach und nach kommunale Nothilfs- und Soforthilfsstellen eingerichtet, mit eskalierendem Bombenkrieg kamen Möbelbergungsplätze hinzu.

München: "Keiner soll hungern und frieren"

Jugendlichen wurde der Besuch von Gaststätten, Kinos und Tanzveranstaltungen nach 21 Uhr sowie das öffentliche Rauchen verboten. Uns Zehnjährigen, die man zu "Führers Geburtstag" feierlich der Hitlerjugend einverleibt hatte, erteilte der Reichsbund für Leibesübungen den Befehl zum Sonntags-Sammeln, mit Braunhemd und Blechbüchse. Parole: "Keiner soll hungern und frieren."

Mehr und mehr wurden die städtischen Verwaltungen zurückgedrängt, das Kommando im täglichen Leben hatte fortan die Partei mit ihren Politischen Leitern, ihren Blockwarten, Ortsgruppenführern und Ortsobmännern der NS-Volkswohlfahrt. Polizei, Feuerwehr und Teile des Gesundheitswesens wurden verstaatlicht. Die kommunalen Leistungen reduzierten sich, so LMU-Historiker Erker, auf "Krisenbewältigungsfunktionen".

Erstmals spürten die Münchner Volksgenossen so manchen Mangel. Sie sollten Altmetall "für die Waffenschmiede des deutschen Volkes opfern". Über den Beitrag von Teilen der Münchner Gesellschaft wusste ein MNN-Reporter launig zu berichten: "In den Theatern und Kinos lassen Solisten in den Pausen die Blechbüchsen scheppern."

Indes lief im UFA-Palast mit großem Erfolg ein neuer Luis-Trenker-Film, "Der Feuerteufel", und im Imperial "Brand im Ozean".

Städtische Kliniken von Wehrmacht in Beschlag

Zu der bis Ostern dauernden Opferung aufgerufen hatte Reichsminister Göring, jetzt auch mit dem Vierjahresplan beauftragt. Die Leute nannten den fetten, ordenstrotzenden Oberbonzen seit den ersten Luftangriffen ganz offen: "Hermann Meier". Weil er doch großmäulig verkündet hatte: "Ich will Meier heißen, wenn nur ein feindliches Flugzeug über die deutschen Grenzen kommt."

Der allererste Britenbomber hatte übrigens die Insel Sylt getroffen, wenn auch nur wenig. Obendrein – hier gewinnt die Geschichte aktuellen Bezug – grassierte im März 1940 die Frühjahrsgrippe, gefährlicher als gewöhnlich. Auch da hielten sich die geschrumpften Zeitungen sehr zurück. Nur keine Panik auslösen!

Immerhin war am 31. März zu lesen: "Der Kriegsopferführer Oberlinhuber übergab an Oberbürgermeister Dr. Karl Fiehler einen Heerestransportwagen." Im Juni 1940 musste die Stadt Hilfskrankenhäuser bereitstellen, weil die Wehrmacht große Teile der gut ausgestatteten städtischen Kliniken in Anspruch nahm.

Offensichtlich als Vorsorge zur vielleicht nötigen Vermehrung der Krankenbetten für Zivilisten. Mit Bombenopfern und Grippeopfern musste nunmehr gerechnet werden.
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Für den Beitrag wurden unter anderem folgende Quellen genutzt: "München – Hauptstadt der Bewegung", Katalog zu einer Ausstellung im Stadtmuseum; "Fliegeralarm. Luftangriffe auf München 1940 – 1945" von Richard Bauer; "Eine Jugend in München" von Karl Stankiewitz

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