Vor 25 Jahren starb Siegfried Sommer: Kollege erinnert sich mit Hommage

Heute vor 25 Jahren starb Siegfried Sommer, der als "Blasius" für die AZ gearbeitet hat. Hier erinnert sich sein langjähriger Kollege an einen, der durch seine Herzensstadt pirschte wie keiner sonst.
| Karl Stankiewitz
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So kennen ihn die Münchner: Sigi Sommer, der legendäre Spaziergänger.
So kennen ihn die Münchner: Sigi Sommer, der legendäre Spaziergänger. © imago/Heinz Gebhardt

München - Schreibst halt jeden Tag a Verserl, an Stoff findst auf der Straß". So riet mir der Sigi am ersten Arbeitstag. Im Oktober 1947 war das. Als 18-jähriger Volontär der "Süddeutschen Zeitung" durfte ich mein erstes von vielen tausend "Verserln" zu Papier bringen: eine Kurzmeldung über ein Konzert, das die Jugendabteilung der US-Militärregierung (GYA) im Hofbräuhaus veranstaltete, der UFA-Star Margot Hielscher sollte singen. (Die Umschwärmte, die mir noch ein Interview zum 100. Geburtstag versprochen hatte, starb am 25. August 2017 im Alter von 97 Jahren).

Karl Valentin bedankt sich per Leserbrief bei Sigi Sommer

Damals schon war der aus dem Russlandkrieg heimgekehrte Journalist Siegfried Sommer, der seine eigenen Verserl mit So. unterzeichnete, eine Respektsperson in der Lokalredaktion der "SZ". Gern holten wir Lehrlinge ihm die Brotzeit ins Pressehaus an der Sendlinger Straße, die Sigi "Rue Galoppe" nannte, weil sie belebter war (abends von leichten Mädchen) als die Innenstadt sonst noch. Gern versorgte auch Anneliese Schuller, die später als Herausgeberin der Abendzeitung seine Verlegerin wurde, den Chefreporter mit Leberkäs. (Anneliese Friedmann starb am 7. November 2020 im Alter von 95 Jahren). Eine Baracke im bombengeleerten Färbergraben war unser Schnellimbiss.

"Lohnschreiber" hieß er sich selbst. Alle paar Tage erfreute oder erregte seine Lokalglosse die Leser. Für seine rührselige Beschreibung einer armseligen "Bescherung" in der Trümmerzeit bedankte sich in einem herzlichen Leserbrief der hungernde, fast vergessene Karl Valentin. Eines Tages verpasste SZ-Lokalchef Bernhard Pollack seinem Lieblingsschreiber das Pseudonym "Blasius". Die anlaufende Serie dieses Münchner "Spaziergängers" gefiel dann seinem Freund Werner Friedmann so gut, dass der sie 1948 für seine neugegründete Abendzeitung übernahm.

Schaut beim alten Kollegen vorbei: Karl Stankiewitz am Sigi-Sommer-Denkmal.
Schaut beim alten Kollegen vorbei: Karl Stankiewitz am Sigi-Sommer-Denkmal. © Thomas Stankiewitz

Dieser meist misanthrope Müßiggänger Blasius sollte zu einer Münchner Institution werden. Für ein Buch "Poeten-Pfade in Bayern" habe ich den Jagdgründen nachgespürt, die der Isar-Indianer tagtäglich mit Adlerblick und Kugelschreiberbüchse durchstreift hat, Prominente und Party-Löwen jagend, mehr oder weniger lustige, böse, manchmal makabre Wortspiele treibend mit der Stadt, der Welt und den Menschen: "Mit dem federnden Schritt und dem wachen, scharfen Gesichtsausdruck eines Sioux-Indianers pirschte Sigi Sommer durch die Prärien seiner Heimatstadt, schrieb noch unterwegs Einfälle und Eindrücke mit winziger Schrift auf rote Karteikarten, sinnierte oder diskutierte darüber ein bisserl mit seinen Spezln am abendlichen Stammtisch und diktierte anderntags seiner geduldigen Sekretärin Anita ein größeres, meist gut erfundenes "G'schichterl fürs Blattl".

Tag für Tag, bei jedem Wetter, legte er bei seinen Spaziergängen an die zehn Kilometer zurück. Das hätte ihn im Laufe der Jahrzehnte zweimal um die Erde geführt, wenn er den Dunstkreis des Doms am Liebfrauenplatz nicht gar so ungern verlassen hätte. Stets trug er Turn- oder Tennisschuhe. Die Münchner Schuhmacher boten ihm die lebenslange Besohlung von zerschlissenen Ledermokassins an.

Ein typischer Stenz - und zwar aus Untersendling

Siegfried René Sommer, wie er sich auf seiner ersten Visitenkarte nannte, wurde zum Poeten der großen Stadt München. Ganz früher war er Eintänzer und bayerischer Jugendmeister im Boxen, ein typischer Münchner Stenz halt. Sein Vater hatte einen Cowboy-Club gegründet und sich "Häuptling Abendwind" genannt. Den Überlebenskampf der kleinen Leute in den großen, grauen Mietskasernen, die Melancholie der Vorstadt, hat Sommer in seinem ersten Roman "Und keiner weint mir nach" so meisterhaft erzählt, dass dieser in 17 Sprachen übersetzt und verfilmt wurde und Bert Brecht voller Lob war über den "besten Roman, der nach dem Krieg in Deutschland geschrieben wurde".

Sigi Sommer: Keine Kolumne hat sich länger gehalten

Aber im Grunde war der Sigi immer ein schlichter Reporter geblieben. Einer wie Mark Twain oder Egon Erwin Kisch. Keine Kolumne in der deutschen Pressegeschichte hat sich länger gehalten. Wenige wohl sind mit größerer menschlicher Anteilnahme gelesen, belacht, gefürchtet, genossen worden. Er hat kaum einen Platz und kaum eine bekanntere Person in München mit seinem Spaß und Spott verschont. "Blasius der Spaziergänger" fand seinen Stoff auf Partys der "Sossaiäti" und bei Parteiversammlungen ebenso wie auf Rummelplätzen und Friedhöfen, in Büros, Bars und Gefängnissen. Auch so ungewöhnliche Leute wie Isartaucher, Wurmhändler, Hundefriseure oder die Herren auf dem "Tuntenball" hat er besucht und unnachahmlich beschrieben.

Prominenz (oder was sich dafür hält) war für den Stadtindianer aus Untersendling allemal Freiwild. Damen hatten über seinen Späßen manchmal nichts zu lachen.

Über einen Auftritt der Knef, die ihm mittlerweile ebenso zugetan ist wie etwa die Dietrich, fiel ihm ein: "Und man hatte das Gefühl, jetzt wird sie gleich die Scherben von zerbissenen Cocktailgläsern husten... Sicher war die Hilde auch an mancher anschließenden Todsünde schuld..." Übrigens: im persönlichen Gespräch waren ihm Spott oder gar berufstypischer Zynismus fremd. Siegfried Sommer und Blasius der Spaziergänger waren zwei unterschiedliche Menschen vom Typus Monaco.

Lebensgefährtin war beim Stammtisch im Augustiner dabei

An seinen Stammtischen im großen Augustiner und, wenn es kälter wurde, im kleinen (auch längst verstorbenen) "Klösterl" konnte man ihn mit seinen Spezln und immer mit seiner lieben Lebensgefährtin treffen. Oft hatte er da auch einen berühmten Gast. Walter Scheel soll hier seine spätere Frau kennengelernt und gelernt haben, wie man einen Bierradi in hauchdünne Scheiben schneidet.

Die Statue kennt jeder: Es gibt auch einen Sigi-Sommer-Platz

Dem Willy Brandt verlieh der Biergartenkanzler Siegfried die Nadel "Freistaat Bayern" und verbot ihm, ohne dieselbe je wieder bayerisches Territorium zu betreten. Manche Runde radelte er mit Franz Josef Strauß, mit dem ihn "die karge Kindheit, aber sonst nicht arg viel" verbunden hat. Noch lange sollte er Prominenz und Partylöwen verunsichern.

Abschiedsrede in der AZ im Jahr 1986.
Abschiedsrede in der AZ im Jahr 1986. © imago/Heinz Gebhardt

Der ewige Grantler berichtete sogar noch, als er eine Weile nicht mehr spazieren gehen konnte, sondern "unter dem Messer" lag.

Im Januar 1987 lieferte er in der AZ-Redaktion seinen letzten Blasius ab. Als Sommer nach langem, leidvollen Klinikaufenthalt am 25. Januar 1996 verstarb, hinterließ er zwei Töchter, zwei Romane, ein (nicht ganz so erfolgreiches) Theaterstück, dazu 3.500 Gschichterl und einiges Mobiliar, das heute die Monacensia verwahrt.

Der Sarg von Sigi Sommer 1996 in der Theatinerkirche.
Der Sarg von Sigi Sommer 1996 in der Theatinerkirche. © imago images/Heinz Gebhardt

Sigi Sommer starb 1996

Eine von seinem Buchverleger Schulz gestiftete Bronzeskulptur des Bildhauers Max Wagner, die den Stadtpoeten mit Turnschuhen in typischer Haltung an seiner beinahe täglichen Laufstrecke zeigt, wurde 1998 enthüllt und zum beliebten Fotomotiv.

Weniger bekannt ist der von seiner Tochter Madelaine und seiner rührigen Cousine Helga Lauterbach-Sommer initiierte, 2009 eingeweihte Sigi-Sommer-Platz in Untersendling, wo der angehende Stenz aufgewachsen war.

In einem neuen Sendling-Film erinnert die Münchner Filmhochschule an den vor 25 Jahren verstorbenen Ur-Münchner.

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