Interview

Von Berlin nach München gewandert: "Die Schuhe waren danach Müll"

Als Daniel Krezdorn mit seiner Partnerin nach München zieht, möchte er nicht schnöde von Berlin aus fliegen. Er wandert lieber, einen ganzen Monat lang.
| Hüseyin Ince
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Daniel Krezdorn zieht für die AZ nochmal den Rucksack und den Hut seiner Tour auf. Die gibt es noch - im Gegensatz zu den Schuhen.
Daniel Krezdorn zieht für die AZ nochmal den Rucksack und den Hut seiner Tour auf. Die gibt es noch - im Gegensatz zu den Schuhen. © Sigi Müller

München - Der Wirtschaftsingenieur Daniel Krezdorn lebte ganz gerne in Berlin. Doch als die Frage aufkommt, ob er mit seiner Partnerin aus beruflichen Gründen nach München zieht, steht die Antwort schnell fest. Die Strecke zwischen Städten ging er zu Fuß. Und dann schrieb er gleich einen Wanderführer darüber. Der berlinerisch-bayrische Titel: "Ick loof, weil's mi gfreit!"

AZ: Herr Krezdorn, hatten Sie schon immer das Bedürfnis, langsam anzukommen?
DANIEL KREZDORN: Nein. Eher das Bedürfnis, draußen zu sein, Neues auszuprobieren.

Aber als unerfahrener Wanderer, der noch keine Monatstour gemacht hat...
... das war nicht das große Problem. Ich habe mich im Vorfeld gut erkundigt. Ich habe Freunde, die regelmäßig lange Touren wandern. Ihre Tipps waren sehr hilfreich.

Abseits der Herausforderung: Es ist bestimmt eine schöne Reise gewesen, von Berlin nach München.
Sehr abwechslungsreich! Außerdem ist es so: Früher bin ich viel ins Ausland geflogen. Und wenn mich die Leute dort gefragt haben, was sich denn in Deutschland lohnt zu besuchen, konnte ich keine vernünftige Antwort geben. Ich merkte, dass ich Deutschland nicht wirklich kenne, außer meinen Geburtsort München, dort vor allem den Stadtteil Aubing, Aachen, meinen Studienort und Berlin. Deswegen unternehme ich schon seit 2014 Deutschlandreisen mit meiner Freundin, zuletzt dieses Jahr.

Wo waren Sie?
Ich wollte anfangs unbedingt den Osten Deutschlands besser kennenlernen. Sächsische Schweiz zum Beispiel und Thüringer Wald. Eine Woche lang. Da bin ich auf den Geschmack gekommen. Bei diesen Wochenreisen entdeckte ich auch die Via Imperii. Eine Route aus dem Kaiserreich, die nicht allzu bekannt ist. Die bin ich auf meiner Wanderung nach München teilweise entlanggelaufen.

Also wollten Sie bei der Gelegenheit, nach München zu ziehen, Deutschland besser kennenlernen?
Genau. Ich merkte auch schnell, dass es nicht allzu viele Wanderführer gibt, die Touren von Nord nach Süd abbilden. Viele Routen lassen einen entlang des Jakobsweges wandern, von Ost nach West Richtung Santiago. Deshalb wollte ich unbedingt einen Wanderführer von Berlin nach München schreiben.

Aber kaum jemand hat doch Zeit für eine Monatstour.
Deswegen habe ich das Buch so gestaltet, dass man einzelne Etappen beliebig nachlaufen kann. 26 verschiedene, kombinierbare Tagestouren.

Wann trafen Sie den Entschluss, die Wanderung nach München durchzuziehen?
2020 ist vor allem durch Corona ein schwieriges Jahr gewesen. Meine Freundin war schon nach München gezogen. An Urlaub war durch die Lockdowns nicht zu denken. Ich wollte aber raus, mich frei bewegen. Da fasste ich den Entschluss im Sommer. Gegen Ende Juni.

Sind Sie auf Hindernisse gestoßen?
Es war nicht so einfach, die Unterkünfte am Ende der Etappen zu buchen. Es herrschte ja große Unsicherheit.

"Man darf in Deutschland nicht irgendwo zelten"

Was war Plan B, falls die Herbergen und Hotels wieder dicht gemacht hätten?
Es gab keinen Plan B. Ich hätte die Wanderung einfach gelassen. Man darf in Deutschland nicht - wie in Schweden etwa - einfach irgendwo ein Zelt aufschlagen. Es war alles relativ knapp. Ich kam Mitte Oktober in München an. Und ab November war ja wieder Lockdown.

Das heißt, wenn Sie zwei Wochen später gestartet wären, hätten Sie die Wanderung abbrechen müssen.
Denke schon. Ich hatte einfach Glück.

Sie sind 25 bis 35 Kilometer pro Tag gelaufen. Wie kam dieser Wert zustande?
Einfach aus meinen Recherchen im Vorfeld. Das ist eine gute Strecke pro Tag. 35 Kilometer ist schon sehr sportlich. So lang war ungefähr meine fünfte Etappe. Von Bad Düben nach Leipzig. Ich kam recht spät an, weil ich ein paar Umwege genommen habe, um eine schöne Strecke zu haben. Da bin ich nach 33 Kilometern in die S-Bahn gestiegen, bis zum Hotel. Sonst hätte ich das letzte Stück auf Teer laufen müssen. Das wird auf Dauer schmerzhaft. Und landschaftlich verpasst habe ich auch nichts.

Wie ist der Schlaf nach einer 25 Kilometer-Etappe?
Super! Man schläft ein, man schläft durch und fühlt sich morgens wie neugeboren. Wunderbar.

Was veränderte sich zwischen Tag eins und Tag 18? Was machen solche Wanderungen mit dem Menschen?
Am ersten Tag war ich euphorisch, sehr aufgeregt. Nach der ersten Etappe fühlte ich mich völlig erschlagen, total platt. Eine total neue Belastung für den Körper, den ganzen Tag mit Gepäck zu gehen.

Sie wirken schlank, sportlich.
Das macht keinen Unterschied. Es hatte 30 Grad. Rucksack, Pulli, Proviant und dann sechs oder sieben Stunden laufen. Da war ich durch.

Und an Tag 18?
Ich bin völlig selbstverständlich los, Rucksack gepackt, Wasserflasche aufgefüllt, Schuhe an und los. Das war, denke ich, der große Unterschied. Man ist körperlich und geistig voll drin.

Wie sehen die Schuhe aus? Sind sie stark abgelaufen nach 670 Kilometern?
Die Schuhe waren danach Müll. Völlig kaputt. Die habe ich weggeschmissen.

War das alles irgendwie bewusstseinserweiternd?
Man hat Zeit zum Denken. Definitiv. Zeit ist im Alltag sonst sehr knapp. Aber ich hatte ja regelmäßig Kontakt zu meinen Leuten. Großartig neue Welterkenntnisse hatte ich aber keine. Oft habe ich mich darauf konzentriert, den Weg so zu wählen, dass ich auf Feld- und Waldwegen laufen kann. Nur auf Teer, das geht irgendwann auf die Knie. Was ich schon merkte, ist - klingt vielleicht banal: Man braucht echt nicht viel zum Leben.

"Im Nachhinein würde ich natürlich einiges anders machen"

Haben Sie denn an irgendeiner Stelle der Tour ans Aufgeben gedacht?
Ach, ja. Kurz vor dem Fichtelgebirge. Zwischen Hof und Weißenstadt. Etwa auf halber Strecke. Ich musste über einen Kamm, es ging dauernd bergauf. Und es schüttete unendlich, es war sehr kühl plötzlich. Ich war ja gut ausgerüstet. Aber trotzdem war ich komplett durchnässt. Vor allem die Schuhe. Ich dachte mir: Warum tust du dir das alles eigentlich an? Da war die Verlockung schon groß, einfach in einen Zug zu steigen und nach München zu fahren.

Aber Sie haben es durchgezogen.
Ich wollte es schaffen.

Was hielt Sie auf der Strecke?
Ich glaube, es war banaler Ehrgeiz und sich nicht hinterher zu ärgern, dass man wegen schlechtem Wetter alles abgebrochen hat.

Wie groß waren die Temperaturschwankungen Ende September und Anfang Oktober 2020?
Um die 25 bis 30 Grad. Das machte es auch so schwer, das richtige Equipment dabei zu haben.

Was waren die schönsten Abschnitte der Strecke?
Das Vogtland gefiel mir sehr gut. Und vom Fichtelgebirge bis nach Weiden in der Oberpfalz ist die Natur sehr unberührt, wenig zerschnitten, rund um die Naab-Zuflüsse. Sehr viele Wälder und Bächlein. Da wohnt kaum jemand. Das muss man auch pragmatisch sehen. Bäume bieten natürlich bei Sonnenschein immer einen schönen Schatten. Das und der weichere Boden machen es deutlich angenehmer zum Wandern.

"Wenn man lange geht, kommt es auf jedes Gramm Gewicht an"

Vermissen Sie Berlin?
(überlegt kurz) Ja. Schon.

Warum?
Wedding, Moabit, Schöneberg: Berlin ist unglaublich bunt und vielfältig. Konservative Menschen leben neben völlig abgedrehten Leuten. In Neukölln fühlt man sich in manchen Momenten wie in der Türkei. Und in Zehlendorf hat man das Grünwald-Feeling. Die Mischung macht es aus. Das ist sehr spannend. Da ist München schon deutlich berechenbarer.

Der Filmemacher Danial Shekar ist krachend daran gescheitert, von München nach Berlin zu laufen. Er wollte es innerhalb einer Woche schaffen.
Hört sich an wie: sehr optimistisch kalkuliert.

Haben Sie sich irgendwo verkalkuliert?
Die Tagesstrecke hört sich an, als ob man es locker schafft. 25 Kilometer also mit 5 km/h klingt easy machbar an einem Tag. Aber das ist auf Dauer schon eine Herausforderung. Ich habe mich nicht verkalkuliert, aber würde natürlich einiges anders machen.

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Was denn?
Profi-Material macht viel aus. Ich hatte eine uralte Fleece-Jacke an. Da gibt es Materialien, die sind deutlich leichter. Und wenn man so lange geht, kommt es auf jedes Gramm an. Was man auch unterschätzt: die Belastung des Fußballens. Das schmerzt irgendwann höllisch. Und dann läuft man deutlich langsamer als fünf Kilometer pro Stunde.

Wenn Sie die Strecke nochmal laufen würden...
... würde ich nicht nur zwei Ruhetage einplanen, sondern mindestens vier. Vielleicht sogar acht. Dann halten sich die Schmerzen viel mehr in Grenzen. Und wie gesagt, nicht am Material sparen. Es hört sich megaspießig an, aber allein die Wandersocken haben sich sehr gelohnt. Je länger die Strecke ist, umso besser sollte das Equipment sein.

Krezdorns Buch
Krezdorns Buch © Verlag BoD

Wie lange muss man eigentlich Wanderschuhe einlaufen?
Ich würde sagen, bevor so eine große Tour ansteht: Mindestens drei bis vier Tageswanderungen mit vollem Gepäck.

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