Vom Mahnmal zum Ärgernis: Trauriger Abschied von bekanntem Projekt an der Isar

Ein Kunstprojekt an der Isar sollte auf Umweltverschmutzung aufmerksam machen. Jetzt wird es wegen zu viel echtem Dreck abgebaut. Künstler Hartmut Keitel ist frustriert – und lässt seinen Fisch ziehen.
Sophia Willibald
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Künstler Hartmut Keitel leert seinen Müllfisch und baut ihn ab. Die städtischen Auflagen, die er nach einer Anwohnerbeschwerde erhalten hat, kann er nicht erfüllen.
Künstler Hartmut Keitel leert seinen Müllfisch und baut ihn ab. Die städtischen Auflagen, die er nach einer Anwohnerbeschwerde erhalten hat, kann er nicht erfüllen. © Daniel von Loeper

Eine aufgescheuchte Ratte springt hervor, läuft panisch über die Wiese und verschwindet im nächstgelegenen Gebüsch. Der Grund für ihre Panik? Ihr Zufluchtsort wird abgerissen – der Müllfisch an der Reichenbachbrücke.

Isarspaziergänger kennen ihn gut. Der große Fisch, zusammengeschweißt aus Metallstäben und Maschendrahtzaun, steht auf einem grünen Fleckerl an der Ecke Eduard-Schmid-Straße. In dem Fisch steckt Müll. Sauberer Plastikmüll, der auf die Verschmutzung unserer Gewässer aufmerksam machen soll. Gewollter Dreck also.

Da steht er noch, der Müllfisch, auf der Wiese Ecke Reichenbachbrücke/Eduard-Schmid-Straße.
Da steht er noch, der Müllfisch, auf der Wiese Ecke Reichenbachbrücke/Eduard-Schmid-Straße. © Daniel Loeper

Das Problem: In der Konstruktion findet sich auch eine Menge Fremdmüll. Zigarettenstummel, volle Hundetüten, Fast-Food-Verpackungen. Wegen einer "Geruchsbelästigung und gesundheitlichen Risiken" beschwerte sich ein Anwohner bei der Stadt. Das KVR hat reagiert und dem Künstler des Fisches, Hartmut Keitel (66), die Auflage erteilt, den Fisch täglich zu reinigen (AZ berichtete).

Müllfisch an der Reichenbachbrücke wird nach Beschwerde abgebaut

Keitel begegnet dem mit Unverständnis: "Für mich als Berufstätigen ist das nicht stemmbar." Der Gründer des Vereins "Deine Isar" fühlt sich von der Stadt im Stich gelassen. Er engagiere sich gerne, um auf das Müllproblem der Gesellschaft aufmerksam zu machen, aber hier sei für ihn Schluss. Der Fisch kommt weg, obwohl er noch bis Ende 2026 hätte stehen dürfen. Aber eben nur unter der Auflage täglicher Reinigung.

Schmutzige Verpackungen, Zigarettenstummel, volle Hundetüten und sogar eine volle Windel – beim Leeren kann Hartmut Keitel es einmal mehr kaum fassen. Schon vor ein paar Monaten hatte er den Fisch gesäubert, doch davon ist heute nichts mehr zu sehen.
Schmutzige Verpackungen, Zigarettenstummel, volle Hundetüten und sogar eine volle Windel – beim Leeren kann Hartmut Keitel es einmal mehr kaum fassen. Schon vor ein paar Monaten hatte er den Fisch gesäubert, doch davon ist heute nichts mehr zu sehen. © Daniel Loeper

Am Donnerstagvormittag entriegelt Hartmut Keitel das Vorhängeschloss an dem Metallgerippe und öffnet eine Klappe. Davor hat er eine grüne Plane ausgelegt. Mit Handschuhen greift er tief in den Fisch und räumt eine erste Ladung auf die Plane: Kaffeebecher, Mandarinenschalen, Kronkorken und zerfledderte Feuchttücher. Dazu eine ordentliche Menge braunes Schmutzwasser. Durch den Regen der letzten Tage hat sich der Müll vollgesogen.

Der 66-Jährige faltet die Plane zusammen, wirft sich den vollen Beutel über den Rücken und läuft die Steintreppe zur Isar hinunter. "Das ist ja nicht mein Müll, das ist Stadtmüll", sagt er und steuert eine städtische Gitterbox an, die am Ufer für die Müllentsorgung bereitsteht.

Der Aktionskünstler hat sich den Beutel über die Schultern gehievt und trägt den Müll zu einer städtischen Gitterbox.
Der Aktionskünstler hat sich den Beutel über die Schultern gehievt und trägt den Müll zu einer städtischen Gitterbox. © Daniel Loeper

Keitel findet eine voll Windel in seinem Müllfisch

Ladung für Ladung hievt Keitel hoch und entsorgt sie. Bei einer Fuhre zieht er eine volle Windel aus dem Haufen. Der 66-Jährige ist sauer.

Insgesamt achtmal läuft er hin und her, bis der Fisch endlich leer ist und auf den bereitstehenden Anhänger eines Freundes geladen werden kann. Hartmut Keitel klaubt die letzten Reste von der Wiese, während der Fahrer des Transporters den Motor startet.

Der 66-Jährige zieht die Gurte fest. Der Fisch wird nun erst einmal bei einem Freund Keitels unterkommen.
Der 66-Jährige zieht die Gurte fest. Der Fisch wird nun erst einmal bei einem Freund Keitels unterkommen. © Daniel von Loeper

Traurig blickt Keitel seinem Fisch hinterher, wie er langsam von der Wiese rollt. "Die Stadt sollte doch eigentlich mich schützen und nicht den Meckerer. Das finde ich das Schlimme daran, dass die mich fallen lassen." Die Konstruktion wird nun erst einmal bei einem Freund unterkommen, bis der Fisch ein neues Zuhause findet. Und auch die Ratte wird sich jetzt wohl einen neuen Unterschlupf suchen müssen.

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  • CO2 Voodoo am 14.09.2025 13:44 Uhr / Bewertung:

    Endlich kehrt wieder langsam aber stetig die Vernunft in München ein. I survived the woke age 👍

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  • Chablis64 am 13.09.2025 13:59 Uhr / Bewertung:

    Das ist München. Weltfremde Leute verstehen den Gedanken nicht und laden ihren eigenen Dreck dort ab. Vielleicht hätte ein Schild geholfen den Leuten klar zu machen um was es geht. Ein Teil der Gesellschaft ist sowas von verwahrlost. Ohne Moral, ohne ein Gefühl für das echte, grundsätzliche, freie, gesunde Leben was doch eigentlich jeder haben möchte. Ich meine, man sucht sich doch für seinen Dreck nicht irgendeine Möglichkeit ihn liegen zu lassen oder hinein zu werfen. Aufhalten will sich aber schon jeder an und im Bereich von der Isar. Wenn man die Leute höflich bittet etwas nicht so zu entsorgen bekommt man direkt eine Rotzfreche Antwort. Nach dem Motto; man darf echt nix mehr sagen, die Leute rasten direkt aus. Aus dem Führerstand der BOB habe ich mal eine volle MC.D. Tüte fliegen sehen. Mitten in die Isar. Solche Leute gehören von dem Unternehmen entlassen. Unfassbar. Im Rechen von Oberföhring findet man alles. Klamotten, Grillzeug, Flaschen, Kisten, volle Windeln. Geht's noch?

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  • Monika1313 am 12.09.2025 19:57 Uhr / Bewertung:

    Herr Keitel, schade um den Müllfisch. Ihr Kunstwerk ist woanders besser aufgehoben, nämlich dort, wo Menschen auch was von Kunst verstehen, das ist nicht bei der Stadtverwaltung München. Für München ist Kunst er wirklich Kunst, wenn es richtig viel Geld kostet.

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