Vom Fußballer zum gefragten Münchner Strafverteidiger: "Nichts ohne Anwalt sagen"

Er ist der Mann für die schweren Fälle. Rechtsanwalt Ömer Sahinci (48), in München geboren und aufgewachsen, wird am Landgericht oft bei Kapitalverbrechen eingesetzt. Nach dem Abitur am Max-Planck-Gymnasium in Pasing 1998 hat er Jura studiert und sich nach dem bestandenen zweiten Staatsexamen 2008 als Rechtsanwalt selbstständig gemacht. Seit Kurzem ist er nun auch in einer Gerichtsserie bei RTL zu sehen – natürlich als Anwalt.
AZ: Warum wurden Sie Rechtsanwalt, Herr Sahinci?
ÖMER SAHINCI: Weil ich seit meiner Jugend aktiver Fußballer in vielen Vereinen war. Bereits in der Schulzeit hatte ich nur einen Berufswunsch, nämlich professioneller Spielerberater für Profifußballer zu werden. Damals gab es nur zwei Möglichkeiten, um diesen Beruf auszuüben: Entweder absolvierte man einen Kurs bei der Fifa und hinterlegte nach bestandener Prüfung 100.000 Schweizer Franken bei der Fifa und bekam so die Zulassung oder man war zugelassener Rechtsanwalt. Da ich natürlich als Abiturient keine 100.000 Franken zur Verfügung hatte, habe ich den Weg als Rechtsanwalt gewählt. Daher habe ich angefangen, Jura zu studieren.
Aus Spielerberater ist aber nichts geworden?
Stimmt, dazu hätte ich bessere Verbindungen gebraucht.
Warum lieber Strafrecht als Zivilrecht?
Weil Strafrecht das interessanteste Fachgebiet ist. Es ist nicht so trocken wie Zivilrecht. Im Zivilrecht sitzt man oftmals stundenlang alleine in seinem Büro und wälzt Bücher und schreibt ellenlange Schriftsätze. Ich bin eher der geselligere Typ. Als Strafverteidiger ist man näher am Menschen dran. Im Strafrecht dreht sich vieles mehr um menschliche Psychologie als um akademische "Paragrafenreiterei". Und außerdem befinden sich im Strafrecht die spannendsten Fälle aus dem Lebensalltag, getreu dem Motto: "Es gibt nichts, was es nicht gibt!" Wo andere Geld ausgeben, indem sie ins Kino gehen oder Krimis kaufen, bekomme ich Geld dafür, dass ich ein Teil hiervon sein kann.
"Mein Schwerpunkt hat sich verlagert zu Mord- und Totschlagverfahren"
Wo liegen Ihre Schwerpunkte?
Grundsätzlich verteidige ich auf dem gesamten Gebiet des Strafrechts. Angefangen vom Jugendlichen, der etwas aus dem Supermarkt geklaut hat bis hin zu Terroristen und Mördern. In den letzten Jahren hat sich mein Schwerpunkt jedoch auf Kapitaldelikte – also Mord- und Totschlagverfahren – verlagert.
Das nicht mehr ganz neue Cannabiskonsumgesetz, Fluch oder Segen?
Für viele meiner Mandanten ist das ein Segen, da sie nicht mehr – im Gegensatz zu früher – strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie eine Menge von bis zu 25 Gramm Cannabis besitzen.

"Manche schlagen weiter zu, nachdem schon jemand auf dem Boden liegt. Das war früher nicht so"
Immer wieder ploppen Nachrichten auf, dass die Jugend immer gewalttätiger wird. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Da bin ich etwas zwiegespalten, da es Gewaltdelikte unter Jugendlichen immer schon gegeben hat. Was mir jedoch in den letzten Jahren negativ stark aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass viele Jugendliche immer mehr und stärker bewaffnet unterwegs sind, zum Beispiel mit Messer oder Schraubenzieher – und auch nicht zurückschrecken, diese bei einer Auseinandersetzung sofort einzusetzen. Mit oftmals schlimmen Verletzungsfolgen. Das ist eine erschreckende und traurige Entwicklung, die ich als Strafverteidiger beobachte.
Werden Kämpfe brutaler?
Früher hat man bei einer körperlichen Auseinandersetzung zu schlagen aufgehört, wenn der Kontrahent am Boden lag. Heutzutage mache ich die Erfahrung, dass man erst recht weiter attackiert, wenn der Kontrahent am Boden liegt. Leider spielt da auch der Alkohol eine große Rolle.
Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind Kapitalverbrechen. Oft an der Seite von Ihrem Kollegen Adam Ahmed. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Kapitalverbrechen sind in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht oftmals sehr komplexe Verfahren. Bei diesen Verfahren geht es um alles oder nichts. Daher ist es in solchen Kapitalverfahren nicht unüblich, einen weiteren Kollegen mit in die Verteidigung einzubeziehen. Ich arbeite gerne mit den Besten zusammen und meiner Meinung nach gehört Rechtsanwalt Dr. Adam Ahmed zu den besten Strafverteidigern in Deutschland.
"Als RTL anrief, dachte ich, meine Freunde sind dran und scherzen"
Würden Sie gerne mal die Seiten tauschen? Sprich, mal als Richter oder Staatsanwalt agieren?
Ja, ich würde gerne mal die Seite tauschen, um einen Perspektivwechsel zu bekommen und somit ein besseres Verständnis für die Arbeitsabläufe und Entscheidungen zu erhalten. Dabei würde ich mir aber auch wünschen, dass Richter und Staatsanwälte auch mal eine Zeit lang die Rolle eines Strafverteidigers einnehmen, damit sie ein nachvollziehbares Verständnis für unsere Arbeitsweise und Handlungen und dem damit oftmals dahinterstehenden wirtschaftlichen Druck bekommen.
Ihr spektakulärster Fall?
Ich hatte einige spektakuläre Fälle, aber ich würde sagen, dass mein sogenannter "Todespfleger-Mord"-Prozess und mein sogenannter "Cold-case-Silvestermord"-Prozess – welcher in einem Freispruch endete – zu den zwei spektakulärsten Fällen gehören.
Welcher Fall hat Sie am stärksten berührt?
Vor vielen Jahren habe ich eine gebrechliche 70 Jahre alte Frau aus Georgien verteidigt, die man festgenommen und in U-Haft gesteckt hatte, weil sie mit einem gefälschten italienischen Ausweis und somit ohne Aufenthaltsgenehmigung in die BRD einreiste. Sie wurde bei einer Kontrolle auf einer Baustelle in München von der Polizei entdeckt, wie sie als Arbeiterin schweren Bauschutt mit einem Schubkarren entsorgte. Es stellte sich heraus, dass sie diesen illegalen Weg eingeschlagen hat, weil ihr 75 Jahre alter Ehemann in Georgien schwerstkrank seit Wochen im Bett liegt und sie sich die ärztlichen Behandlungen und Medikamente nicht leisten können. Sie wollte Geld verdienen, um ihrem Ehemann zu helfen.
So etwas lässt einen sicher nicht kalt.
Dieses Schicksal hat mich sehr berührt. Ich habe sofort alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt, damit sie so schnell wie möglich eine Gerichtsverhandlung bekommt und aus der Haft entlassen wird. Dies ist mir gelungen.
Bis der Anwalt kommt, bei der Polizei nichts sagen: Ist das auch Ihr Rat?
Ja, das ist absolut mein Rat!
Warum? Eine frühe Kooperation mit der Polizei kann doch strafmildernd wirken.
Selbstverständlich kann sich eine frühe Kooperation mit der Polizei strafmildernd auswirken, jedoch weiß der Beschuldigte doch oftmals gar nicht, was man ihm genau vorwirft und welche Beweismittel gegen ihn vorliegen. Es besteht die Gefahr, dass man eventuell Straftaten schildert und offenbart, von denen die Polizei vielleicht gar keine Kenntnis hat. Eine Aussage sollte – falls überhaupt – dann erst nach Akteneinsicht erfolgen. Eine Akteneinsicht kann nur durch einen Rechtsanwalt erfolgen. Kein Beschuldigter ist verpflichtet, sich selbst zu belasten. Daher gilt der altbekannte Spruch: "Ich sage nichts ohne meinen Anwalt!"
In der RTL-Serie "Ulrich Wetzel – das Strafgericht" sind Sie als Schauspieler zu sehen. Wie kam dieses Engagement zustande?
Das ist eine lustige Geschichte. Ich war im Frühjahr 2024 in Valencia im Urlaub, als mich am Strand ein Anruf auf meinem Handy erreichte. Die Dame auf der anderen Leitung sagte mir, dass sie von Constantin Film im Auftrag von RTL anrufe und mich als TV-Darsteller haben wolle. Da ich mich jedoch zu keinem Zeitpunkt irgendwo beim TV beworben hatte, nahm ich an, dass sich meine Freunde einen Scherz erlauben und mich veräppeln wollten. Ich lachte laut und sagte der Dame am Telefon, dass ich auf diesen Scherz nicht reinfalle und legte einfach auf.
Sie blieb offenbar hartnäckig?
Ja. Aber erst, als sie dann nach meinem Urlaub eine offizielle Einladung zum Casting per E-Mail schickte, war ich überzeugt. Seit Oktober 2024 drehe ich nun regelmäßig in den Filmstudios in Köln.
"Es schadet nicht, wenn Anwälte ein Pokerface aufsetzen können"
Müssen Anwälte schauspielern?
Ja, ich glaube, dass Anwälte eine gewisse Portion Schauspielerei beherrschen sollten. So ähnlich wie Pokerspieler ein Pokerface aufsetzen.
Funktioniert unser Rechtsstaat?
Im Großen und Ganzen ja. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Großteil meiner Kollegen und auch die Staatsanwaltschaft und Strafrichter sehr gewissenhaft und verantwortungsvoll ihre Arbeit leisten und dazu beitragen, dass der Rechtsstaat funktioniert. Jedoch gibt es leider immer wieder einzelne Ausreißer, wie mein aktueller Fall zeigt, beim "Mord im Alten Botanischen Garten".
Der Vorsitzende Richter in dem Fall wurde abgesetzt, weil er Verständnis für rassistische Äußerungen Trumps zeigte. Ihrem Befangenheitsantrag wurde stattgegeben. Kommt selten vor.
Es war die einzig richtige Entscheidung. Ich bin sehr zufrieden.
Haben Sie selber Rassismus erfahren müssen?
Eigentlich nicht, da ich gut Deutsch spreche. Ich bin nur einmal wegen meines Aussehens stereotypisch für einen Dolmetscher gehalten worden.
"Alle Pflichtverteidiger, die ich kenne, arbeiten mit Hingabe"
Braucht es Geld für eine gute Verteidigung oder funktioniert der Rechtsstaat für alle?
Ich denke ja, für alle. In den Fällen, bei denen ein Pflichtverteidiger dem Beschuldigten beigeordnet wurde, habe ich die Erfahrung gemacht, dass meine Kollegen mit Hingabe großen Einsatz zeigen und ihre Mandanten bestmöglich verteidigen. Das oftmals negative Ansehen der Pflichtverteidiger in der öffentlichen Wahrnehmung kann ich – zumindest für meine Münchner Kollegen – absolut nicht bestätigen. Aber selbstverständlich ist es auch so, dass vermögende Menschen sich eine bessere Verteidigung mit mehreren Anwälten leisten können.
Wo liegen die Defizite oder dringender Handlungsbedarf?
Ich sehe Defizite in der strukturellen und personellen Ausstattung der Strafbehörden im Unterbau, sowohl bei Staatsanwaltschaft als auch beim Strafgericht. Viele Stellen – vor allem bei den Geschäftsstellen und Urkundsbeamten – sind unterbesetzt. Der Staat muss Anreize schaffen, damit einerseits die vorhandenen guten Leute die Behörde nicht verlassen und andererseits neue Leute einstellen. Da sehe ich den Staat in der Bringschuld. Interview: John Schneider