Vermieter gesucht: Wie Menschen mit geistiger Behinderung in München um Wohnungen kämpfen

Tobias Lutze vermittelt Wohnungen an Münchnerinnen und Münchner mit Intelligenzminderung – wie Manfred Kraft (38). Welche Vorteile so eine Vermietung für Wohnungseigentümer hat. Warum Makler dennoch oft zögern.
Irene Kleber |
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Manfred Kraft (38, Mitte) mit seinen Eltern Peter und Roswitha Kraft. Neun Jahre lebt er schon nicht mehr im Elternhaus und möchte auch weiter selbstständig wohnen.
Manfred Kraft (38, Mitte) mit seinen Eltern Peter und Roswitha Kraft. Neun Jahre lebt er schon nicht mehr im Elternhaus und möchte auch weiter selbstständig wohnen. © Martha Schlüter

Wie macht man etwas Unmögliches möglich? Tobias Lutze kräuselt ein wenig die Stirn, strubbelt sich durch seinen Blondschopf, und dann deutet er auf sein Telefon: "Anrufen, Mails schreiben, nachhaken", sagt er, und: "Halt einfach nicht aufgeben."

Seine Mission ist auch wirklich keine einfache. Im überhitzten Münchner Wohnungsmarkt, auf dem Zigtausende ein neues Zuhause suchen, sucht der Sozialarbeiter (29) Wohnungen für eine Gruppe, die nicht einfach zu vermitteln ist: erwachsene Münchnerinnen und Münchner mit kognitiver Behinderung, also einer Intelligenzminderung.

"Auch diese Menschen haben ein Recht"

Darunter sind Menschen mit leichten Einschränkungen, die täglich einer Arbeit nachgehen. Oder Betroffene mit Downsyndrom, Autismus-Spektrumsstörung oder auch Mehrfachbehinderung und 24-Stunden-Betreuung. "Denn auch diese Menschen", sagt Lutze, "haben ein Recht darauf, selbstbestimmt und eigenständig an einem guten Ort zu wohnen. Viele können das auch gut, begleitet von ihren Betreuern. Und es ist einfach ein Menschenrecht."

Die "BeWoBe"-Beratungsstelle befindet sich – zusammen mit anderen sozialen Einrichtungen – in der Neuherbergstraße 104 in Milbertshofen.
Die "BeWoBe"-Beratungsstelle befindet sich – zusammen mit anderen sozialen Einrichtungen – in der Neuherbergstraße 104 in Milbertshofen. © Martha Schlüter

Täglich melden sich verzweifelte Eltern

Der Bedarf ist größer, als man denkt. In seinem über Spenden finanzierten Beratungs- und Vermittlungsbüro BeWoBe in Milbertshofen, das die "Augustinum Wohnstätten für Menschen mit Behinderungen" vor zweieinhalb Jahren initiiert haben, habe er fast täglich mit Anrufen von Münchner Eltern zu tun.
"Sie suchen verzweifelt einen freien Wohnplatz für ihr erwachsenes, geistig behindertes Kind", erzählt er. "Sie kämpfen mit einem Riesen-Ämter- und Adressendschungel, in dem sie sich zurechtfinden müssen. Ich bin hier ihr offenes Ohr und ihr Wegweiser." Er helfe bei der Recherche, bei der Kommunikation mit Ämtern und Vermieterinnen und begleite auch bei Besichtigungen. Momentan stünden rund 150 suchende Menschen zwischen 18 und 65 Jahren auf seiner Warteliste.

Wohnheime und inklusive WGs

Einige finden Plätze bei großen Trägern (wie dem Augustinum, Lebenshilfe, Caritas, Helfende Hände oder Gemeinsam Leben Lernen). Etwa in Wohnheimen, im Betreuten Einzelwohnen oder in sogenannten inklusiven WGs, wo sie mit Studierenden zusammenwohnen. Gelegentlich findet sich auch ein Platz in Münchner Pflegefamilien, die auf erwachsene kognitiv eingeschränkte Menschen spezialisiert sind.

Tobias Lutze (29) ist Sozialarbeiter und vermittelt Wohnungen an erwachsene geistig behinderte Münchnerinnen und Münchner.
Tobias Lutze (29) ist Sozialarbeiter und vermittelt Wohnungen an erwachsene geistig behinderte Münchnerinnen und Münchner. © Martha Schlüter

Rund 100 Maklerbüros angeschrieben

"Nur auf dem ganz normalen freien Wohnungsmarkt, auf Plattformen wie Immoscout oder bei Maklerinnen und Maklern", sagt Tobias Lutze, "da bekommen sie fast nur Absagen." An die 100 Münchner Maklerbüros habe er angeschrieben, um seine Beratungsstelle und seinen Klientenkreis bekannt zu machen. Nur ein Drittel habe sich überhaupt zurückgemeldet. "Und dann heißt es fast immer: Die Wohnungseigentümer wollen Menschen mit kognitiven Einschränkungen nicht als Mieterinnen oder Mieter." Es gebe die Sorge, dass man sie "nie wieder aus der Wohnung raus" bekomme. Oder dass die Wohnung womöglich "verwahrlose".

Für Vermieter ist die Lage sehr komfortabel

"Da herrschen extreme Vorurteile", meint Tobias Lutze. Obendrein sei die Lage für Vermieter absolut komfortabel: "Wenn uns eine Firma oder ein Makler Wohnraum meldet, helfen wir mit einem professionellen Hintergrund. Da steht ein ambulanter Dienst dahinter, da gibt es gesetzliche Betreuer, die Miete ist durch öffentliche Träger absolut gesichert, und wir als Beratungsstelle begleiten den gesamten Prozess."

Sozialarbeiter Tobias Lutze (r.) mit Manuel Kraft (38), für den er eine Wohnung sucht.
Sozialarbeiter Tobias Lutze (r.) mit Manuel Kraft (38), für den er eine Wohnung sucht. © Martha Schlüter

Manuel Kraft (38) sucht ein Apartment nahe den Eltern

Zu Tobias Lutzes Klienten gehört auch der 38-jährige Manuel Kraft, der für die AZ mit seinen Eltern Roswitha (70) und Peter Kraft (68) ins Beratungsbüro gekommen ist. Seit fast einem halben Jahr suchen die Eltern für ihren Sohn ein Ein-Zimmer-Apartment im Münchner Süden, nahe dem Elternhaus in Fürstenried. Denn da, wo er aktuell noch wohne, sei der Mietvertrag schon im Februar abgelaufen, nur aus Kulanzgründen dürfe der Sohn noch bleiben.

"Ein Gendefekt, das haben wir erst später erfahren"

Manuel, der noch eine jüngere Schwester hat, sei als Frühchen mit einer leichten geistigen Behinderung auf die Welt gekommen, erzählt seine Mutter Roswitha Kraft, eine gelernte Bilanzbuchhalterin. "Ein leichter Gendefekt, das haben wir aber erst viel später erfahren."
Der Bub sei auf eine Montessori-Förderschule gegangen, dann in eine heilpädagogische Tagesstätte. Als Erwachsener habe er in der Werkstufe einer Caritas-Werkstatt eine handwerkliche Ausbildung gemacht und dann in einer Schreinerei gearbeitet. Inzwischen sei er in Thalkirchen in Vollzeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung angestellt und stelle Metallteile her, auch an schweren Maschinen.

Vor neun Jahren aus dem Elternhaus ausgezogen

Vor neun Jahren sei Manuel Kraft aus dem Elternhaus aus- und in ein betreutes Wohnheim in Giesing eingezogen. Seit über zwei Jahren wohne er dort allein in einem sogenannten Trainings-Apartment – eine abgeschlossene Wohneinheit, 33 Quadratmeter groß mit Schlafbereich, Küchenzeile und Bad. In diesem Projekt, das auf zwei Jahre begrenzt ist, ist er auf ein selbstständiges Leben allein vorbereitet worden. Er lernte mit Betreuern, wie man selbstständig kocht, Wäsche wäscht, die Wohnung putzt und mehr. Das kann er nun – und die Trainingszeit endet jetzt.

"Ich fühl mich da wirklich wohl", sagt Manuel Kraft. "Ich fahre jeden Tag allein mit dem Bus in die Werkstatt. Dann arbeite ich, fahre wieder heim, gehe einkaufen und koche mir was, und manchmal treffe ich auch meine Freundin." Die junge Frau, die ebenfalls eine Behinderung hat, habe er schon vor 18 Jahren im Aufzug bei der Arbeit in der Schreinerei kennengelernt.

Manfred Kraft (38, Mitte) mit seinen Eltern Peter und Roswitha Kraft. Neun Jahre lebt er schon nicht mehr im Elternhaus und möchte auch weiter selbstständig wohnen.
Manfred Kraft (38, Mitte) mit seinen Eltern Peter und Roswitha Kraft. Neun Jahre lebt er schon nicht mehr im Elternhaus und möchte auch weiter selbstständig wohnen. © Martha Schlüter

"Heute geht er offen auf fremde Menschen zu"

Manuel habe sich nach dem Auszug von daheim eine große Selbstständigkeit erarbeitet, sagt seine Mutter. Früher sei er scheu gewesen, habe sich schwer damit getan, um Unterstützung zu bitten. "Heute geht er offen auf fremde Menschen zu." Und beim Münchner Streckennetzplan mit U-Bahn, S-Bahn, Bus und Tram scheine er sogar eine Inselbegabung zu haben. "Den kennt er wirklich komplett auswendig, in der Stadt verläuft er sich auf keinen Fall."
Nur geschäftliche und finanzielle Dinge könne ihr Sohn nicht selbst unterschreiben, das erledigen die Eltern, die seine gesetzlichen Betreuer sind. Auch beim nächsten Mietvertrag.

"Zwei Apartments waren in desolatem Zustand"

Eine Wohnung finden ist dennoch nicht leicht. Auf 160 Wohnungsinserate habe Manuel Kraft sich beworben. "Wir sind nur vier Mal zur Besichtigung eingeladen worden", sagt seine Mutter. "Zwei Apartments waren in einem absolut desolaten Zustand, die anderen zwei haben wir nicht bekommen."
Klar, er könnte notfalls – neun Jahre nach seinem Auszug – auch wieder daheim in sein Kinderzimmer zurückziehen. "Aber das wäre ein Rückschritt", sagt seine Mutter. "Wir Eltern werden alt, Manuel muss jetzt selbstständig voranschreiten." Denn natürlich denkt sie auch schon weit voraus. "Ich möchte beruhigt sein, dass mein Kind versorgt ist und sich selbst versorgen kann, wenn wir mal nicht mehr da sind.“

Vermieterinnen und Vermieter, die zur Wohnungsvermittlungsstelle BeWoBe Kontakt aufnehmen möchten, wenden sich an Tobias Lutze unter Tel: 0151/ 57 60 7162 oder per Mail an: tobias.lutze@augustinum.de
Mehr Infos: www.bewobe.de

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